HOME

Bürgerkrieg in Syrien: Assads Soldaten marschieren in Homs ein

Seit Wochen lässt Syriens Machthaber Assad Homs beschießen. Die Aufständischen sind vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Jetzt marschieren Bodentruppen in der Rebellenhochburg auf.

Die syrische Armee hat ihre Angriffe auf die seit Wochen unter Beschuss stehende Rebellenhochburg Homs deutlich ausgeweitet. Wie am Mittwoch aus Sicherheitskreisen in Damaskus verlautete, startete die Armee am Dienstagabend eine Bodenoffensive im Viertel Baba Amr. Die USA bemühten sich derweil nach Angaben von UN-Diplomaten um einen neuen Entwurf für eine Syrien-Resolution im UN-Sicherheitsrat.

Der Bereich von Baba Amr sei "unter Kontrolle", sagte ein Vertreter der syrischen Sicherheitsbehörden. "Die Armee hat bereits eine Säuberung Block für Block, Haus für Haus vorgenommen, und jetzt durchforsten die Soldaten jeden Keller und jeden Tunnel auf der Suche nach Waffen und Terroristen", erklärte der Beamte. Es gebe "nur noch einige wenige Widerstandsnester".

Homs steht seit mehr als drei Wochen unter Beschuss. Nach Angaben der aus Deserteuren bestehenden Freien Syrischen Armee ist die Stadt komplett von der Außenwelt abgeriegelt.

Gewalt auch in anderen Protesthochburgen

Auch andere Hochburgen der Protestbewegung gerieten unter Beschuss. In der Provinz Daraa wurde nach Angaben von Regimegegnern ein Soldat erschossen, als er versuchte, sich von der Truppe abzusetzen. In der Provinz Deir as-Saur töteten die Regierungstruppen nach Berichten von Aktivisten einen 13 Jahre alten Jungen. Ein junger Mann sei in der Provinz Idlib in seinem Auto erschossen worden, hieß es. Landesweit seien am Mittwoch binnen Stunden sechs Menschen getötet worden.

Gewaltsame Zusammenstöße wurden erneut aus der Universität von Aleppo gemeldet. Zahlreiche Festnahmen soll es in der Ortschaft Halfaja im Umland der Stadt Hama gegeben haben, die an den Tagen zuvor belagert und mit schweren Waffen beschossen worden war.

Mehrere Dutzend Deserteure fliehen in die Türkei

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete von Kämpfen zwischen den Truppen des Machthabers Assad und Deserteuren in Baba Amr sowie von Explosionen und Schüssen in weiteren Stadtteilen. Am Vortag habe die Armee einen Geheimtunnel der Rebellen entdeckt und zerstört, der Baba Amr mit einem nahegelegenen Dorf verband und die einzige Verbindung der eingeschlossenen Menschen zur Außenwelt gewesen sei, sagte Abdallah. Bei dem Tunnel habe es sich um eine 2700 Meter lange Wasserleitung gehandelt; sie sei genutzt worden, um Medikamente und Nahrungsmittel zu liefern und Verletzte aus der Stadt zu bringen.

Langsam aber stetig steigt derweil die Zahl der syrischen Soldaten, die wegen der brutalen Unterdrückung der Protestbewegung desertieren. Aktivisten meldeten am Mittwoch, am Dienstag seien mehr als drei Dutzend Deserteure in die Türkei geflohen, darunter mehrere Offiziere. In den Tagen zuvor seien im Schnitt vier Soldaten pro Tag über die Grenze gekommen.

Rettungsaktion für Journalisten gescheitert

Unterdessen ist eine Rettungsaktion für zwei in Homs verletzte Journalisten aus dem Westen nach Angaben syrischer Deserteure missglückt, weil die Truppen des Regimes davon erfahren hatten. "Sie hatten offensichtlich Wind davon bekommen, wann und wie die Aktion ablaufen sollte", sagte ein mutmaßliches Mitglied der sogenannten Freien Syrischen UArmee am dem arabischen Nachrichtensender al Dschasira.

Die Truppen von Präsident Baschar al Assad hätten die Deserteure, die mit dem britischen Fotografen Paul Conroy und der französischen Reporterin Edith Bouvier in der Nacht zum Dienstag in Richtung libanesische Grenze unterwegs waren, mit Artilleriegeschützen angegriffen, berichtete das mutmaßliche Armee-Mitglied weiter. Dabei seien zwei Deserteure getötet worden.

UN vertagt Entscheidung über eine Resolution

Nachdem bereits zwei UN-Resolutionen zu Syrien am Widerstand der Veto-Mächte Russland und China gescheitert sind, bereiteten die USA laut UN-Diplomaten einen neuen Entwurf vor. Im Mittelpunkt des Textes stehe die humanitäre Hilfe für die von der syrischen Armee belagerten Städte, womit der Westen hoffe, Russland und China davon überzeugen zu können, eine Resolution nicht erneut zu blockieren.

Der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan, der in der vergangenen Woche zum Sondergesandten der UNO und der Arabischen Liga für Syrien ernannt wurde, wurde nach UN-Angaben am Mittwoch in New York erwartet. Bis Freitag werde er dort unter anderem mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon über die Lage in Syrien beraten. Danach reist der Spitzendiplomat zu Konsultationen in den Nahen Osten, am Freitag wird er in Kairo erwartet. Annan hatte alle Beteiligten zu einem Ende der Gewalt in Syrien aufgerufen.

Mehr als 7500 Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen seit Beginn der Proteste vor fast einem Jahr getötet worden, die weitaus meisten von den Truppen des Regimes. "Nach zuverlässigen Berichten gibt es bis zu 100 Tote am Tag, viele von ihnen Frauen und Kinder", sagte Untergeneralsekretär Lynn Pascoe vor dem UN-Sicherheitsrat in New York.

jar/mlr/AFP/DPA / DPA