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Der Fall Strauss-Kahn Unter Wölfen


Ist Strauss-Kahn handelsüblich sexbesessen oder ein Vergewaltiger? Sicher ist: Der New Yorker Fall sendet bislang ein fatales Signal an Vergewaltigungsopfer - nun hält eine Französin dagegen.
Von Florian Güßgen

Was ist Dominique Strauss-Kahn nun? Täter oder Opfer? Ist der Mann ein mieser Vergewaltiger, der mittags im New Yorker Luxus-Hotel das Zimmermädchen Nafissatou Diallo aus Guinea missbraucht? Oder ist er nur einer der handelsüblichen, sexversessenen Politiker, der nun dummerweise einer gewieften Erpresserin aufgesessen ist? Noch ist alles drin in dieser Geschichte, die bis zum vergangenen Freitag so eindeutig erschien. Noch ist nichts klar, auch nach der spektakulären Wende vom vergangenen Freitag. Zwar kommt der Ex-IWF-Chef nun möglicherweise allein deshalb davon, weil dem Zimmermädchen niemand mehr glauben mag. Aber was wirklich geschehen ist in der Suite 2806 des Sofitel-Hotels, weiß noch niemand außer den zwei Beteiligten - und wird vielleicht auch nie jemand erfahren. Und doch gibt es ein paar Spuren, die der Fall Strauß-Kahn hinterlassen wird - unabhängig von seinem juristischen Ausgang.

"Haltet besser den Mund!"

Da wäre zunächst die eindeutige Botschaft, die das Verfahren an die tatsächlichen Vergewaltigungsopfer dieser Welt sendet: "Haltet besser den Mund!", lautet die. "Denn ihr werdet es unendlich schwer haben, mit euren Vorwürfen durchzukommen." Es ist ja keineswegs neu, dass bei Vergewaltigungsprozessen die mutmaßlichen Täter strukturell im Vorteil sind, weil sich die Tat so schwer beweisen lässt. Sie spielt sich zumeist nur zwischen zwei Menschen ab. Ohne Zeugen. Ohne Kameras. Oft in Ehen. Oft ohne eindeutige forensische Spuren. Am Ende steht so häufig Aussage gegen Aussage, es geht um Glaubwürdigkeit. Das war im Fall Jörg Kachelmann so, das ist bei Strauss-Kahn nicht anders. Und zu recht ist die mangelnde Glaubwürdigkeit eines mutmaßlichen Opfers hier eine schwere Hypothek, wenn man den Beschuldigten nicht Unrecht tun will. Aber die Kollateralschäden des globalen Vergewaltigungsfalls Strauss-Kahn liegen auf der Hand: Echte Vergewaltigungsopfer werden einmal mehr entmutigt, sich an Polizei und Justiz zu wenden. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum, wie am Montag bekannt wurde, auch die Autorin Tristane Banon sich nun doch durchgerungen hat, dagegen zu halten - und auch in Frankreich eine Klage wegen versuchter Vergewaltigung gegen Strauss-Kahn anzustrengen. Der Sozialist soll die damals 22-Jährige 2002 sexuell bedrängt haben.

Gleichzeitig illustriert der Fall auch, wie zerstörerisch der Vergewaltigungsvorwurf für "falsche Täter" sein kann. Selbst wenn es heißt, 49 Prozent der Franzosen könnten sich durchaus vorstellen, dass DSK trotz allem noch versucht, Nicholas Sarkozy 2012 den Elysée-Palast streitig zu machen, selbst wenn der "Spiegel" über sein Comeback spekuliert, so erscheint genau das bei nüchterner Betrachtung eigentlich undenkbar. Zu tief sind die Einblicke, die das Verfahren und die Berichterstattung darüber in das Privatleben des Ex-IWF-Chefs gewährt haben. Jede politische Bewertung Strauss-Kahns durch seine potenziellen Wähler - und Wählerinnen - wird nun immer auch eine moralische Bewertung seines sexuellen Verhaltens mit einbeziehen. Dem entkommt der Politiker ebenso wenig wie der Moderator Kachelmann, dessen mögliche Zuschauer nun immer im Kopf haben werden, wie er in seinem Privatleben mit Frauen umgegangen ist. Auch das sind schwere Kollateralschäden dieser Verfahrens, die folgerichtig die Rolle und das Verhalten der Justiz in Frage stellen.

"Er ist den Wölfen vorgeworfen worden"

Denn es ist schon richtig, wenn Strafrechtsexperten kritisieren, dass Justizapparate - ob in den USA oder in Deutschland - für Vergewaltigungsprozesse mit prominenten Beschuldigten eigentlich besonders hohe Hürden aufstellen und besondere Vorsicht obwalten lassen müssten - wenn Sie nicht in den Ruch geraten wollen, Schauprozesse abhalten zu wollen. Aus heutiger Sicht gewinnt der Vorwurf vieler französischer Politiker gegenüber den New Yorker Staatsanwälten um Cyrus Vance jedenfalls an Gewicht, Strauss-Kahn durch die öffentliche Vorführung vorschnell politisch vernichtet zu haben. Der Grundsatz der Gleichheit kollidiert hier mit den Grundsätzen der Verhältnismäßigkeit und der Fairness. Es ist zwar toll und eindrucksvoll, wenn der amtierende IWF-Chef vor dem New Yorker Untersuchungsrichter genauso behandelt wird wie der kleine Drogendealer von der Ecke. Aber unterscheiden sich die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der öffentlichen Vorführung doch nicht gewaltig, wenn später keine Verurteilung erfolgt, der Angeklagte als Unschuldiger den Gerichtssaal verlässt? Sind die Folgen für den Politiker nicht ungleich schwer wiegender? Staatsanwalt Vance steht jetzt im Kreuzfeuer der Kritik, weil er gegen Strauss-Kahn womöglich zu unrecht schnell die schärfsten Waffen in Anschlag gebracht hat. Rasend schnell brachte er die Anklage vor die Grand Jury, vor die Geschworenen. Hinter der Kritik steht die Behauptung, die Justiz hätte die Möglichkeit gehabt, schonender mit Strauss-Kahn umzugehen. "Er ist den Wölfen vorgeworfen worden", schimpfte Ex-Premier Lionel Jospin laut "New York Times".

Das Raubtier im Manne

Bleibt die Frage, was für Spuren der Fall Strauss-Kahn im ebenfalls ja durchaus delikaten Verhältnis zwischen Männern und Frauen hinterlassen wird. Denn das Power-Pärchen Strauss-Kahn und Anne Sinclair liefert ein Bild, das klassische Feministinnen eigentlich auf die Zinnen treiben müsste. Hier das sexuelle Raubtier, der sexbesessene Superpolitiker, der zum Frühstück das Zimmermädchen vergewaltig oder einfach nur Sex mit ihm hat. Dort die starke, erfolgreiche Ehefrau Anne Sinclair, die ihn wie eine Löwenmutter verteidigt. Mit all ihrem Ansehen, mit all ihrem Geld - und ihn am Schluss möglicherweise auch noch rauspaukt und ihn den Franzosen zur Politiker-Reha anbietet. Vermittelt wird eine archaische Männer-sind-eben-so-und-Frauen-müssen-das-aushalten-Haltung, wie sie zumindest in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr hoffähig war. Es wäre eine besondere Pointe, wenn Strauss-Kahn am Ende auch noch als derjenige gelten würde, der nicht nur die Fänge der US-Justiz zerhackt, sondern auch noch dem Raubtier im Manne vorbildhaft endgültig wieder zu breiter gesellschaftlicher Akzeptanz verhilft. Was für ein Programm für einen Präsidentschaftskandidaten!


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