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Flüchtlingscamp im Libanon: Von Syrern, die nicht nach Europa wollen

Vier Millionen Syrer sind aus dem Land geflohen. Im Libanon ist jeder fünfte Bewohner ein Flüchtling - und die allermeisten wollen bleiben. Besuch bei Menschen, denen die Heimat wichtiger ist als ein ungewisser Ausblick auf Wohlstand.

Von Niels Kruse, Bekaa-Tal, Libanon

Amira Khattab

Amira Khattab (M.) mit fünf ihrer sieben Kinder. Ihr Mann wurde von Assads Schergen verschleppt

Zum Beispiel Samir Basiri: Knie kaputt, Rücken kaputt. Seine Frau hat Probleme mit den Nieren, ihr Ältester kann wegen einer Muskelschwäche kaum laufen. In den nächsten Tagen, der Monat ist dann nicht einmal halb rum, wird ihnen das Geld ausgegangen sein. Was bleibt, sind die paar Kartoffeln, die die Kinder noch von den Feldern klauben konnten - kein halber Waschzuber voll. Damit müssen Samir, seine Frau, die Tochter und die fünf Söhne den Rest des Dezembers auskommen. Außer vielleicht, der Vater bekommt noch irgendwo etwas Arbeit, auf dem Bau oder so. Aber der Winter ist auch im Libanon keine gute Zeit für Tagelöhner.

Amira Khattab dagegen: sieben gesunde Kinder, aber kein Mann. Der wurde von den Schergen des Assad-Regimes verschleppt. Zwei Jahre und zwei Monate ist das her, seitdem haben sie nichts mehr von ihm gehört. Mittlerweile leben auch sie im Libanon und wie alle syrischen Flüchtlinge bekommen sie etwas Geld für Essen vom Welternährungsprogramm. Zur Zeit sind das exakt 21,60 Dollar - pro Monat, pro Person, was natürlich vorne und hinten nicht reicht. Aber manchmal verdienen Amiras große Söhne etwas dazu. Halil, etwa, 13 Jahre alt: Seine Bäckerei zahlt ihm zwei Dollar am Tag. Hungerlohn statt Schule - für die meisten hier im "Lager der Gnade" in Bar Elias im libanesischen Bekaa-Tal ist das die verbliebende, deprimierende Option. Ihr einziger, fast schon ungeheuerlicher Luxus: Sie müssen keine Miete zahlen - eine muslimische Hilfsorganisation betreibt die kleine Ansammlung von Zelten.

Wozu eigentlich bleiben?

Freie Logis für einen Verschlag von drei mal fünf Metern, Essen für einen halben Monat, eine Handvoll dünne Matratzen. Viel mehr haben sie bis auf Weiteres nicht zu erwarten. Im Libanon nicht, und erst Recht nicht in der alten Heimat. Wozu also noch bleiben, hier auf dem Bauernhof des Landes, eine Autostunde entfernt von Beirut und eine von Damaskus? Und überhaupt - wohin? "Syrien ist nichts, wohin man zurückkehrt", sagt Amiras Schwiegervater. Ihr Haus ist längst den Angriffen der Regierungsbomber zum Opfer gefallen. "Und was mit unserem Grund und Boden ist - wer weiß das schon?", sagt Amira. Beide sprechen nicht über Politik, aber wären sie Anhänger von Machthaber Baschar al Assad, ihr Haus würde wohl noch stehen und Amiras Mann wäre wohl noch an ihrer Seite. So aber haben sie allen Grund schnell und weit weg von hier zu gehen. Nach Europa vielleicht. Aber das kommt für kaum eine Familie in Frage. Zu gefährlich und zu teuer. Viel zu teuer.

Camp Mercy: So leben syrische Flüchtlinge im Libanon

Knapp eine Million Flüchtlinge sind in diesem Jahr in Deutschland angekommen, rund die Hälfte davon Syrer. Es sind vor allem Menschen, die noch genug Geld für die raffgierigen Schlepperbanden haben. Und Wagemut. Dinge, die den meisten Syrern fehlen. Das ist nicht despektierlich gemeint. Sie haben fürchterliche Dinge gesehen, sie haben Angriffe mit Fassbomben überlebt, die Gräueltaten der Assad-Kämpfer, der Rebellen, des Islamischen Staats. Sie haben nicht nur ein Zuhause verloren, sondern oft gleich mehrere, sie haben ihr Hab und Gut verkauft, um sich heimlich im Morgengrauen mit Traktoren über grüne Grenzen schleusen zu lassen. Wer in die Augen dieser Menschen schaut, sieht matte Müdigkeit. Aber: Sie sind in Sicherheit - die ist im Libanon genauso gut und kostbar wie im fernen Norden.

