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Belagerter Ort Jarmuk in Syrien: "Die Waffen schweigen, der Hunger tötet uns"

Ein Kilo Linsen kostet 60 Euro, Mehl gibt es im syrischen Jarmuk seit August nicht mehr. Menschen sterben nicht im Kampf sondern verhungern. Die Friedenskonferenz ist kein Anlass zur Hoffnung.

Seit sieben Monaten ist Jarmuk - ein Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus - von Truppen des Assad-Regimes eingeschlossen. Lebensbedrohlicher als die Kämpfe mit der Miliz ist der Hunger. stern-Reporter Steffen Gassel führte via Skype ein Gespräch mit dem Aktivisten Farouk al-Rifai*.

Bei den Syrien-Gesprächen in Genf haben Vertreter von Präsident Assad in Aussicht gestellt: Frauen und Kinder sollen die von der Armee abgeriegelten Teile der Großstadt Homs bald verlassen können. Ist das auch ein Hoffnungszeichen für die Menschen in Ihrem Viertel?

Assads Armee und mit ihr verbündete Milizen haben unser Viertel seit Anfang Juni eingekreist. Seitdem sind hier 40.000 Menschen von jeder Versorgung abgeschnitten. Die Nachrichten aus Genf verfolgen die meisten hier aber kaum.

Warum?

Weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, nach Nahrung für sich und ihre Familien zu suchen. Es wird jeden Tag schwerer, etwas zu essen zu organisieren. Seit November sind allein in Jarmuk über 60 Menschen an den Folgen von Unterernährung gestorben. Heute gab es zwei neue Opfer. Eine alte Frau fanden wir verhungert in ihrer Wohnung. Ein junger Mann wurde völlig entkräftet zur Gesundheitsstation gebracht. Aber er starb bevor sie versuchen konnten, ihm zu helfen.

Haben die Menschen denn gar keine Hoffnung, dass sich ihre Lage verbessert?

Die Delegation der Opposition in Genf hat die Interessen aller Syrer im Blick – nicht nur die einer kleinen Gruppe wie die Vertreter des Regimes. Das ist gut. Hoffnung schöpfen die Menschen hier daraus aber kaum. Sie haben gesehen, wie aggressiv dieses Regime ist. Und sie wissen, dass die Not der Menschen Assad egal ist. Vor einigen Tagen fanden Aktivisten eine 85-Jährige, die apathisch und verwirrt am Straßenrand saß. Als sie sie nach Hause brachten, fanden sie dort die Leichen ihrer beiden Enkel und ihres älteren Bruders. Alle drei waren verhungert. Sie hatten zu viert in dieser Wohnung gesessen und einer nach dem anderen war gestorben bis nur noch sie übrig war. "Ich kann nicht mehr. Was sollen wir denn noch ertragen", murmelte sie immerzu.

Welche Lebensmittel gibt es in Ihrem Viertel denn überhaupt noch?

Zwiebeln und Radieschen, das Bund zu 3 Euro. Ganz selten sind auch Fleisch und Hülsenfrüchte erhältlich, aber zu Preisen, die sich kaum jemand leisten kann. Ein Kilo Lammfleisch kostet 55 Euro, ein Kilo Linsen 60 Euro. Brot haben wir in Jarmuk seit über fünf Monaten nicht mehr, das Mehl ist Anfang August ausgegangen.

Wie können sich die Menschen unter diesen Bedingungen ernähren?

Wer es sich leisten kann, isst gekochte Zwiebeln. Doch viele Menschen haben wegen der Belagerung seit Monaten keine Arbeit und kein Einkommen mehr. Sie kochen Wasser mit Pfeffer oder Kreuzkümmel und trinken es dann. Der Geschmack der Gewürze hilft, den Hunger für einige Zeit zu vertreiben. Andere haben begonnen, Gras und Kaktusblätter zu ernten. Sie entfernen die Stacheln, kochen das Grün und versuchen es dann zu essen.

Vertreter des Regimes rechtfertigen die Belagerung mit dem Kampf gegen Rebellen, die sich in Jarmuk verschanzt haben – nur wenige Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt entfernt.

Die sind Anfang November von hier abgezogen. Die einzigen Bewaffneten, die es hier noch gibt, sind Bewohner des Viertels. Sie sind zu unserer Verteidigung da. Seit mehr als zwei Monaten hat es in Jarmuk kaum noch Kämpfe gegeben. Seit einigen Tagen gibt es sogar eine Art Waffenstillstand.

Wie kam der zustande?

Assad wollte vor Beginn der Verhandlungen in Genf den Eindruck erwecken, dass er die Lage in Damaskus wieder unter Kontrolle hat. Es sollte Ruhe herrschen.

Die Belagerung geht weiter – trotz einem Ende der Kämpfe?

Ja. Die Scharfschützen der Armee schießen auf jeden, der versucht, aus Jarmuk zu entkommen. Sie haben auch mehrere Menschen erschossen, die auf den Feldern am Südrand des Viertels Gras und Kräuter geschnitten haben. Aber insgesamt sterben bei uns jetzt mehr Menschen an den Folgen des Hungers als durch Gewehrkugeln und Bomben.

Vor einigen Tagen gab es Fotos mit Lebensmittelkartons der UN aus ihrem Viertel.

Das stimmt. Am 18. Januar schickte die UN eine Lieferung von 1000 Paketen Richtung Jarmuk los. Aber nur 30 kamen bei den notleidenden Menschen hier an. Über 800 Kisten wurden gestohlen. Es heißt, sie seien später an die Familien Assad-treuer Milizen im Nachbarviertel Tadamun verteilt worden. Von den 150 Kartons, die in Jarmuk ankamen, gingen 120 an die Angehörigen der mit Assad verbündeten Lokal-Miliz PFLP-GC, die den Transport ins Lager mit arrangiert hatte.

Die meisten Menschen in Jarmuk sind Palästinenser. Das Viertel war vor Beginn des Kriegs jahrzehntelang das größte palästinensische Flüchtlingslager in Syrien.

Das macht unsere Lage besonders schwierig. Die PFLP-GC ist eine palästinensische Miliz, aber sie hat mit Assad kooperiert und die eigenen Leute verraten. Nun hält sie die Belagerung mit aufrecht, weil sie die Rache der eigenen Leute fürchtet. Und die Menschen leiden und sterben weiter. Gerade haben wir hier ein großes Plakat an einer Hauswand aufgehängt, 15 mal 30 Meter groß. Darauf steht: "Wenn ihr in Genf keine Lösung findet, um uns zu retten, dann schickt uns doch zurück in unsere von Israel besetzte Heimat. Das ist uns lieber, als hier zu verhungern."

*Um sich und seine Angehörigen zu schützen, benutzt der Aktivist das Synonym Farouk al-Rifai.

Interview: Steffen Gassel