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BILANZ: Ein unfertiges Mosaik

Drei Monate nach den Terroranschlägen in den USA scheinen keine Zweifel mehr an der Urheberschaft Osama bin Ladens zu bestehen. Die Fahndung nach den Attentätern gleicht aber immer noch einem unfertigen Mosaik.

Drei Monate nach den Terroranschlägen des 11. September gleicht die Fahndung nach den Attentätern immer noch einem unfertigen Mosaik. Einzelne Ausschnitte sind deutlich erkennbar, doch das Gesamtbild bleibt unvollständig. Immerhin scheinen inzwischen keine Zweifel mehr an der Urheberschaft des Terroristenführers Osama bin Laden zu bestehen. Das hat nun auch die Bundesanwaltschaft erstmals bestätigt.

In Deutschland sind die bisherigen Erkenntnisse vor allem mit einem Ort verbunden: Hamburg-Harburg. In dem Stadtteil der Hansestadt wohnten drei der vier Selbstmordpiloten: Mohammed Atta und Marwan Alshehhi, die - so viel gilt als sicher - die beiden Passagiermaschinen in die Türme des New Yorker World Trade Center steuerten, sowie Ziad Jarrah, der mit einem weiteren entführten Flugzeug bei Pittsburgh abstürzte. Um diese Gruppe von Hamburger Studenten kreisen die Ermittlungen: Mit wem hatten sie Kontakt, wohin reisten sie, woher kam das Geld?

Training für den Todesflug

Die Bundesanwaltschaft siedelt den Beginn der Vorbereitungen für das Attentat spätestens 1999 an. Damals sollen Atta und Alshehhi nach Afghanistan gereist sein, wo sie bei Bin Ladens Terrorgruppe El Kaida zu Gast gewesen seien. Ein Jahr später haben sie laut Bundesanwaltschaft Flugunterricht im US-Staat Florida genommen - Training für den Todesflug.

Doch wie eng war ihre Verbindung zu Bin Laden? Die Ermittler gehen bisher von einer weitgehend selbstständigen Hamburger Zelle aus, die in ein internationales Netzwerk islamistischer Fundamentalisten eingebunden war. Gemeinsames Ziel: der Dschihad (»Heiliger Krieg«), in der Lesart der Terroristen der Kampf gegen Amerikaner und Juden. Andererseits ist sich die Bundesanwaltschaft sicher, das Bin Laden hinter den Anschlägen steckt. »Wir teilen uneingeschränkt die Einschätzung der Amerikaner, dass an der Urheberschaft Bin Ladens kein Zweifel besteht«, sagte die Sprecherin Frauke-Katrin Scheuten.

Atta der führende Kopf der Gruppe

Immer wieder wird Atta als der führende Kopf der Hamburger Gruppe genannt - wofür aus Sicht der Ermittler einiges spricht. Jedenfalls stand er im Zentrum eines Kreises mutmaßlicher Helfer mit islamistisch-fundamentalistischer Grundhaltung, die entweder - wie er - in der Marienstraße 54 gemeldet waren oder engen Kontakt zur Gruppe hielten. Drei von ihnen werden per internationalem Haftbefehl gesucht: Der 29-jährige Jemenite Ramzi Binalshibh, der 26-jährige Deutsch-Marokkaner Said Bahaji und der 24 Jahre alte Marokkaner Zakariya Essabar. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und mehrtausendfachen Mord vor.

Die Rolle der drei Männer bei der Vorbereitung der Anschläge ist nicht ganz klar. Bahaji könnte für die Logistik zuständig gewesen sein. Von seinem Konto wurde die Miete für die Wohnung in der Marienstraße bezahlt, die er gemeinsam mit Atta

bewohnte. Binalshibh und Essabar waren möglicherweise größere Aufgaben zugedacht. Binalshibh wollte nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft zur Flugausbildung nach Florida reisen, bekam aber kein Einreisevisum. Daran scheiterte auch Essabar - er hatte für den 15. Februar dieses Jahres ebenfalls geplant, Atta und Alshehhi in Florida aufzusuchen.

Kein »dicker Fisch«

Ob die Ermittler auf weitere Helfer stoßen, dürfte auch von den Aussagen eines mutmaßlichen Komplizen der Todespiloten abhängen. Vor kurzem nahmen die Fahnder den 27-jährigen marokkanischen Studenten Mounir El Motassadek fest, der als enger Freund Attas gilt. Nach bisherigen Erkenntnissen ist er kein ganz »dicker Fisch« - ihm wird nur Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, nicht aber direkte Beihilfe zu den Mordtaten vorgeworfen. Er könnte für Geldtransfers an die Attentäter zuständig gewesen sein, denn er verwaltete ein Konto Alshehhis, über das Gelder an Mitglieder der Gruppe geleitet wurden.

Die schillerndste Figur, mit der sich die Fahnder wohl auch noch im nächsten Jahr befassen müssen, dürfte Mamoun Darkazanli sein. Das Konto des in Hamburg lebenden Geschäftsmanns stand auf einer Liste der US-Behörden, die Gelder mutmaßlicher Terroristenhelfer einfroren. Der in Syrien geborene Deutsche, der einige Mitglieder der Hamburger Gruppe recht gut gekannt haben soll, wird nach einem Bericht des »Spiegel« vom US-Geheimdienst CIA als Bin Ladens Statthalter in Hamburg verdächtigt. Zwar ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen den 43-Jährigen, doch ein handfester Verdacht scheint sich bisher nicht ergeben zu haben - Darkazanli ist nach wie vor auf freiem Fuß.