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US-Vorwahlen Mögen Demokratie und Wahnsinn beginnen

Trump Vorwahl Iowa
Umstritten wie umjubelt: Milliardär Donald Trump gilt bei den Republikanern als einer der Favoriten
© Joe Raedle/Getty Images/AFP
Es wird ernst für Hillary Clinton, Donald Trump und den anderen: In Iowa beginnen die Vorwahlen, aus denen die US-Präsidentschaftskandidaten hervorgehen. Dieser Wahlkampf fördert das Dümmste und das Beste einer Demokratie zutage.
Von Norbert Höfler, New York

Gleich knallt es. "Bam, bam, bam!" Ted Cruz, Senator aus Texas, leert das Magazin einer AR-15. Das Gewehr wird dabei mächtig heiß. Um den Lauf hat er ein Stück Schinken gewickelt. Davon probiert er jetzt einen Bissen. Guckt stolz und sagt: "Aaahhh, so grillen wir in Texas." Der Werbeclip wurde im Netz zum Hit.
Es riecht nach Pulver und Barbecue - Amerika rüstet zu den "Primaries". Sie sind Vorspiel zum größten und teuersten Politikspektakel der Welt: der Wahl des nächsten US-Präsidenten. Zwölf Republikaner, drei Demokraten und vielleicht noch ein parteiloser Überraschungskandidat sind im Rennen. Jeder von ihnen will unbedingt ins Weiße Haus. Da sind fast alle Mittel recht. Demokratie, Geld und Wahnsinn verrichten ihr Werk.


Bei den Republikanern liegen Bewerber mit radikalem politischem Profil vorn, wie der Waffennarr Ted Cruz oder Donald Trump, der Milliardär aus New York, der an der Grenze zu Mexiko eine Mauer gegen illegale Einwanderer bauen will.
Marco Rubio, der sehr konservative und sehr religiöse Senator aus Florida, liegt auf Platz drei. Der 44-Jährige ist der Jüngste und einer der kleinsten Männer im Rennen. Das macht ihm offenbar zu schaffen. Rubio trägt Stiefeletten mit fünf Zentimeter hohen Absätzen. Auch er zeigt sich gern mit einer Waffe in der Hand, wie "Machine-Gun-Ted", sein ärgster Konkurrent.

Vom schlimmen Buben zum sanften Adventisten

Die Republikaner haben noch viel extremere Bewerber als diese drei im Aufgebot. Rand Paul zum Beispiel fräste kürzlich mit einer Motorsäge durch 70.000 Seiten Papier. Nach getaner Arbeit sagte er: "So killt man Steuergesetze." Er ist von der Idee besessen, den Staat auf das Allernötigste zu schrumpfen.
Aber selbst er wirkt noch klar und gediegen, misst man ihn an Ben Carson. Der, ein verrenteter Neurochirurg, ist fest davon überzeugt, dass Josef, der Mann von Maria, die Pyramiden bauen ließ, als Kornspeicher für das auserwählte Volk. Carson besteht außerdem darauf, als Junge im Wutrausch beinahe seine Mutter ermordet zu haben. Das stimmt zwar nicht, dramatisiert aber seine Lebensgeschichte vom schlimmen Buben zum sanften Adventisten. Präsident wird er sicher nicht. Gott sei Dank!


Bei den Demokraten dominiert Hillary Clinton in landesweiten Umfragen. Ihr Sieg ist aber noch nicht gewiss. Die Herzen fliegen einem anderen zu: Bernie Sanders, 74, selbst ernannter Sozialist und Liebling der Studenten. Sanders will eine "Revoluuuuschen!", einen Volksaufstand starten, "gegen Wall Street und das ganze korrupte System". Dabei sitzt der Mann als Berufspolitiker seit 25 Jahren in Washington. Gegen ihn wirkt Hillary Clinton mit ihren seriösen Politikplänen brav und sehr bieder. Sie müht sich wohl um mehr Lockerheit, etwa mit Tanzeinlagen in seichten TV-Talkshows, was aber so gar nicht zu der 68-Jährigen passt.

