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Analyse

US-Präsidentschaftswahlen 2020: Der Feind in seinem Kopf: Donald Trump hat Angst vor Joe Biden

Nach außen hin lässt US-Präsident Donald Trump keinen Zweifel an seiner Wiederwahl im nächsten Jahr erkennen. Sein Verhalten gegenüber seinem möglichen Herausforderer Joe Biden spricht allerdings eine andere Sprache.

Donald Trump (l.) und Joe Biden

"Eine weitere Person mit niedrigem IQ": Donald Trump (l.) über Joe Biden

DPA / AFP

Es war eine klare Anweisung, die Donald Trumps Schwiegersohn und Berater Jared Kushner den Wahlkampfteams des US-Präsidenten schickte: Mischt Euch nicht in den Vorwahlkampf der Demokraten ein! Einzelne Anwärter für die demokratische Präsidentschaftskandidatur ins Visier zu nehmen, sei bestenfalls Zeitverschwendung und schlimmstenfalls sogar kontraproduktiv, warnte Kushner, wie die US-Nachrichtenseite "Politico" Anfang Mai berichtete. "Was Kushner den Wahlkämpfern geraten hat, ist im Grunde genommen: 'Jetzt ist nicht der Moment, um Schlagzeilen zu machen oder jemanden anzugreifen'", zitierte "Politico" eine mit Kushners Strategie vertraute Person.

Donald Trump attackiert Joe Biden via Twitter

Ob Kushner seine Anweisung mit seinem Schwiegervater abgesprochen hat, ist unklar. Klar ist aber, dass Trump selbst sich nicht die Bohne darum schert. Seit Wochen lästert der US-Präsident hemmungslos über mögliche demokratische Herausforderer. Auf einen hat er sich dabei besonders eingeschossen: Joe Biden. Immer wieder feuert Trump Twitter-Salven gegen den 76-Jährigen ab. Im März nannte er den früheren Vizepräsidenten "eine weitere Person mit niedrigem IQ". Ende April beschimpfte er ihn als "verschlafen" und "nicht besonders helle". Am 1. Mai retweetete er laut "Politico" fast 60 Kommentare von Leuten, die ihrem Ärger darüber Luft gemacht hatten, dass die Feuerwehrgewerkschaft eine Unterstützungserklärung für Biden abgegeben hat.

Früherer Vizepräsident: Angriff auf Trump: Joe Biden startet US-Wahlkampf

Sogar als Trump am vergangenen Wochenende in seinem Golfclub in Sterling, westlich von Washington, weilte, spukte ihm Biden im Kopf herum. "China TRÄUMT davon, dass der verschlafene Joe Biden oder irgendeiner der anderen im Jahr 2020 gewählt wird. Sie lieben es, Amerika abzuzocken!", schrieb der US-Präsident in einem von mehreren Tweets und Reetweets, in denen er seinen Konkurrenten attackierte.

Trump erwägt, Justizminister auf Biden anzusetzen

Wie besessen Trump vom Kampf gegen Biden ist, verdeutlicht auch der missglückte Plan seines Anwalts Rudy Giuliani, den einstigen Stellvertreter von Barack Obama mithilfe der ukrainischen Regierung zu kompromittieren. Giuliani wollte in diesen Tagen nach Kiew reisen, um dort darauf zu drängen, Bidens Forderung nach Absetzung des ukrainischen Staatsanwalts aus dem Jahr 2016 unter die Lupe zu nehmen. Der Staatsanwalt hatte damals unter anderem auch gegen ein ukrainisches Erdgasunternehmen ermittelt, für das Bidens Sohn Hunter tätig war, weshalb das Trump-Lager einen Machtmissbrauch des damaligen Vizepräsidenten wittert. Dafür gibt es allerdings keinerlei Belege.

Giulianis Reisepläne stießen auf heftige Kritik von Politikern der Demokraten. "Heute gab Giuliani zu, eine ausländische Macht um politische Hilfe gebeten zu haben. Schon wieder", twitterte der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Repräsentantenhaus, Adam Schiff. Am Wochenende sagte Giuliani seine Kiew-Reise schließlich ab. Trump erwägt nun, seinen Justizminister William Barr auf die Sache anzusetzen: "Es wäre sicherlich angebracht, mit ihm darüber zu reden, aber das habe ich bisher noch nicht getan", sagte der US-Präsident in einem Telefoninterview mit "Politico". "Es kann eine sehr große Sache sein."

Biden liegt in Umfragen vor Trump

Dass Trump von den mehr als 20 Bewerbern für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten Biden besonders ins Visier nimmt, hat einen guten Grund: Der frühere Senator des US-Bundesstaates Delaware gilt für viele als aussichtsreichster Anwärter auf das demokratische Ticket für 2020. Biden liegt in den Umfragen deutlich vor seinen Konkurrenten und auch im Vergleich mit Trump sehen ihn Meinungsforscher vorne. Zwar ist der Aussagewert von Umfragen so weit vor Beginn der Vorwahlen Anfang Februar nächsten Jahres sehr begrenzt, dennoch gilt der 76-Jährige auch bei Beratern des Präsidenten als größte Bedrohung für eine Widerwahl des Republikaners.

Mehrere Trump-Mitarbeiter hätten sich in vertraulichen Gesprächen überrascht gezeigt, dass Biden so früh einen so großen Vorsprung erreicht hat, berichtet die US-Nachrichtenseite "Axios". Vor einigen Monaten hätten viele der Präsidentenberater geglaubt, dass Biden bei der eigentlichen Wahl enorm gut abschneiden würde. Aber nur wenige hätten angenommen, dass er eine demokratische Vorwahl gewinnen könne, die danach aussah, als würde sie von linken Aktivisten dominiert werden. Jetzt würden sie denken: Himmel! Vielleicht schafft er es doch bis zur Präsidentschaftswahl.

Sehen Sie ein Porträt über Joe Biden im Video: 

Joe Biden steht vor blaume Hintergrund und neben einer US-Flagge und richtet sich mit der rechten Hand die Krawatte

Quellen: "Politico""New York Times""Axios", CNNReal Clear PoliticsTwitter