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Karneval in Rio: Protest gegen Bolsonaro – die Samba-Königinnen machen ernst

Viel Haut, viel Musik: Karneval in Rio war stets ein lebensfrohes Spektakel. Doch in Zeiten, in denen der brasilianische Präsident Schwarze, Slum-Bewohner und Schwule beschimpft, wird auch der Spaß politisch. 

Brasilien: Rio tanzt Samba gegen die Politik von Präsident Bolsonaro

Die Tänzer der Sambaschule "Imperatriz Leopoldinense" protestieren mit dem Song "Me dá um dinheiro aí" ("Gib mir Geld") gegen die Ungleichheit in Brasilien

Es wirkt wie immer im Karneval. Die schwarze Sambakönigin defiliert in einem glitzernden Kostüm durch die Arena. Sie wirbelt artistisch mit ihren Beinen. Sie schwingt akrobatisch ihren halb nackten Körper. Sie singt mit Hunderten anderen Tänzerinnen den neuen Wettbewerbssong ihrer Sambaschule Mangueira mit: "Brasilien, meine Schwarze, lass mich deine Geschichte erzählen, eine Geschichte, die sonst nicht erzählt wird."

Doch ihr Kostüm ist aus Ketten und Muscheln. Und im Gesicht trägt Evelyn Bastos einen Maulkorb aus Eisen. Sie defiliert als Sklavin Anastácia, Brasiliens schwarze Heldin im Kampf gegen Ausbeutung und sexuelle Gewalt. Anastácia musste für den Rest des Lebens einen Maulkorb tragen, weil sie ihrem Sklavenhalter Sex verweigerte.

Gebrochenes Brasilien

Und dann kommt der Refrain des Sambas, und Evelyn Bastos singt ihn besonders laut mit, vor allem einen Namen – wie ein Statement, ein Protestschrei in den Nachthimmel von Rio de Janeiro: Marielle!

Es ist die Erinnerung an Marielle Franco, die schwarze Politikerin und homosexuelle Aktivistin, die vor einem Jahr in Rio gezielt hingerichtet wurde. "Marielle", schreien auch die anderen Tänzerinnen heraus. "Marielle!"

Die Sambistas tragen Flaggen mit Marielles Foto, auch ihre Witwe Monica Benicio marschiert mit. Sie zeigen da nicht die Lust, die Exotik, die Klischees des Karnevals. Sie zeigen: Brasilien ist gebrochen.

Es läuft eine der letzten Proben für das größte Event im Karneval von Rio: das Finale der besten Sambaschulen Brasiliens. Hunderte Trommler, Tänzerinnen, Fahnenträger Mangueiras laufen durch die Sambódromo-Arena. Ein bunter freudiger Zug aus mehr als 3000 Teilnehmern.

Ketten und ein Maulkorb im Gesicht: Sambakönigin Evelyn Bastos als Sklavin Anastácia, Brasiliens schwarze Heldin

Ketten und ein Maulkorb im Gesicht: Sambakönigin Evelyn Bastos als Sklavin Anastácia, Brasiliens schwarze Heldin

Doch in diesem Jahr ist es gleichzeitig eine Art Protestmarsch. Der Song Mangueiras handelt von der Geschichte Brasiliens, die nicht von Königen und Eroberern geschrieben wird, sondern von Ureinwohnern, Armen und Sklaven. Von den Anastácias, den Marielles.

Der ungewöhnlich politische Wettbewerbsbeitrag passt zu dieser Zeit, zum rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro, der sagt: "Ich hätte lieber einen toten Sohn als einen homosexuellen." Homosexualität ist seiner Meinung nach die Folge eines Mangels an Schlägen. Über Schwarze sagt Bolsonaro: "Die machen gar nichts. Die taugen nicht mal mehr zum Fortpflanzen."

Wenige Tage nach der Probe läuft die Sambakönigin Evelyn Bastos durch ihre Favela. Das Armenviertel am berühmten Maracanã-Stadion ist ihre Heimat. Hier wurde sie in den Samba hineingeboren, wie sie sagt. Sie trägt die Haare lang, die Shorts kurz und ein rosa-grünes T-Shirt in den Farben Mangueiras. Über ihren Auftritt mit Maulkorb sagt sie: "Ich habe die Idee spontan entwickelt, um nicht nur auf den Rassismus hinzuweisen, sondern auch auf die sexuelle Gewalt. So unglaublich das im Jahr 2019 erscheinen mag: Das sind noch immer aktuelle Themen."