Im Juli geht der US-Wahlkampf dann richtig los

Nun fiebert der politisch interessierte Teil Amerikas den ersten Vorwahlen entgegen - die Wahlbeteiligung lag 2012 bei 58 Prozent. Den Anfang macht Iowa am 1. Februar. Die Iowaner gelten bei Wahlforschern als unberechenbar. Es folgen Abstimmungen in allen anderen 49 US-Bundesstaaten. Am 1. März, dem Super-Tuesday, wird an einem Tag in 14 von ihnen gewählt. Dann mendeln sich bei Republikanern und Demokraten die Kandidaten heraus, die im Juli bei Parteikongressen endgültig nominiert werden. Für die zwei Sieger beginnt fortan der richtige Präsidentschaftswahlkampf.
Es ist ein Marathon zur Macht. Hillary Clinton und Donald Trump zum Beispiel starteten ihre Kampagnen schon im Frühjahr 2015. Beide wären dann über eineinhalb Jahre im Wahlkampf. Gewählt wird am 8. November. Gleichzeitig stimmen die US-Bürger über ein Drittel der Senatoren und über alle Mitglieder des Repräsentantenhauses ab. Die Demokratie zelebriert ein herrliches Gemetzel.

Trump hat nur vier Millionen für TV-Clips ausgegeben

Es sind goldene Zeiten für die Wahlkampfindustrie - für Berater, Demoskopen, Werber und Strippenzieher aller Couleur. Für den Wahlkampf 2012 gaben alle Kandidaten zusammen sechs Milliarden Dollar aus. Allein Obamas Kasse war mit fast 875 Millionen Dollar gefüllt. Das Gute an Amerikas Demokratie ist, dass diese Daten öffentlich gemacht werden müssen.

So weiß man jetzt schon auf den Dollar genau, wie viel die aktuellen Kandidaten und ihre Unterstützer bisher zum Beispiel für Werbespots ausgegeben haben. Team Rubio investierte 32,6 Millionen Dollar. Sanders: 12,8. Clinton: 11,6. Christie, Republikaner aus New Jersey: 11,4. Carson: 4,6. Cruz: 4,2. Trump: 4 Millionen Dollar.

Woodstock statt "Revoluuschen!

Ein Spot von Team "Bernie", das ist der Mann, der Wall Street entmachten will, erzielt gerade Klickrekorde im Netz. Zum Oldie "America" von Simon & Garfunkel tätschelt Sanders abwechselnd Kinder und Tiere und Wähler aller Altersklassen. Woodstock statt "Revoluuschen!".
Diese Clips sind wichtig, um vor allem die vielen freiwilligen Helfer zu begeistern, die für die Kandidaten Spenden sammeln, Sticker und Flugblätter verteilen, in Vorstadtgärten Wahlplakate aufstellen und bei Freunden und Nachbarn werben. Ihre Kopfzahl halten die Kandidaten bis nach der Wahl geheim. Wer zu wenig Geld und Füße mobilisiert, geht unter.

Ted Cruz Vorwahl
Er liebt Applaus, das Grillen und Gewehre: der Republikaner Ted Cruz
© Darren McCollester/Getty Images/AFP


Am kommenden Montag beim sogenannten Caucus in Iowa sind die Helfer besonders wichtig. Es ist ein ungewöhnliches Abstimmungsverfahren. Die Wähler müssen zu einer bestimmten Uhrzeit im Wahllokal erscheinen, dort werden Reden gehalten. Beim Caucus der Demokraten wird für jeden Kandidaten ein Schild aufgestellt. Wer zum Beispiel für Clinton stimmen will, stellt sich unter ihr Plakat. Dann wird gezählt. Bei den Republikanern wird per Wahlzettel abgestimmt.
Die Fußtruppen organisieren alles. Sie werben für ihre Kandidaten bis zur letzten Minute. Das macht diese Abstimmungen so unberechenbar. Wer geht wirklich vor die Tür, wenn es friert und schneit? Wenn die Nachbarn bei der Abstimmung unterm Plakat "Clinton" stehen, bleibt man dann selbst bei "Sanders"? Oder wechselt man in letzter Sekunde?

