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Treffen mit Juncker Dr. Donald und Mr. Trump – die Heckenschützentaktik des US-Präsidenten

Trump Juncker
Da schaute nicht nur EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker irritiert: Nachdem Donald Trump die EU vor Tagen noch als "Feinde" tituliert hatte, sprach der US-Präsident plötzlich von enger Freundschaft
© Douliery Olivier/ABACA / Picture Alliance
Vor- und Nachtreten bei gleichzeitiger Ankumpelei - so springt Donald Trump mit Staats- und Regierungschefs um. Klingt seltsam? Funktioniert auch nicht, wie zuletzt mehrfach quasi in Echtzeit zu erleben war.

Man muss sich Donald Trump als zweischneidigen Menschen vorstellen. Als jemand, der schon zornig aufwacht und seiner Entrüstungen via Handy Luft macht. Wäre er eine Zeichentrickfigur in einem alten Cartoon, dann würde ihm beim Twittern im Bett wohl Qualm aus den hochroten Ohren schießen. Vielleicht hätte er auch eine gezackte Blase über dem Kopf mit Totenkopf und Blitz darin. Die sich ab und an füllt mit konkreten Flüchen, etwa wenn er sich darüber beklagt, wie gemein die EU zu den USA ist. Oder beim Nato-Chef über Deutschland herzieht. Oder Reportern erklärt, wie Theresa May den Brexit verbockt. Auf das Gepöbel folgt dann die Begegnung, folgt dann ein handzahmer US-Präsident, der sein "sehr gutes Verhältnis" zum zuvor Beleidigten betont. Dr. Donald und Mr. Trump.

Vor- und Nachtreten bei gleichzeitiger Ankumpelei

Donald Trump beherrscht die selten verbreitete Kunst des öffentlichen Vor- und Nachtretens bei gleichzeitiger Ankumpelei im persönlichen Umgang. Die "New York Times" hat 487 Menschen, Orte und Dinge aufgelistet, die der US-Präsident bereits beleidigt hat. Darunter ist auch Kanadas Premier Justin Trudeau. Dem rief Trump nach dem G7-Gipfel im Juni auf Twitter hinterher, er sei unehrlich, schwach und gebe falsche Erklärungen ab. Grund des Wutanfalls: Trudeau hatte als Reaktion auf US-Strafzölle gegen Kanada ebenfalls Zölle gegen die USA erhoben. Kurz zuvor hatte Trump das Verhältnis zu seinem Kollegen in dessen Beisein noch gepriesen.

Zuletzt stellte der US-Präsident diese Fertigkeiten beim Treffen mit dem EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker eindrucksvoll zur Schau. Vor der Zusammenkunft hatte sich Trump noch beklagt: "Was die EU uns antut, ist unglaublich. Wie schlecht." Die USA seien für die Europäer ein "Sparschwein", dass diese ohne Reue schlachteten. Juncker dürfte damit gerechnet haben, im Weißen Haus ordentlich die Leviten gelesen zu bekommen. Doch es kam alles anders: Nach dem Treffen zeigten sich beide in trauter Eintracht im Rosengarten. Trump, der die EU noch vor Tagen als Feind bezeichnet hatte, sprach plötzlich von "enger Freundschaft".

In besonders komprimierter Form war die präsidiale Verhaltensauffälligkeit auch zuvor beim Nato-Gipfel in Brüssel zu beobachten. Umgeben von einer riesigen Staubwolke, aufgewirbelt durch wüste Schimpftirade gegen die Bundesregierung und deren Verteidigungsausgaben, war Trump nach Brüssel gereist. Dort angekommen, wütete er im Büro von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg bei O-Saft und Obst über die Europäer, die sich auf Kosten der Amerikaner beschützen ließen während sie sie beim Handel gleichzeitig über den Tisch zögen. Danach beriet er sich mit den Führern der Nato-Mitgliedsstaaten, unterstützte auch die gemeinsame Abschlusserklärung, um kurz danach auf Twitter gegen genau dieser Erklärung zu pesten. Zwischendurch unterstreicht er sein "sehr gutes Verhältnis" zu Angela Merkel.

May kriegt alles ab - in den Rücken

Theresa May, die politisch arg ramponierte Premierministerin Großbritanniens, hat die Trumpsche Heckenschützen-Taktik besonders perfide zu spüren bekommen. Die beiden Regierungschef saßen noch bei einem festlichen Gala-Dinner im Blenheim Palace beisammen, als die "Sun" Teile eines Interviews mit dem US-Präsidenten veröffentlichte, das er drei Tage zuvor dem Boulevardblatt gegeben hatte. Es waren Sätze, die auf May wie Schüsse in den Rücken gewirkt haben dürften. So sei sie dabei, den Brexit zu versauen. So habe sie bei diesem Thema nicht auf ihn gehört und überhaupt wäre der abtrünnige Ex-Außenminister Boris Johnson ein weitaus besserer Regierungschef. Am Freitag dann die obligatorische Zurückruderei: "Ich habe die Premierministerin nicht kritisiert. Ich habe viel Respekt für die Premierministerin."

Vielleicht hat Trump ein Problem mit Frauen in Regierungsämtern. Es ist auffällig, dass er gegen Merkel und May deutlich zorniger wettert als etwa gegen Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Aber ob Frau oder Mann – am Ende aber läuft seine Vorstellung von "Politik" so gut wie immer auf "Schießen aus der Ferne, Umarmen in der Nähe, Drohen nach Verabschiedung" hinaus. Auch China und dessen Staatschef Xi Jinping haben diese Erfahrung gemacht. Putin und Russland. Nordkoreas Diktator Kim Jong Un ebenfalls, wobei der noch einen kleinen Kuschelbonus genießt. Möglicherweise wirkt das Oxytocin noch etwas nach. Wer weiß das schon? Wer weiß überhaupt, was hinter der Trumpschen "Taktik" steckt?

Es ist ja noch nicht einmal klar, was das überhaupt sein soll, dieses Gehabe. Eine Verhandlungsführung nach Art "guter Bulle, böser Bulle"? Nur in einer Person? Ein Dialog, bei dem der Chef des Weißen Hause den anderen niedermacht, um sich stark zu fühlen? Es gilt immer das Gegenteil von dem was Trump sagt? Oder plustert sich er sich nur so lange auf, je weniger er anderen dabei in die Augen schauen muss? Aber wenn er muss, er zu feige ist, Klartext zu reden? Weswegen er lieber aus der Ferne nachtritt? Außer Kim Jong Un rühmt sich niemand mit seinem "guten Verhältnis" zu Trump.

Donald Trumps Taktik: bellen und beißen 

Der Immobilien-Milliardär hat sein Vermögen im mafiaverseuchten Bauwesen New Yorks gemacht. Und ein alter Vertrauter, der Anwalt Roy Cohn, hat ihm einst geraten, immer zehnmal härter zuzuschlagen als der Gegner. Die Erkenntnis daraus steht in Trumps "The Art of the Deal"; sie lautet kurzgefasst: "bellen und beißen". Er wendet sie an beim Handelsstreit mit China, beim Handelsstreit mit der EU, mit Kanada, mit Mexiko. Beim Geldstreit mit der Nato, dem Atomstreit mit dem Iran, beim Atomstreit mit Nordkorea. Beim Einwanderungsstreit mit der US-Opposition, beim Streit um Russland Rolle im US-Wahlkampf und beim Streit um das US-Gesundheitssystem. Keiner dieser Streits ist bislang wirklich beigelegt. Seine Taktik funktioniert in der Politik verhältnismäßig schlecht.


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