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Deutscher Wahlhelfer für Obama: Statt surfen: Klinken putzen für Obama

Tom Schmidt aus Hamburg wollte Urlaub in Kalifornien machen. Doch es kam anders. Jetzt beschwatzt er Amerikaner, damit sie Barack Obama bei der Wahl am 6. November erneut zum US-Präsidenten machen.

Von Paula Drebes

Hunderte sind auf den Campus der University of California in Davids gekommen, um ihn zu sehen. Bill Clinton betritt die Bühne, er winkt und lacht, sein weißes Haar strahlt in der Sonne. Er preist Präsident Barack Obama und ruft die Studenten auf, zur Wahl zu gehen: "Nur gemeinsam bringen wir die USA voran!" Danach steigt der ehemalige Präsident vom Podest herab, schüttelt viele Hände und posiert für Fotos. Auch Tom Schmidt aus Hamburg gelingt es, ein Foto mit Bill Clinton zu ergattern. Er stand relativ weit vorne, bei den Organisatoren dieser Veranstaltung, den Wahlkämpfern der Demokraten. Denn Tom Schmidt, der gebürtige Kieler, ist einer von ihnen.

Es sollte eigentlich ein entspannter Urlaub werden, Los Angeles, San Francisco, viel Strand, ein bisschen Wandern, das erste Mal Surfen. Ein Freund hatte ihn gefragt, Tom, 21 Jahre alt, sagte sofort zu. Er hatte gerade seine Ausbildung zum Medienkaufmann abgeschlossen, er brauchte etwas Erholung. Als er seinen Flug buchte, erinnerte er sich, dass in Amerika gerade Wahlkampf ist. Ob er da wohl mitmachen konnte? Er rief bei den Demokraten im Abgeordnetenhaus in Washington an, die ihn an die Partei verwiesen. Er schrieb eine Mail an die Partei in San Francisco und bekam keine Antwort. Vielleicht doch eine Schnapsidee, dachte er, und flog in den Urlaub.

Er war schon immer politisch interessiert, seit 2008 ist Tom Mitglied bei den Jusos, der Jugendorganisation der SPD. Er wurde schnell in den Vorstand gewählt, war bald Kreisgeschäftsführer und sitzt heute im Vorstand des SPD-Kreisverbandes Plön. Sein Thema ist die soziale Gerechtigkeit, deshalb bewundert er auch Barack Obama, er fand dessen Vorstoß mit der Gesundheitsreform mutig und visionär. Tom interessiert sich aber auch für internationale Politik. Kurz vor dem Abitur reiste er für zwei Wochen nach Israel. Eine Jahr lang hatte er sich mit seinen Parteikollegen darauf vorbereitet.

Tom wird offizieller Wahlhelfer

Nach einer Wochen an der Küste, nach Golden Gate Bridge, den Piers und dem Yosemite Nationalpark wurde Tom wieder unruhig. Er wollte es doch noch einmal versuchen und besuchte eine so genannte Watchparty: Die Partei hatte mehrere Treffen organisiert, auf denen sich Obama-Fans gemeinsam das erste Fernsehduell zwischen dem Präsidenten und seinem Herausforderer Mitt Romney ansahen. Tom unterhielt sich mit den Parteimitgliedern, sie erinnerten sich plötzlich wieder an diese Mail aus Deutschland und vermittelten ihn an "Organizing for America", eine Organisation, die mit Veranstaltungen Barack Obama unterstützt. Tom meldete sich als fester Mitarbeiter an, kurze Zeit später war er offizieller Wahlhelfer des amerikanischen Präsidenten.

Dass er als Deutscher in den USA nicht mal wählen darf, dass man seinen Akzent heraushört, all das zählte nicht. Tom absolvierte ein kurzes Training, dann half er mit, ein Wahlkampfbüro in San Francisco aufzubauen. Heute ist er verantwortlich, die freiwilligen Helfer zu koordinieren, er schreibt die Zeitpläne für ihren Einsatz und hört ihnen zu, wenn sie Fragen haben. Es gibt sogar ein eigenes soziales Netzwerk, indem sich die Obama Fans austauschen und ihre Aktionen online planen können.

Tom ist auch einer der beiden Kontakte zur Universität, denn vor allem die jungen Menschen würden diese Wahl entscheiden, sagt er, "und junge Wähler spricht man am besten durch junge Wahlhelfer an. Eine seiner Hauptbeschäftigungen aber ist das Telefonieren."

