HOME

AUGUST-PUTSCH: Der Anfang vom Ende der UdSSR

Vor zehn Jahren stockte der Welt der Atem: Kommunistische Putschisten versuchten, in Moskau die Macht zu erlangen und Staatschef Michail Gorbatschow zu stürzen.

Bis zu ihrem Losschlagen in der Nacht zum 19. August 1991 hatte die sowjetische Machtelite stalinistischer Prägung eine lange Leidenszeit unter der Reformpolitik von Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow hinter sich: Eiserner Vorhang und Berliner Mauer als Frontlinien des Kalten Krieges waren gefallen und mit ihnen die kommunistischen Systeme in Ungarn, Tschechoslowakei, Polen und der DDR. Im Inneren des Riesenreichs selbst rumorten Unabhängigkeitsbestrebungen, die Gorbatschow mit einer Lockerung der zentralistischen Zügel bei gleichzeitig erneuter Stärkung seiner Vollmachten in den Griff bekommen wollte.

Drei Tage hielten die Welt in Atem

Was in den frühen Morgenstunden mit einer amtlichen Krankmeldung Gorbatschows durch Vizepräsident Gennadi Janajew begann, sollte als Putsch kommunistischer Hardliner die Welt drei Tage lang in Atem halten und das globale Machtgefüge am Ende gründlich verändern. Die Supermacht Sowjetunion zerfiel, Gorbatschow trat Ende des Jahres als ihr letzter Präsident zurück. Der neue starke Mann im Kreml wurde der damalige russische Präsident Boris Jelzin, ein langjähriger Widersacher, dem die Reformen Gorbatschows nicht weit genug gingen.

Streitpunkt Souveränität der Sowjetrepubliken

Dabei war Gorbatschows Reform des sowjetischen Staatswesens der Tropfen, der für seine konservativen Gegner das Fass zum Überlaufen brachte. Souverän statt sozialistisch sollten die 15 Republiken offiziell künftig heißen, und besiegelt werden sollte dieser Abschied von der Staatsideologie am Dienstag, dem 20. August 1991, mit der Unterzeichnung eines neuen Unionsvertrages in Moskau. Am Montag wurde Gorbatschow nach seinem Sommerurlaub auf der Krim in der Hauptstadt zurück erwartet.

Doch das verhinderten die Putschisten. Letztlich sollte den Apparatschiks um Janajew, Ministerpräsident Valentin Pawlow, Innenminister Boris Pugo, KGB-Chef Wladimir Krjutschkow und Verteidigungsminister Dmitri Jasow nur dieser erste Schlag, die Isolierung Gorbatschows auf der Krim, gelingen. Sie setzten das sowjetische Medienzeremoniell in Gang, mit dem das Volk gewöhnlich auf den Tod von Staats- und Parteichefs, diesmal aber auf das Ende der Perestroika vorbereitet wurde: Funk und Fernsehen sendeten Trauermusik. Dann wurde über mehrere Teile der Sowjetunion der Ausnahmezustand verhängt; ein achtköpfiges »Staatskomitee für den Ausnahmezustand« übernahm die Macht.

Jelzin riss sofort die Initiative an sich

Doch schon im Laufe des ersten Tages riss Jelzin die Initiative an sich. Gegen Mittag kletterte der einst von Gorbatschow kalt gestellte Radikalreformer auf einen der vor dem russischen Parlament aufgefahrenen Panzer und erklärte vor nur 150 Zuhörern das Vorgehen des »Notstandskomitees« für verfassungswidrig. Er rief zu Streiks mit der Forderung nach Gorbatschows Rückkehr auf.

Barrikaden vor dem »Weißen Haus«

Die Putschisten hatten Massendemonstrationen - wenn überhaupt - wohl auf dem großen Manegenplatz fast zwei Kilometer von dem russischen Parlament entfernt erwartet; doch Jelzins Rede ließ die Menschen nun zu dem auch »Weißes Haus« genannten Gebäude strömen. Innerhalb weniger Stunden schwoll die Menge auf 5.000 Menschen an, Barrikaden wurden errichtet. Kurz vor Sonnenuntergang dann der zweite Auftritt Jelzins. Von einem Balkon aus rief er, dass der Putsch scheitern werde. Zehn Panzer fuhren auf den Platz vor dem Weißen Haus - und schlossen sich den Jelzin-Anhängern an.

Am Dienstag strömten Zehntausende auf den Platz vor dem »Weißen Haus«. Aufrufe der Witwe des Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow, Jelena Bonner, und des ehemaligen sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse sorgten für weiteren Zulauf.

Putsch forderte drei Todesopfer

In der Nacht zum Mittwoch, dem 21. August, begann die gefährlichste Phase in der Konfrontation zwischen Putschisten und Jelzin-Anhängern. Schüsse fielen, Panzer rollten, Menschen schrieen. Zu den drei Todesopfern des Putsches kam es durch ein tragisches Missverständnis: Eine abrückende Schützenpanzerkolonne wurde von der Menge an einer U-Bahnstation gestellt, die einen Angriff vermutete. Ein Demonstrant wurde erschossen, zwei wurden überfahren.

KGB-Einheit verweigerte Befehl zum Blutbad

Im »Weißen Haus« wurde jederzeit mit einem Angriff der KGB-Elitetruppen gerechnet. Die Menge vor dem Gebäude wurde über Lautsprecher aufgefordert, einen 50 Meter breiten »Schussstreifen« freizumachen. Doch der Angriff blieb aus, bei Tagesanbruch hatte die Widerstandsbewegung gesiegt. Die Antiterroreinheit des KGB, »Alpha«, teilte später mit, ihr sei befohlen worden, das Gebäude »um jeden Preis« einzunehmen. Nach ihrer Weigerung blieb den Putschisten nur die Flucht, Pugo erschoss sich. 15 Personen wurden später als Verschwörer bezeichnet, zwölf von ihnen der Prozess gemacht.