"Karneval des Aktivismus"

Bastos ist 25 Jahre alt. 21 Jahre davon hat sie mit dem Samba verbracht. Seit fünf Jahren ist sie die Königin der Schule, die höchste Errungenschaft überhaupt. Brasilianische Stars haben bis zu 150.000 Euro geboten, um ihren Posten zu bekleiden. Sie findet das "erschreckend". Mangueira hat alle Angebote ausgeschlagen. Sie wollen eine Königin aus der eigenen Favela haben, nicht zuletzt, um den Kindern zu zeigen: Ihr könnt es auch schaffen.

"Karneval ist der einzige Moment, an dem die Welt die Armen wahrnimmt, die Favelas, die Elendsviertel. Denn wir sind die Künstler dieses Festes", sagt Bastos. "Marielle war ein Favelamädchen, das es geschafft hatte, das zur Schule ging und für Menschenrechte kämpfte. Sie ist ein Vorbild für Frauen, vor allem für Mädchen, die denken, dass sie als Schwarze keine Chance haben."

Dass eine Sambakönigin sich offen zur Politik äußert, ist ungewöhnlich für Karneval in Rio, dieses Schauspiel der Lebenslust. Bastos will der Welt zeigen, dass schwarze Sambatänzerinnen mehr sind als "knackig", "schmackhaft", "lecker" – Worte, die in Brasilien sonst gern für sie benutzt werden. "Ich bin eine Frau, die keine Angst kennt", sagt sie. "Ich ziehe ins Fest, aber auch in den Kampf. Unsere größte Freiheit ist die Meinungsfreiheit. Und ich entscheide mich dafür, das Volk zu verteidigen."

Während des Karnevals nimmt Bastos auch an einem der 509 Blocos teil, den Straßenumzügen. Er findet vor dem Haus Bolsonaros im Stadtteil Barra da Tijuca statt. "Das ist mehr als ein Umzug. Das ist eine Demo der Sambistas gegen den Präsidenten", sagt sie. Die politischen Umzüge geben dem gigantischen Fest (eine Million ausländische Touristen, 1,5 Milliarden Euro Einnahmen) in diesem Jahr schon vorab den Beinamen: "Karneval des Aktivismus".

Ihr Gesicht überall in der Stadt, ihr Name in aller Munde: Die schwarze Politikerin Marielle Franco wurde 2018 in Rio ermordet

Ihr Gesicht überall in der Stadt, ihr Name in aller Munde: Die schwarze Politikerin Marielle Franco wurde 2018 in Rio ermordet

Die Sambaschule Unidos da Tijuca hat einen politischen Song über Brot und Hunger für ihre Parade ausgesucht. Eine andere Schule, Academicos da Rocinha, zeigt die Bilder toter oder verschwundener Kinder aus den Bandenkriegen der Favela. Der Bloco Sargento Pimenta wählte das Motto "Revolution is all we need". Die Umzüge der LGBT-Community ("Keiner wird unsere Art zu lieben verbieten können") marschieren für die Verteidigung ihrer Rechte – in Zeiten, da in Brasilien pro Jahr mehr als 350 Menschen Opfer homophober Morde werden.

Die Politisierung des Karnevals ist auch die Reaktion auf einen Präsidenten, der in einer ersten Amtshandlung den Kauf von Schusswaffen freigab und der christliche Hardliner und Militärs an die Spitze seiner Regierung setzte. "Sein Motto ist 'Im Namen der Familie?'", sagt Bastos: "Das bedeutet für ihn, dass seine Familienmitglieder alle Posten in der Politik bekommen."

Zerstörte Karrierechancen

Evelyn Bastos selbst steht vor einer anderen Herausforderung. Nach dem Karneval will sie heiraten, den aufstrebenden konservativen Abgeordneten Marcelo Coutinho aus Sao Paulo. Er zeigte sich jüngst grinsend an Bolsonaros Seite und postete das Bild in den sozialen Medien. Es wirkte wie ein Bewerbungsschreiben.

Bastos wurde mit Kommentaren überschüttet: Wie könne sie sich mit so einem Typen einlassen? Da stand sie vor der Wahl: ihr Freund oder dessen Karriere. Sie sagte: "Klar, dass ich selbst so ein Foto niemals machen würde." Und zerstörte kurzerhand die Karrierechancen ihres Liebsten: "Ich weiß sehr genau, dass seine Anschauung kompatibel mit meiner ist. In einen Anhänger Bolsonaros könnte ich mich nie verlieben."


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