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Analyse

König Salman, Putin und Co.: Das steckt hinter Donald Trumps fragwürdigem Umgang mit Verdächtigen

Donald Trump hat eine Verwicklung Saudi-Arabiens in den Fall Khashoggi angezweifelt. "Er hat es mit Nachdruck bestritten", sagte der US-Präsident nach einem Telefonat mit König Salman - Worte, die einem bekannt vorkommen.

US-Präsident Donald Trump am vergangenen Montag beim Verlassen des Weißen Hauses in Washington

"Ich habe eben mit dem König von Saudi-Arabien gesprochen, der jegliche Kenntnis bestreitet": US-Präsident Donald Trump am vergangenen Montag beim Verlassen des Weißen Hauses über das Verschwinden des Journalisten Jamal Khashoggi

AFP

Was machen Menschen, die etwas Schlimmes getan haben und nicht dafür bestraft werden wollen? Sie bestreiten die Tat. Das heißt nicht, dass jeder, der eine Tat bestreitet, sie deshalb begangen hat. Es heißt aber genauso wenig, dass jeder, der eine Tat bestreitet, deshalb unschuldig ist. Das ist eigentlich ziemlich einleuchtend.

Allerdings nicht für Donald Trump, so scheint es. Der US-Präsident hat die Angewohnheit, Verdächtigen ihre Unschuldsbeteuerungen zu glauben - sofern sie zu seinen Verbündeten zählen oder ihre Dementis in irgendeiner Weise seinen Interessen dienen. Jüngster Beleg dafür ist der Fall des nach einem Besuch in der saudi-arabischen Botschaft in Istanbul verschwundenen Journalisten Jamal Khashoggi.

"Das Dementi war ein sehr entschiedenes Dementi"

Er habe vor etwa einer halben Stunde mit Saudi-Arabiens König Salman telefoniert und dieser habe ihm versichert, dass die Regierung in Riad keine Ahnung habe, was mit Khashoggi geschehen sei, erklärte Trump am Montagmorgen in Washington. "Sein Dementi hätte nicht deutlicher ausfallen können." Er könne nur berichten, was der König ihm gesagt habe, betonte der Präsident. "Und er hat auf sehr entschiedene Weise gesagt, dass er nichts davon weiß. Er sagte das mit großem Nachdruck."

Für ihn habe es sich so angehört als ob Salman ebenso wie der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman nichts über die Hintergründe von Khashoggis Verschwinden wüssten und als könne der Journalist eher Opfer boshafter Killer geworden sein, sagte Trump. "Das Dementi war nicht nur ein Dementi, es war ein sehr entschiedenes Dementi."

Das Weiße Haus teilte dazu mit, Trump habe Saudi-Arabiens Dementi lediglich wiedergegeben. Um das zu glauben, müsste man allerdings nicht nur den Tonfall des Präsidenten, sondern auch dessen Vorgehen in der Vergangenheit komplett ignorieren. Denn Trump folgt im Fall Khashoggi seinem bisherigen Verhaltensmuster: Er glaubt, wem er glauben will. In dieser Hinsicht hat König Salman zahlreiche Vorgänger. Die "Washington Post" und der US-Sender CNN haben Beispiele dafür aufgelistet:

Zu Wladimir Putin und der russischen Einmischung bei den Wahlen 2016 sagte Trump:

  • "Ich habe großes Vertrauen in mein Geheimdienstpersonal, aber ich sage Ihnen, dass Präsident Putin bei seinem heutigen Dementi extrem stark und kraftvoll war."
  • "Ich habe Präsident Putin gefragt. Er sagte nur, dass es nicht Russland ist. Ich werde folgendes sagen: Ich sehe keinen Grund, warum es das sein sollte." (Das Weiße Haus behauptete später, Trump habe sagen wollen, dass es das "nicht sein sollte".)
  • "Er sagte, er habe sich nicht eingemischt. Ich fragte ich ihn noch einmal. Man kann nicht unendlich oft fragen. Ich habe ihn einfach nochmal gefragt. Er sagte, er habe sich absolut nicht in unsere Wahl eingemischt. Er hat nicht das getan, von dem sie sagen, dass er es getan hat."
  • "Ich habe Präsident Putin zweimal mit großem Nachdruck auf eine Einmischung Russland in unsere Wahl angesprochen. Er dementierte es vehement. Ich habe meine Meinung bereits geäußert."
  • "Aber er sagt:" 'Das habe ich nicht getan'. Ich denke, das beleidigt ihn sehr, was für unser Land keine gute Sache ist."