Wähler sollen am Telefon überzeugt werden

In Amerika haben die Telefonanrufe kurz vor den Wahlen eine lange Tradition. Die Teams beider Parteien versuchen, vor allem noch unentschlossene Wähler zu überzeugen, gerade in den so genannten Swing-States, den Bundesstaaten in den heute noch nicht klar ist, ob die Bürger mehrheitlich für die Demokraten oder die Republikaner stimmen werden. Die Wahlkampfbüros in Kalifornien helfen auch mit, in diesen Wechselstaaten die Wähler zu erreichen. Ein heikles Unterfangen, manche Amerikaner sind von der Dauerbeschallung mit Parteiwerbung am Telefon, im Fernsehen und im Radio schon spürbar genervt. Tom versucht es, in dem er einfach unglaublich freundlich ist.

150 Helfer hatten sich zum Beispiel am vergangenen Wochenende in dem knapp 400 Quadratmeter großen Büro in San Francisco eingefunden. Auf der leer stehenden Ladenfläche sitzen sie an funktionalen Tischen und rufen die Bürger an, mit normalen Telefonen oder von ihrem Laptop aus. 50.000 Anrufen haben sie alleine in diesen zwei Tagen geschafft.

Tom sagt, in einer Stunde komme er auf rund 70 Telefonate. Einige seien gar nicht erreichbar, manche legten gleich auf. Offenbart sich jemand als Obama-Wähler, versucht Tom, ihn gleich zum Mitmachen zu bewegen. Das große Engagement seiner Helfer könnte Barack Obama am Ende den Sieg sichern. Im so genannten Grassroot-Wahlkampf ist sein Team weit aus besser als das von Mitt Romney.

Je mehr Helfer, desto besser

Heute hat Tom eine besondere Aufgabe: Er soll Wahlkampfhelfer von vor vier Jahren anrufen und fragen, ob sie nicht wieder Lust hätten mitzumachen. Dass er Deutscher ist, stört die meisten Anrufer nicht. "Ich kann es sogar als Argument verwenden", sagt Tom. "Ich erzähle dann, dass ich extra aus Deutschland gekommen bin, um Barack Obama zu helfen. Und frage sie, ob sie nicht auch Lust hätten." Drei Minuten dauert so ein Gespräch, Tom bekommt erstaunlich viele Zusagen.

"Die Bereitschaft der Menschen, schnell zu helfen, und die unkom-plizierten Zugänge zu den Wahlkampfbüros führten dazu, dass wir so viele Helfer gefunden haben", sagt Tom. Wer für Obama kämpft, muss auch nicht gleich Mitglied der Partei werden. "Was die Struktur anbelangt, können wir uns für den Wahlkampf in Deutschland hier viel abgucken."

Seine Motivation, jeden Tag wildfremde Amerikaner anzusprechen, ist die Hoffnung: Tom glaubt, dass Obama nochmal siegen wird. "They have the millionaires, we have the people", zitiert er einen geläufigen Spruch im Team. Romney mag mehr Geld von reichen Sponsoren haben, Obama habe mehr Leute, die für ihn kämpften. Die nächsten Tage werden besonders kräfteraubend sein. In den Umfragen liegen Obama und Romney gleich auf, es kommt nun tatsächlich auf jede einzelne Stimme an.

Tom wird zum ersten Mal auch an die Haustüren in Orten klopfen, an denen er noch nie war. Er wird versuchen, mit Menschen, die er noch nie gesehen hat, ins Gespräch zu kommen. Am Wochenende fahren sie zusammen los.

Am Ende zeigt sich, ob sich der Einsatz ausgezahlt hat

In den letzten vier Tagen vor der Wahl werden sie in ihrem Büro dann nochmal alles geben. Sie werden mit 300 Helfern gleichzeitig an den Tischen sitzen, 15 Stunden am Tag. Sie werden vor allem die anrufen, die sich vor ein paar Wochen noch nicht entscheiden konnten. "Wir planen dann mit ihnen ihren Tag. Wir fragen sie, ob wir sie unterstützen können. Manche wissen ja nicht einmal, wie sie zu ihrem Wahllokal kommen sollen."

Seinen Rückflug nach Deutschland hat Tom kürzlich um zwei Tage verschoben. Er will die Wahlnacht am 6. November mit seinen neuen Freunden erleben. Erst im Büro, dann auf einer Party. Er will wissen, ob sich die Arbeit der letzten Wochen gelohnt hat.

Das ursprüngliche Ziel seiner Reise hat Tom allerdings nicht ganz vergessen. Neulich war er zum ersten Mal surfen, am Strand bei San Louis Obispo am berühmten Highway Number 1. Er sagt, er habe sich ganz gut geschlagen.