Vor allem die Städter kommen nach Europa

"Es gibt im Grunde zwei Typen von syrischen Flüchtlingen", sagt Abeer Etefa vom regionalen World Food Programme: "Diejenigen, die irgendwo noch etwas Land haben, die wollen auf jeden Fall wieder zurück, meist einfache Bauern und Arbeiter. Das sind mit Abstand die meisten.“ Und dann seien da noch diejenigen aus den Städten. Aus Aleppo etwa, ein grauenhafter Ort, in den sich selbst Vertreter von Hilfsorganisationen kaum noch trauen, wo den Menschen die Wohnungen und Häuser unter den Stühlen weggeschossen werden. "Die haben dort nichts mehr, oft nicht einmal Familie, denen ist egal wo sie landen, sie wollen nur weit weg." Unter ihnen sind auch die, die noch genug Geld haben, um sich die Überfahrten nach Europa zu leisten. Wer es etwa in die Türkei schafft, zahlt 400 Dollar aufwärts für den Trip über das Mittelmeer. Die durchschnittliche syrische Familie besteht aus 7,3 Mitgliedern. Die Reise nach Europa ist also nichts für Syrer, deren kostbarster Besitz eine Waschmaschine ist. Oder war.

Gemeindezentrum Bar Elias

Im Gemeindezentrum in Bar Elias erzählen syrische Flüchtlinge von ihrem Schicksal

In einem Gemeindehaus in Bar Elias haben sich mehr als ein Dutzend Flüchtlinge versammelt. Männer und Frauen jeden Alters, sie wollen über ihr altes und neues Leben sprechen. Einige haben bereits früher im Libanon gearbeitet, etwa auf Baustellen oder als Erntehelfer. Das kleine Nachbarland Syriens war schon immer wohlhabender und hat die besseren Löhne gezahlt. Nun sind sie wieder hier, diesmal als mehr oder weniger willkommene Dauergäste. 1,1 Millionen Syrer leben im Libanon, einem Land mit gerade einmal fünfeinhalb Millionen Einwohnern - jeder fünfte Mensch hier ist ein Flüchtling, kein anderer Staat der Welt hat eine höhere Flüchtling-pro-Einwohner-Quote. Die Libanesen selbst haben sich mit ihren neuen Mitbewohnern abgefunden, die Stimmung ist freundlich-ignorant. Zumindest noch, doch in der Presse wird der Ton langsam rauer und der Staat verlangt mittlerweile ein Visum von den Syrern.

Nach Syrien zum Ramadan

Dankbar seien sie den Libanesen, aber wenn es nach den meisten hier im Gemeindehaus ginge, würden sie lieber heute als morgen wieder nach Syrien gehen. Gerade einmal zwei Frauen berichten mit strahlenden Augen davon, wie sehr sie nach Europa wollen - allerdings nur, wenn die Umstände hier in ihrer neuen Heimat schwieriger werden. Sprich: die kargen Essengutscheine noch schmaler ausfielen oder es gar keine Arbeit mehr geben sollte. 14 Heimatverbundene zu zwei Ausreisewilligen - das dürfte ungefähr das Verhältnis unter allen syrischen Flüchtlingen widerspiegeln.

Es ist auch nicht so, dass das gebeutelte Land eine einzige No-go-area wäre. Der Krieg dort drüben ist dynamsich, die Lage jeden Tag in jedem Dorf anders. In Damaskus wurde jüngst mit großen Pomp ein neues Einkaufszentrum eröffnet, als wenn nichts wäre. Libanesische Marktbetreiber importieren frisch produzierte Lebensmittel aus Syrien: Schokoladencreme, Tomatensaucen, Reis, Instant-Nudelgerichte. Zum Ende des Ramadan standen die Flüchtlinge an den Grenzen Schlange, um zusammen mit ihren Familien das Fastenbrechen zu feiern.

Die Verbundenheit zur Heimat ist so stark, dass das UN-Flüchtlingswerk UNHCR seine Umsiedlungsprogramme nach Kanada oder Australien beinahe wie Sauerbier anpreisen muss, wie die Beiruter UNHCR-Chefin Mireille Girard sagt. Natürlich ist auch die gleiche Kultur und die gleiche Sprache die die Menschen im Libanon hält. Oder oft auch einfach nur die Nähe zum alten Zuhause. Im Gemeindezentrum von Bar Elias sagt Hamid, seit zwei Jahren im Bekaa-Tal: "Allein an der Grenze zu stehen und den Duft meiner Heimat zu riechen, reicht, damit ich wieder zu Kräften komme."