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Britischer Folterskandal: "Schande" und "Schock"

Nur wenige Monate vor den erwarteten Wahlen in Großbritannien gerät Premierminister Tony Blair durch die Veröffentlichung von Folter-Fotos britischer Soldaten im Irak in arge Bedrängnis.

Die Aufnahmen von Folterungen irakischer Gefangener in der südirakischen Stadt Basra, die am Dienstag bei dem Militärprozess gegen drei britische Soldaten in Osnabrück vorgelegt wurden, lieferten am Tag danach der britischen Presse die Schlagzeilen: "Schande" und "Schock" war über die Bilder zu lesen, auf denen nackte Iraker offenbar sexuelle Handlungen simulieren, und die an den US-Folter-Skandal im Bagdader Gefängnis Abu Ghraib erinnerten. "Jeder findet diese Fotos schockierend und entsetzlich und es gibt einfach keine anderen Worte für ihre Beschreibung", sagte Blair vor dem Parlament und ergänzte, die Mehrheit der britischen Soldaten habe sich ehrenhaft verhalten.

Blair in arger Bedrängnis

Die Entscheidung des britischen Regierungschefs, an der Seite der USA im März 2003 in den Irak einzumarschieren, hatte ihm sinkende Umfragewerte verschafft. Die Briten sind mehrheitlich gegen den Krieg. In den vergangenen Wochen hatte Blair es aber geschafft, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wieder mehr auf innenpolitische Themen im Vorfeld der für Mai erwarteten Parlamentswahlen zu lenken. Politische Beobachter sehen Blair mit dem Auftauchen der Folter-Fotos nun aber erneut in Bedrängnis. "Es bringt natürlich einen gewissen Schaden mit sich, weil Blair mit der Irak-Politik assoziiert wird", sagte Wyn Grant, Professor für Politik an der Universität Warwick. Das Thema Irak sei zurück auf der Agenda. Sollten die für 30. Januar geplanten Wahlen im Irak nicht reibungslos verlaufen, könnte Blair noch weiter unter Druck geraten, fügte Grant hinzu. Einige Beobachter fürchten zudem, dass die neuen Fotos die Aufständischen im Irak nun gerade gegen die US- und britischen Truppen aufstacheln werden.

Anders als im Fall Abu Ghreib gibt es bislang keine Vorwürfe systematischer Folter bei den britischen Truppen. Die meisten Zeitungen in der Golf-Region haben über die britischen Folter-Bilder zudem am Mittwoch lediglich auf den inneren Seiten berichtet. Experten fürchten aber einen Imageschaden für die insgesamt rund 9000 im Südirak stationierten britischen Soldaten.

Der Plan hierß "Ali Baba"

In Osnabrück erklärte die Verteidigung eines der angeklagten britischen Soldaten in dem Militärprozess, der Angeklagte Daniel Kenyon habe lediglich Anweisungen befolgt, nach denen Plünderer von Lebensmittelgeschäften in der Nähe von Basra wenige Wochen nach Beginn des Krieges zusammengetrieben werden sollten. Es habe einen Plan namens "Ali Baba" gegeben, nach dem Plünderer "hart herangenommen" werden sollten, um Schäden zu reparieren und weitere Diebstähle zu verhindern. "Der Grund, warum Kenyon nun auf der Anklagebank sitzt, liegt nur bei denen, die den Befehl für Ali Baba gegeben haben", sagte Kenyons Anwalt, Joseph Giret.

Gegen die drei britischen Soldaten besteht Verdacht auf Misshandlung irakischer Gefangener. Alle drei haben sich für nicht schuldig erklärt, wenngleich ein Soldat eingeräumt hat, einen Gefangenen geschlagen zu haben.

Am Samstag hatte ein US-Militärgericht in Texas den US-Soldaten Charles Graner wegen der Misshandlung irakischer Gefangener zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Madeline Chambers und James Mackenzie, Reuters