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Aufstand in Libyen: Der Kampf um Brega, um Öl und Macht

In Benghazi feierten Revolutionäre bereits die Freiheit - doch die ist instabil. Im Westen kämpfen sie erbittert um die Vorherrschaft in Brega. Wer dort beherrscht, hat das Öl - und die Macht.

Von Christoph Reuter, Benghazi

"Murtazaka!", der Schreckensruf dieser Tage in Libyen erklingt am letzten Kontrollposten der Revolutionäre. Der Name der schwarzen Söldnerkommandos aus dem Tschad und anderen bitterarmen Ländern Afrikas, "Murtaazaakaaaa! Sie kommen!!" Panik bricht aus unter den hunderten, die sich hier gesammelt haben. 40, 60, 100 Pickups voller Kämpfer, schwerbewaffnete Killer, seien in voller Fahrt hierhin unterwegs, seien in ein paar Minuten hier! Der Straße ist gut und gerade, nichts hielte sie hier auf.

Die ersten springen in ihre Autos und fliehen, darunter auch Bewaffnete, denen nachgerufen wird "falsche Richtung!", Uniformierte stehen mit angstgeweiteten Augen dort, manche mit Gewehr in der einen, einem Schwert in der anderen Hand. Die Mannschaften an den drei Flugabwehrgeschützen schauen sehr nervös auf ihre Vierlingsläufe aus sowjetischer Produktion.

Woher das Gerücht kommt, weiß niemand.

Eine halbe Stunde verbreitet sich das nächste Gerücht: "Sie sind besiegt! Gaddafis Truppen hauen ab!" Jubel, Gebete, ein alter Mann küsst den Asphalt, "wir werden bis nach Tripolis vorstoßen!" Dann bombardiert ein Jet in der Ferne ein Stück Wüste und nähert sich dem Kontrollposten. Wieder bricht Panik aus, alle rennen in alle Richtungen, die Flugabwehrgeschütze schießen mit ohrenbetäubendem Lärm. Der Jet - zieht eine Schleife und verschwindet wieder. Ohne noch eine Bombe abgeworfen zu haben.

Gaddafis Truppen haben Brega besetzt

Wieder beruhigt sich die Menge aus gestrandeten Zivilisten und Kämpfern der Revolution, meist Ex-Soldaten und jungen Männern. Schließlich klärt sich, dass 200 bis 300 Kämpfer von Gaddafis verbliebenen Truppen, darunter auch Söldner aus dem Tschad, Teile von Brega eingenommen haben. "Benghazi schickt Verstärkung!", sagt ein sehr alter Offizier, der gerade mit dem Militärrat gesprochen hat. Doch auch anderthalb Stunden später sind nur zwei weitere Pickups eingetroffen. Gaddafis Truppen haben Brega gesetzt, genauer: Area A der Stadt. Wo sich das Schicksal Libyen entscheiden könnte. Denn dort liegt der wichtigste Öl- und Gasterminal für Libyens Ölförderung. Bewacht bis zum Mittwoch, als diese Szene geschah, von 30 bis 40 Mann der Sicherheitsabteilung der "Siirt Oil Company", SOC, die sich der Revolution angeschlossen hatten.

Am Freitagabend hat sich die Front etwa 150 Kilometer weiter nach Westen verschoben. Am Nachmittag kämpften Gaddafis Truppen gegen Verbände der Aufständischen in Ras Naluf und westlich davon, am Abend war weiterhin unklar, wer die Oberhand hat.

Doch was heißt inmitten dieser nie gehörten Ortsnamen eigentlich "Kämpfe" und "Truppen"? Am Mittwoch kamen die Söldner aus dem Tschad, die ein angstbebender Flüchtling am Akzent erkannte, in rund 40 Pickups, mit aufmontiertem 12,7-Millimeter-Maschinengewehren, Panzerfäusten und Kalaschnikows. Dazu ungefähr 100 bis 150 Pickups und Jeeps libyscher Verbände, alle in Armeeuniformen, weshalb unklar blieb, ob sie zu den Sondereinheiten unter Befehl des Gaddafi-Sohns Khamis gehörten.

Nachbarschaftsgangs von Brega

Auf der anderen Seite kamen am Spätnachmittag ungefähr 200 Autos, vom Pickup bis zum Kia-Kleinwagen, mit Kämpfern aus Benghazi. Das ist der Krieg in Ostlibyen: wie zu Zeiten der Befreiung von den Italienern vor über 70 Jahren. Je genauer man kennenlernt, wer da wie auf beiden Seiten kämpft, desto unheimlicher, bizarrer wird das Ganze. Beide Seiten erscheinen so schwach, so unorganisiert, als würden zwei Nachbarschaftsgangs in Mogadishu gegeneinander antreten.

