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US-Wohnungsbauminister: Die bizarre Welt des Neurochirurgen Ben Carson

Waren die Pyramiden keine Grabstätten, sondern riesige Kornspeicher? Ben Carson, Umfrage-Spitzenreiter der US-Republikaner sagt: ja, klar. Ausflug in die sehr oft sehr seltsame Welt des ehemaligen Starchirurgen.

Von Niels Kruse

Ben Carson

Weltberühmter Chirurg, weltfremder Politiker: der US-Republikaner Ben Carson

Amerika, Du hast es besser. Nicht im Sinne von gut, im Sinne von unterhaltsam. Vor allem in die Politik verirren sich immer wieder obskure Gestalten, die mit bizarren bis befremdlichen Ansichten amüsieren. Ex-Präsident George W. Bush war immer für ein Bonmot gut. Besonders auffällig aber wurde einst Sarah Palin, die 2008 etwa davor warnte, Nachrichten zu schauen, weil die dumm und depressiv machten. Die ihre außenpolitischen Fähigkeiten damit begründete, dass sie von ihrem Zuhause in Alaska Russland sehen könne. Ein würdiger Nachfolger für die frühere Gouverneurin, die natürlich nicht Vize-Präsidenten der Vereinigten Staaten wurde, wird bis heute gesucht. Die besten Chancen hat bislang Ben Carson - ein erzkonservativer Republikaner, der im Wahlkampf kurzzeitig sogar einmal beliebeter war als Donald Trump.

Pharaonengräber waren Kornspeicher

Die US-Seite "Buzzfeed" hatte ein älteres Video des Präsidentschaftskandidaten ausgegraben, in dem er vor Studenten ganz neue Blickwinkel auf alte Gewissheiten öffnet. Nach seiner Auffassung nämlich waren die Pyramiden in Ägypten keine Pharaonengräber, sondern biblische Getreidespeicher. Von Sender CBS jetzt erneut auf diese Theorie befragt, sagte er, dass er dies immer noch glaube. Denn die vielen hermetisch abgeschlossenen Kammern in den Pyramiden seien dazu gut geeignet, so Carson. Dass die Pyramiden - wie Archäologen sagen - als Grabmäler für die Herrscher am Nil gebaut wurden, hält er für wenig wahrscheinlich. Ebenso unwahrscheinlich übrigens wie die Annahme, die Gebäude seien von Außerirdischen erbaut worden. "Ich habe mir von Experten sagen lassen, dass es dazu keine Aliens brauche, solange Gott bei einem ist."

Kreationist und Neurochirurg

Immerhin - der Glaube ersetzt bei Ben Carson, 65, noch nicht völlig die Wissenschaft, obwohl er als Kandidat der besonders frömmelnden und konservativen "Tea Party" gilt (wie auch schon Sarah Palin), deren Anhänger die Bibel gerne wörtlich nehmen und auch leben. Ironischerweise ist der einzige schwarze Präsidentschaftskandidatenbewerber zwar Kreationist, aber auch weltberühmt für seine Arbeit als Neurochirurg. In Deutschland wurde er 2004 bekannt, als er in einer 18-stündigen Operation die siamesischen Zwillinge Lea und Tabea aus Lemgo voneinander trennte. Nur eines der Mädchen, die an den Köpfen zusammengewachsen waren, überlebte die schwierige Operation.

Das Portal Vox ist auf einen Beitrag gestoßen, der das superreligiöse Weltbild des Republikaners offenbart. Die US-Seite zitiert Carson aus seiner Rede anlässlich einer Veranstaltung namens "Celebration of Creation" (in etwa: Die Schöpfung preisen), in der er sowohl der Evolutions- als auch der Urknalltheorie widerspricht. Er persönlich glaube, dass der Teufel hinter der von Charles Darwin entwickelten Evolutionstheorie stecke, so der Arzt. "Und der Urknall", sagte Carson weiter, "ist ein Märchen", für das ihm schlicht der Glaube fehle. 

Carsons Rede von 2012

Bislang trat der Arzt, der der sektenartigen Kirche des "Siebenten-Tags-Adventisten" angehört, in der Öffentlichkeit eher als steifer und ruhiger Wahlkämpfer auf. Donald Trump bezeichnete ihn während des Wahlkampfs deshalb als Schlafmütze - was Carson mit besonders gewagten Äußerungen quittierte. So würde er als Präsident zum Beispiel den Steuersatz auf zehn, maximal 15 Prozent senken, was allerdings selbst wirtschaftsliberalen Vertretern zu abenteuerlich ist. 

Mehr Waffen, weniger Tote

Regelrechte Empörung erntete Carson, als er im Oktober 2015 beim Sender CNN behauptete, dass der Holocaust deutlich weniger Tote gefordert hätte, wenn "die Bürger in Deutschland Waffen gehabt" hätten. Zur Erklärung fügte er an: "Die Wahrscheinlichkeit, dass Hitler seine Ziele erreicht, wäre stark verringert worden, wenn die Menschen bewaffnet gewesen wären." Carson verwies dabei auf sein eigenes Buch "A More Perfect Union", in dem er schreibt, die Deutschen seien Ende der 1930er Jahre von der Regierung entwaffnet worden. "Es gibt einen Grund dafür, dass diese Diktatorentypen als erstes die Waffen wegnehmen." Diese, historisch völlig unhaltbare Ansicht äußerte er nur wenig Tage nach dem Massaker am Umpqua College in Roseburg, Oregon

Besonders schlecht kam auch Carsons Aussage an, nach der ein Muslim nicht US-Präsident werden könne, da der islamische Glauben im Widerspruch zur US-Verfassung stehe, wie er Ende September in der TV-Sendung "Meet the press" auf NBC sagte. Offenbar merkte der damalige Kandidatenkandiat selbst schnell, dass er damit wohl zu weit gegangen war. Nur wenige Tage ruderte er zurück: "Es ist mir egal, was jemand für religiöse Überzeugungen hat oder was sein religiöses Erbe ist", sagte Carson bei einer Wahlkampfveranstaltung in Ohio. "Wenn sie (die Muslime, d.Red.) die amerikanische Kultur annehmen, wenn sie unsere Verfassung annehmen und gewillt sind, das über ihren religiösen Glauben zu stellen, habe ich kein Problem damit."

"Meet the Press" mit Ben Carson

(Anmerkung: Der Text stammt von Anfang November 2015, als Carson Präsidentschaftskandidat war. Wir haben ihn Ende November 2016 leicht angepasst und erneut veröffentlicht, d. Red.)