HOME

Aufstand gegen Gaddafi: Ausländer fliehen in Massen aus Libyen

Die Gewalt in Libyen hat eine Massenflucht von Ausländern aus dem nordafrikanischen Land ausgelöst. Von Deutschland über die Türkei bis zu den USA bemühten sich Staaten am Mittwoch, ihre Landsleute mit Schiffen oder Flugzeugen in Sicherheit zu bringen.

Zurückgekehrte sprachen von albtraumhaften Zuständen und Todesangst angesichts der Kämpfe zwischen Aufständischen und Anhängern von Machthaber Muammar Gaddafis. Dieser schien weitgehend die Kontrolle über Tripolis zu halten. Die Straßen dort waren menschenleer. Die ehemalige Kolonialmacht Italien schloss nicht aus, dass bei den Kämpfen mindestens 1000 Menschen ums Leben gekommen sein könnten. Die EU-Mitgliedsstaaten nahmen Gespräche über Sanktionen auf.

Die Türkei leitete nach Angaben von Außenminister Ahmet Davutoglu die größte Evakuierungsaktion ihrer Geschichte ein. In Libyen, früher ein Teil des Osmanischen Reiches, leben 25.000 Türken. Allein aus der östlichen Stadt Benghasi wurden 3000 Türken mit einer Fähre in Sicherheit gebracht, nachdem sie in einem Fußballstadion Zuflucht gefunden hatten. Insgesamt 21 Länder hätten um Unterstützung gebeten, sagte Davutoglu. Die EU-Kommission kündigte an, rund 10.000 Bürger der Gemeinschaft außer Landes bringen zu wollen.

Auch das Auswärtige Amt in Berlin bemühte sich, den Deutschen im Land bei der Ausreise zu helfen. Am Vormittag landete ein Airbus der Bundeswehr in Tripolis, eine Lufthansa-Sondermaschine mit 330 Plätzen wurde am frühen Nachmittag dort erwartet. Das Auswärtige Amt gehe davon aus, dass sich noch etwa 150 Deutsche in der Hauptstadt Tripolis aufhielten, sagte Außenminister Guido Westerwelle. Weitere 100 Deutsche befänden sich wohl im Landesinnern.

Plötzlich Chaos

Zurückkehrende berichteten von einem plötzlichen Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung. "Vor fünf Tagen fühlten wir uns noch richtig sicher", sagte ein Passagier am Flughafen Roissy-Charles de Gaulle in Paris der Nachrichtenagentur Reuters. "Man hätte nicht vorhersagen können, dass die Lage so schnell so schlecht wird." In Istanbul sprach der Rückkehrer Adil Yasar davon, wie er und seine Landsleute zwei Tage lang ohne Wasser oder Nahrung ausgeharrt hätten. "Die Zeit am Flughafen wurde zu einem Albtraum", sagte er. "Schlägereien brachen aus. Alle waren außer sich."

Zeuge: Bewaffnete Anhänger Gaddafis ziehen durch

In der libyschen Hauptstadt selbst blieb es zuletzt offenbar ruhig. Sonst volle Straßen waren leer. "Viele Menschen in Tripolis haben Angst, ihre Häuser zu verlassen", sagte der Tunesier Marwan Mohammed, als er die Grenze zu seiner Heimat überquerte. Bewaffnete Anhänger von Gaddafi zögen umher und bedrohten alle, die in einer Gruppe zusammenkämen.

Gaddafi hatte in einer Fernsehnsprache am Dienstag einen Rücktritt nach vier Jahrzehnten an der Macht ausgeschlossen und erklärt, notfalls als Märtyrer sterben zu wollen. Er hatte auch zu einer Massendemonstration aufgerufen, um Solidarität mit seiner Regierung zu bekunden. Auf dem Grünen Platz im Zentrum von Tripolis kamen am Mittwoch etwa 150 Menschen zusammen.

Der Osten des Landes schien Gaddafis Kontrolle entglitten zu sein. Anwohner in Benghasi, einem Zentrum des Aufstandes, erklärten per Telefon, dort sei die Lage nun ruhig. Auch syrische und ägyptische Arbeiter, die auf dem Weg in aus der Stadt in ihrer Heimat waren, sagten, in Benghasi sei die Gefahr vorüber. Sie verließen das Land nicht wegen der Unruhen, sondern weil es im Moment keine Arbeit gebe. "Wir hoffen, dass wir zurückkehren können", sagte der Ägypter Dschamabel Ahmed Mahmud einem Reuters-Reporter. "Dieses Land war gut zu uns, und wir können es nicht vergessen."

Die Gewalt in Libyen ist international verurteilt worden. Die EU rief Gaddafi am Mittwoch zum Dialog mit seiner Bevölkerung auf. "Die Botschaft, die wir an Oberst Gaddafi schicken, ist: Er kann nicht sein Volk weiter mit Gewalt bedrohen und mit Gewalt vorgehen - was jetzt passieren muss, ist ein Dialog mit dem Volk", sagte die Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton.

Als erstes Staatsoberhaupt fordert Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy die Einführung von Sanktionen. Während Westerwelle erneut Strafmaßnahmen androhte, äußerte sich Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle zurückhaltend. Italien und Malta verwiesen auf die Gefahr einer Flüchtlingswelle und wirtschaftlicher Schäden für die Union. Libyen ist für zwei Prozent der weltweiten Ölförderung verantwortlich. Nach Reuters-Berechnungen ist bis zu ein Viertel der Produktion eingebrochen.

AFP / AFP