Dabei hat Gaddafi schwere Waffen, Panzer, Artillerie, dazu die Luftwaffe. Aber genau deren Schicksal, Piloten, die sich mit ihren Maschinen absetzen oder permanent die Wüste bombardieren anstatt ihrer befohlenen Ziele, lasse ihn zögern, sagen seine Ex-Offiziere in Benghazi: "Er hat Angst, dass sich seine Panzerfahrer genauso absetzen", befindet Dschamal Mansur Sway, ein übergelaufener Luftwaffenoberst.

Revolution aus dem Design Departement

In Benghazi wiederum feiert die Revolution sich selbst, Tag und Nacht, ganze Familien kommen vors alte Gericht am Meer, wo die Komitees der Revolution tagen. Selbst nachts ist der Platz voll, hell erleuchtet, laut von Gelächter und Musik. "Wir haben so lange gelitten, und dann ging alles so schnell", sagt Arwa, eine der jungen Aktivistinnen, "wir müssen das tun. Uns erstmal damit vertraut machen, dass es diese Revolution wirklich gibt!" Zeitungen werden hier herausgegeben, Resolutionen gedruckt, Hilfslieferungen koordiniert.

Die Revolution hat bereits ein "Design Department" im zweiten Stock der Medienzentrale - aber keine schweren Waffen. Im Rekrutierungsbüro für freiwillige Kämpfer kann sich jeder eintragen, wer eine militärische Ausbildung hat (mit Liste zum Ankreuzen für die Waffengattung). Die Nachricht zum Ausrücken werde dann per SMS verschickt - über Gaddafis Mobiltelefonnetze, die er immer noch nach Belieben von Tripolis an- und abschalten kann. "Wir wollen nicht gern kämpfen", sagte schon vor Tagen General Obeidi, der alte und neue Chef der Grenztruppen in Tobruk: "das sind Libyer, unsere Brüder. Sie sollten sich uns anschließen! Sonst fürchten wir um die Einheit des Landes!"

Will Gaddafi dem Osten das Gas abdrehen?

Brega war am Freitag in der Hand der Aufständischen. Ob das so bleibt, weiß niemand. Dorthin führen die Pipelines diverser Öl- und Gasfelder aus dem Süden, das Gelände der SOC, ist einen Quadratkilometer groß, ein Konglomerat von Tank, Fabriken für Nebenprodukte wie Ammonium, und Terminals. Von diesem größten Terminal des ganzen Landes aus werden sowohl Schiffe beladen wie auch die Kraftwerke in Tripolis und in Benghazi beliefert. Ob und in wieweit die Revolution Strom hat, darüber entscheidet vor allem, wer Brega beherrscht.

Zwei ihrer leitenden Angestellten standen mit ihrem Wagen mitten im Schusslärm am Checkpoint, wollten weiter zu ihrer Arbeitsstelle ins Kampfgebiet: "Gaddafis Leute aus Tripolis haben uns schon vor zehn Tagen befohlen, die Gas-Pipeline nach Osten abzudrehen", sagte einer der Produktionsleiter der SOC, Maschallah Agu, schon am Mittwoch: "Aber wir haben uns alle geweigert! Es sind immer noch mehrere hundert Libyer da, die alle Prozesse aufrecht erhalten, sogar 150 Ausländer. Wenn wir die Pipeline schließen, bekommt das Kraftwerk kein Gas und Benghazi keinen Strom mehr." Sicher bestätigen ließ sich seine Aussage nicht, Muftah Kafadschi, der Kontrollchef der Gasabfüllanlage in der SOC, sagte später dazu, "dass eine Schließung der Pipeline auch den Gasfluss nach Tripolis gen Westen kappen würde. Das wird Gaddafi nicht tun."

Hell erleuchtet die Corniche von Benghazi

Es ist eine fast unwirkliche Situation: In Benghazi geht das Leben normal weiter, zumindest bis Freitagabend. Die Corniche am Mittelmeer ist abends eine Lichterkette, es gibt Benzin, Strom, die Öl- und Gasförderung laufen weiter, während anderthalb Autostunden weiter westlich wilde Milizen ihren Guerrillakampf mit Panzerfäusten und Maschinengewehren austragen zwischen milliardenteuren Gasleitungen und Verladeterminals.

Am Mittwochabend feierte die Revolution bereits ihren Sieg auf dem Corso vor dem Gericht mit einem Feuerwerk. Rot, grün, leuchtend und laut wurde der Nachthimmel gesprenkelt. Am Freitagabend wechselten Explosionen aus der Ferne, von denen keiner sagen konnte, woher sie kommen, mit Salven aus Gewehren und Flugabwehrgeschützen, Statements einer wilden Entschlossenheit. Am Flughafen hat es schwere Explosionen im größten Munitionsdepot der Stadt gegeben, Dutzende Tote und Verletzte wurden in die Krankenhäuser gebracht. Nichts ist vorüber.