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Deutsche auf Gaza-Hilfsschiffen "Gefühlt wie im Krieg"


Fünf der elf Deutschen, die den israelischen Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte miterlebt haben, sind inzwischen wieder nach Deutschland zurückgekehrt und erheben schwere Vorwürfe gegen Israel. In Tel Aviv spricht man dagegen von Selbstverteidigung.

Deutsche Gaza-Aktivisten haben nach der israelischen Kommandoaktion im Mittelmeer und 16-stündiger Gefangenschaft schwere Vorwürfe gegen Israel erhoben. Die Bundestagsabgeordnete Inge Höger von der Linkspartei beschrieb die gewaltsame Aktion des israelischen Militärs gegen einen internationalen Schiffskonvoi mit den Worten: "Wir haben uns wie im Krieg gefühlt."

Bei dem Einsatz israelischer Elitesoldaten waren am frühen Montag im Mittelmeer mindestens neun Menschen getötet worden. Nach Medienberichten und ersten Augenzeugenschilderungen soll die Zahl jedoch weit höher sein. 45 ausländische Aktivisten wurden am Dienstag noch in israelischen Krankenhäusern behandelt. Die meisten von ihnen seien Türken, Passagiere des angegriffenen türkischen Schiffes "Mavi Marmara", hieß es.

Krimiautor Mankell auf dem Heimflug

Nach Darstellung der deutschen Aktivisten begann der Überfall des israelischen Elitekommandos am Montag gegen 4.30 Uhr, Schlauchboote näherten sich der "Mavi Marmara". Die Soldaten seien maskiert und schwer bewaffnet gewesen. Die Deutschen wehrten sich gegen Vorwürfe, dass auch die Aktivisten Gewalt angewandt hätten. Mit Höger kamen auch Parteikollegin Annette Groth und der frühere Linke-Abgeordnete Norman Paech sowie zwei weitere Bundesbürger frei. Das Schicksal von sechs anderen Deutschen war nach Angaben des Auswärtigen Amtes zunächst ungeklärt.

610 Aktivisten wurden vorübergehend inhaftiert, darunter der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell. Er sagte am Dienstag während des Heimfluges nach Schweden einem mitreisenden Reporter der Zeitung "Expressen": "Wir machen uns Sorgen um unsere Freunde, die noch im Gefängnis sind." Die israelischen Behörden hatten allen Beteiligten erklärt, sie müssten sich zwischen sofortiger Ausreise oder Gerichtsverfahren entscheiden.

Ägypten öffnet die Grenze zum Gazastreifen

Unter dem Eindruck der Militäraktion öffnete Ägypten inzwischen die Grenze zum Gazastreifen für Kranke und Hilfsgüter. Die Regierung teilte mit, humanitäre Hilfe und medizinische Güter dürften ab sofort über den Grenzübergang Rafah zu den Palästinensern gebracht werden. Wie lange die Grenze offen bleiben sollte, war unklar.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan forderte eine Bestrafung Israels für den Angriff und sprach von einem Massaker. Er forderte den Weltsicherheitsrat auf, es nicht bei einer Verurteilung des israelischen Einsatzes zu belassen. "Freunde, heute ist ein Neubeginn. Von heute an ist nichts mehr wie es war", sagte Erdogan an seine Parteifreunde gerichtet. "Ich habe es ihnen ins Gesicht gesagt. Sie haben der Welt einmal mehr gezeigt, wie gut sie morden können", sagte Erdogan.

In einer am frühen Dienstag verabschiedeten Präsidentenerklärung hatte der Weltsicherheitsrat eine "unabhängige, glaubwürdige und transparente" Untersuchung der Geschehnisse gefordert. Nach knapp zwölfstündigem Ringen um den Wortlaut enthielt sich das oberste Weltgremium aber einer Verurteilung Israels und verurteilte lediglich das Vorgehen. Israel wird im Text nicht namentlich genannt.

"Mord im Staatsauftrag"

Der Sicherheitsrat fordert Israel in seiner völkerrechtlich bindenden Erklärung auf, die Aktivisten wieder auf freien Fuß zu setzen und auch die Schiffe wieder freizugeben. Israel solle dafür sorgen, dass die humanitären Güter, die der Hilfskonvoi an Bord hatte, den Gazastreifen erreichen. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu warf Israel vor dem Weltsicherheitsrat "Mord im Staatsauftrag" vor.

Der NATO-Rat unterstützte bei einer Sondersitzung in Brüssel die Forderung des UN-Sicherheitsrates und der EU nach einer "raschen, unparteiischen, glaubwürdigen und transparenten Untersuchung" des Vorfalls. NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen forderte "dringend" auch die Freilassung der Festgenommenen und die Freigabe der Schiffe.

Unterdessen hat Israel nach Angaben von Außenamtssprecher Jigal Palmor erhebliche Schwierigkeiten, die neun bei der Erstürmung Getöteten zu identifizieren. Augenzeugen und Aktivisten seien nicht bereit gewesen zu helfen, sagte Palmor in Jerusalem. Auch bei der geplanten Abschiebung von einigen Aktivisten gibt es Palmor zufolge Probleme. Das liege an den fehlenden diplomatischen Beziehungen zu einer Reihe von Ländern.

Video des Angriffs veröffentlicht

Einen Grund für eine Entschuldigung sieht Israel nicht. "Wir müssen uns nicht dafür entschuldigen, dass wir uns selbst verteidigt haben", sagte Vizeaußenminister Danny Ajalon. Er bezeichnete die sechs Schiffe der Gaza-Solidaritätsflotte, die direkt Hilfsgüter in den von Israel abgeriegelten Gazastreifen bringen wollten, als eine "Armada des Hasses und der Gewalt". Den rund 700 Aktivisten an Bord warf er vor, mit großen Messern und Schlagstöcken bewaffnet gewesen zu sein und versucht zu haben, andere umzubringen. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sprach von Notwehr der Soldaten.

Die Armee veröffentlichte am Montagabend Ausschnitte von Videoaufnahmen. Darin ist zu sehen, wie Aktivisten mit Schlagstöcken auf Soldaten einprügeln. In einer anderen Szene wird ein Soldat kopfüber vom Oberdeck auf das darunter liegende Deck geworfen. In einer dritten Szene ist ein Soldat mit einer tiefen Stichwunde in der Brust zu sehen. Die Aufnahmen zeigen jedoch nicht, wie die Gewalt ausgebrochen ist. Es ist auch nicht zu sehen, unter welchen Umständen die neun Aktivisten ums Leben gekommen sind.

be/DPA/AFP DPA

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