Eine Million Helfer im Wahlkampf

Für Obama arbeiteten 2012 rund 2,2 Millionen Freiwillige im ganzen Land. Sein Konkurrent Mitt Romney hatte fast genauso viele. Auf deutsche Verhältnisse übertragen hieße das, dass bei Bundestagswahlen mehr als eine Million Bürger im Wahlkampf aktiv mitmachen würden. Als Werber oder Helfer. Davon können Merkel oder Gabriel nur träumen.
Das eine, große Thema hat der Wahlkampf noch nicht gefunden. Die Republikaner fordern allesamt "raus mit den illegalen Einwanderern". Bei den Demokraten wird vor allem die rasant wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich diskutiert. Beide Lager vereint die große Angst vor Terroristen.

Wahlkampf schürt das Dümmste und Beste

Der US-Wahlkampf fördert das Dümmste (siehe oben) und das Beste einer Demokratie zutage. Gerade machen einige Milliardäre die Erfahrung, dass sie ihr Geld auf die falschen Politiker gesetzt haben. Jeb Bush, Bruder des Irak-Kriegers George W. Bush, sammelte bislang mit 115 Millionen Dollar die meisten Wahlkampfspenden von allen. Aber er entpuppte sich als politisch viel zu lau für den derzeit herrschenden Geschmack der Republikaner. Im Sommer wurde er noch als Favorit gehandelt, nun liegt Bush in landesweiten Umfragen mit 4,8 Prozent nur an fünfter Stelle, weit abgeschlagen hinter Trump, Cruz, Rubio und sogar hinter dem Fantasten Ben Carson. Die erzkonservativen Koch-Brüder, Großspender, die mit Öl und Düngemittel ein Vermögen machen, räumten kürzlich ein, sie seien "sehr enttäuscht" über die Auswahl der Kandidaten. Das ist eine erfreuliche Nachricht: Mit Geld und Einfluss kann man nicht alles kaufen. Zumindest nicht immer.

Clinton gilt vielen als wenig glaubwürdig.

Auch Hillary Clinton macht diese Erfahrung. Bei den Demokraten verfügt sie über das beste Netzwerk, das bisher rund 60 Millionen Dollar an Spenden für sie eintreiben konnte. Doch die Vorwahlen in Iowa und New Hampshire könnte sie trotzdem gegen Sanders verlieren. Clinton gilt vielen als wenig glaubwürdig. Sanders rechnet gern vor, sie habe 675.000 Dollar für Reden bei Goldman Sachs genommen, einer der größten Investmentbanken der Welt. Erinnerungen an 2008 werden wach. Damals verlor Hillary Clinton bei den Vorwahlen in Iowa gegen den jungen Barack Obama.

Hillary Clinton Bernie Sanders
Harte Rivalen, kein Witz: Demokraten Hillary Clinton und Bernie Sanders
© Timothey A Clary/AFP


Sie muss nun hoffen, in anderen Bundesstaaten die nötigen Stimmen für ihre Nominierung zu holen. Ihr Mann Bill, so heißt es im Wahlkampfteam, sei nervös. Er rufe jeden Tag an und gebe Ratschläge. Amerikas Wähler suchen nach radikalen Alternativen. Wahlforscher sagen, die Sehnsucht nach einem Neuanfang in Washington sei riesig. Viele Wähler wollen einmal etwas Ungewöhnliches probieren.

Mischt Michael Bloomberg doch noch mit?

So ist zu erklären, dass in Umfragen zu Iowa zwei Außenseiter vorn liegen: Bernie Sanders, der Sozialist, und Donald Trump, der Anti-Politiker.
Und noch ein weiterer ungewöhnlicher Kandidat macht sich bereit: Michael Bloomberg, ehemaliger Bürgermeister von New York, ein Multimilliardär. Der 73-Jährige will in den nächsten Wochen entscheiden, ob er als Parteiloser in die Wahlschlacht zieht. Bloomberg steht politisch in der Mitte und könnte Stimmen aus allen Lagern bekommen. Er wäre, wie Trump, ein finanziell unabhängiger Kandidat. Er sei bereit, so lässt Bloomberg streuen, eine Milliarde Dollar aus seinem Privatvermögen für die Kandidatur auszugeben.


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