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Strategische Propaganda Beim IS werden Haltlose und Psychopathen zu Helden

Ein Leichenwagen steht am Tatort des Anschlags von Ansbach, wo sich ein 27-jähriger Syrer in die Luft sprengte
"Es ist schwierig, gewöhnliche Menschen aus der Distanz zu zerstörerischen und selbstzerstörerischen Handlungen anzustacheln", sagt der Terrorismusexperte Michael Jenkins vom Rand-Institut in den USA (Im Bild: Der Tatort des Selbstmordanschlags von Ansbach)
© Daniel Karmann/DPA
Der "Islamische Staat" stachelt Menschen aus der Ferne zu extremen Gewalttaten an. Das ist schwer und bedarf einer speziellen Zielgruppe. Die Terrormiliz sucht nach Menschen, die bereits zwischen einer Fantasiewelt und der Realität hin- und herschlittern.

Nicht alle Dschihadisten sind psychisch schwer gestört, nicht alle Menschen mit psychischen Problemen greifen zur Gewalt: Wenn aber ein nach Gewalt dürstender Mensch von der Ideologie des "Islamischen Staates" (IS) eingefangen wird und damit einen Lebenssinn sowie ein Heilsversprechen bekommt, so entsteht daraus nach Experteneinschätzung ein gefährlicher Mix. Dessen Entladung kann dann - einem Blitz vergleichbar - eine unvorhersehbare Gewalttat, ein Massaker zur Folge haben.

Nach jeder Gewalttat im öffentlichen Raum steht derzeit die bange Frage im Raum: Steckt die Dschihadistenmiliz IS dahinter? An diesem Montag, nach dem Anschlag von Ansbach, lässt die Antwort nicht lange auf sich warten: Die IS-nahe Agentur Amaq berichtet, der 27-jährige Täter aus Syrien sei "Aufrufen" gefolgt, die Staaten der internationalen Militärkoalition gegen den IS im Irak und in Syrien "ins Visier zu nehmen". Der IS bezeichnet die Täter in solchen Fällen als seine "Soldaten" - ohne preiszugeben, worin genau die Verbindung bestand.

Der abgelehnte syrische Asylbewerber von Ansbach hatte laut dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU) "ausdrücklich einen Racheakt gegen die Deutschen" angekündigt, "weil sie sich dem Islam in den Weg stellen, als Vergeltung für das Umbringen von Muslimen". Der Polizei war der Mann wegen Drogen- und Nötigungsdelikten bekannt. Er galt bei den Behörden als psychisch instabil, zwei Selbstmordversuche sind aktenkundig.

"Schwierig, aus der Distanz anzustacheln"

"Es ist schwierig, gewöhnliche Menschen aus der Distanz zu zerstörerischen und selbstzerstörerischen Handlungen anzustacheln", sagt der Terrorismusexperte Michael Jenkins vom Rand-Institut in den USA. Der IS wende sich an jene, "die bereits zwischen einer Fantasiewelt und der Realität hin- und herschlittern". So werde der IS zum "Magneten für Psychopathen".
In Frankreich ist die Debatte über das Motivgemisch islamistischer Attentäter schon länger virulent, dort gab es in wenigen Monaten mehrfach große Anschläge, zuletzt in Nizza: Der Tunesier Mohamed Lahouaiej Boulhel tötete dort 84 Menschen, indem er mit einem Lastwagen am Nationalfeiertag am 14. Juli über die Strandpromenade raste.
Über den Attentäter von Nizza ist inzwischen bekannt, dass sein Lebenswandel wenig mit dem eines typischen muslimischen Gläubigen gemein hatte. "Er aß Schweinefleisch, trank Alkohol, nahm Drogen und hatte ein ausschweifendes sexuelles Leben", sagte der Pariser Staatsanwalt François Molins. Erst vor kurzer Zeit entwickelte Boulhel "ein Interesse für den radikalen Dschihadismus". Auf seinem Computer hatte er vor der Tat nach Bildern von Verkehrsunfällen gesucht.

Sektenartige Methoden des IS

"Der IS hat diesen Menschen nicht erfunden", sagt die frühere Profilerin der US-Bundespolizei FBI, Mary-Ellen O'Toole, über Boulhel. "Er war schon auf dieser Piste unterwegs und der IS wirkte wie ein Verstärker." Hinter terroristischen Taten stünden "alle möglichen Arten von Motivationen", befindet der Psychiater William Reid. Die Motivationen und Taten hätten eine innere "Logik" - aus der Sicht des Täters seien sie nicht "verrückt" oder "sinnlos".

Der IS hat sektenartige Methoden entwickelt, wie er Haltlose für den Dschihad gewinnen kann, meinen Experten. Persönliche Frustration und Gefühle von Ungerechtigkeit werden von den IS-Propagandisten vor allem im Internet genutzt. Die Angeworbenen sollen dort zuschlagen, wo sie leben - und dabei jede verfügbare Waffe einsetzen. Religion sei bei alledem nur eine Zutat, sagt der Rand-Experte Jenkins. Oftmals hätten die Täter vom Islam nur bescheidene Kenntnisse. "Kurze Begegnungen im Internet" seien in solche Fällen die einzigen Verbindungen. Die Täter aber könnten sich sicher sein, dass der IS ihnen applaudiere und sie "zu Helden erklärt". Jeder einzelne Attentäter werde damit zum "Teil eines epischen Kampfes", fügt Jenkins hinzu. "Sie bekommen einen Weg ins Paradies aufgezeigt."

fin/Fran Blandy AFP

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