Zu Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs gegen Brett M. Kavanaugh im Streit um dessen Ernennung zum Obersten Richter erklärte das Weiße Haus:

  • "Am Freitag wies Richter Kavanaugh diese Anschuldigungen 'kategorisch und unmissverständlich' zurück. Daran hat sich nichts geändert. Richter Kavanaugh und das Weiße Haus stehen beide zu dieser Aussage."
  • Trump selbst stellte wiederholt als Beleg für Kavanaughs Unschuld heraus, dass dieser die Vorwürfe bestritt und nannte die Anschuldigungen "eine der unfairsten, ungerechtesten Sachen, die einem Kandidaten wegen irgendetwas wiederfahren sind".

Zu Anschuldigungen gegen seinen früheren Wahlkampfmanager Paul Manafort sagte Trump:

  • "Manafort hat es vollständig dementiert. Er hat es dementiert." 

Zu Vorwürfen der sexuellen Belästigung gegen den republikanischen Senatskandidaten Roy Moore:

  • "Er bestreitet es. Schau, er bestreitet es. Wenn man sich all die Dinge ansieht, die in den letzten 48 Stunden geschehen sind, er leugnet es vollständig. Er sagt, es ist nicht passiert. Und seht mal, ihr müsst ihn ebenfalls betrachten."
  • "Lasst mich euch einfach sagen: Roy Moore bestreitet es. Das ist alles, was ich sagen kann. Er bestreitet es. Und übrigens, er bestreitet es vollständig."

Zu Missbrauchsvorwürfen gegen den ehemaligen leitenden Assistenten des Weißen Hauses, Rob Porter:

"Er sagt, er ist unschuldig, und ich finde, man muss das bedenken. Er sagte gestern sehr deutlich, dass er unschuldig ist, aber sie müssen mit ihm darüber reden."

Donald Trump hat enge Kontakte zu Saudi-Arabien

In all diesen Fällen hat Trump keinen Zweifel daran gelassen, auf welcher Seite er steht, und zwar aus reinem Eigeninteresse: Der Präsident gibt vor, Putin zu vertrauen, weil er selbst eine russische Wahlkampfbeeinflussung bestreitet beziehungsweise relativiert. Er nimmt Manafort in Schutz, weil er mögliche Aussagen seines früheren Wahlkampfleiters zur Russlandaffäre fürchtet. Er glaubt Kavanaugh, weil er will, dass sein Protegé den freien Richterstuhl im Supreme Court bekommt.

Und im Fall Khashoggi?

Trump stützt sich bei seiner Nahost-Politik sehr stark auf das sunnitische Saudi-Arabien. Die USA und das Königreich betrachten beide den schiitischen Iran als Erzfeind, den sie gemeinsam bekämpfen wollen. Seine allererste Auslandsreise führte den US-Präsidenten im Mai 2017 nach Riad, wo ihm die saudische Führung einen fulminanten Empfang bereitete. Trump hat einen 110 Milliarden Dollar schweren Rüstungsdeal mit den Saudis gemacht, den er auf keinen Fall gefährden will. Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman pflegt enge Beziehungen zu Trumps Schwiegersohn Jared Kushner.

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Und wenn das nicht reicht: Trump selbst hat in den letzten Jahrzehnten Millionen von Dollar durch Geschäfte mit Saudi-Arabien verdient. Für seine Hotels in Washington, New York und Chicago sind Besucher aus dem Königreich lukrative Kunden, deren Buchungszahlen in diesem Jahr signifikant gestiegen sind, wie die "Washington Post" berichtet.

Das Muster bleibt: Trump glaubt, was er glauben will. Dementis sind mehr Wert als Tatsachen oder Indizien - so lange sie dem Präsidenten nützen.

Und sollte es Fakten geben, die dagegen sprechen, sind das eben Fake News.