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Deutsche Medien zu Trump-Interview "Eine mächtige Attacke auf unseren Lebensstandard"

Donald Trump hat zentrale Aussagen zu seiner Politik in einem großen Zeitungsinterview gemacht
Trumps Interview schockt die EU
© Evan Vucci/AP
Die Nato sei "obsolet", Merkels Flüchtlingspolitik "katastrophal" und der Brexit "großartig": Donald Trump hat mit seinem Interview für große Irritation gesorgt. Politiker und Medien reagieren besorgt. Die Pressestimmen im Überblick.

Der designierte US-Präsident Donald Trump hat mit harscher Kritik an Deutschland, EU, Nato und Autoindustrie große Sorgen über seinen Kurs als mächtigster Mann der Welt geweckt. So bewertete Trump die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in dem am Montag veröffentlichten Interview von "Bild" und Londoner "Times" als "äußerst katastrophalen Fehler". Der Europäischen Union sagte er ohne Bedauern weitere Austritte voraus, die Verteidigungsallianz nannte er im jetzigen Zustand "obsolet", den Brexit "großartig", den deutschen Autobauern drohte er Strafzölle an.

Die Reaktionen in Europa: Irritation und Unverständnis. Es gibt aber auch Appelle, mit mehr Selbstbewusstsein auf die Situation zu reagieren. Die deutschen Pressestimmen im Überblick:

Tagesspiegel:

"Wie auch in seiner ersten großen Pressekonferenz spricht aus Trumps erstem Europa-Interview ein Mann ohne erkennbares Konzept. Er zitiert sich selbst mit den Worten, die Nato sei 'obsolet', nur um gleichzeitig zu sagen, sie sei für ihn auch 'wichtig'. All das könnte ein krasser Bruch sein - oder nicht zu Ende gedacht. Was bleibt, ist das Bild eines hilflosen Menschen. Unberechenbarkeit und Fahrigkeit ist beides: Gefahr und Chance. Ob und wie seine Berater, der Kongress oder seine internationalen Partner ihn beeinflussen können, ist völlig offen."

Deutsche Medien zu Trump-Interview: "Eine mächtige Attacke auf unseren Lebensstandard"

Süddeutsche Zeitung:

"Begegnet man Trump mit der Haltung, wenn jeder im Verhältnis zu den USA für sich sorge, sei für alle gesorgt, dann ist die Europäische Union erledigt. Dann kann der Präsident partikulare Interessen nach seinen Wünschen bespielen; dann kann er Europa auch in Taten spalten, wie er es bisher nur mit Worten macht, zum Beispiel mit seinem Lob für den Brexit oder mit dem Satz, die EU diene vor allem Deutschland als Mittel zum Zweck. Tritt die Wertegemeinschaft EU nicht geschlossen auf, hat sie keinen Wert mehr. Deshalb beginnt gerade für Merkel die Arbeit am neuen transatlantischen Verhältnis nicht so sehr in Washington, sondern vor allem in den Hauptstädten Europas."

Frankfurter Rundschau:

"Es ist eine mächtige Attacke auf deutsche Arbeitsplätze, unseren Lebensstandard, unser Wirtschaftsmodell mit freiem Handel und offenen Grenzen. Sowohl der künftige US-Präsident Donald Trump als auch die britische Premierministerin Theresa May nehmen allen Europäern die letzte Hoffnung, es könne alles nicht so ernst gemeint gewesen sein. Die Beiden meinen es ernst mit ihrer zutiefst nationalistischen Politik, mit ihren Angriffen auf eine internationale Arbeitsteilung zum Wohle aller. Die eine spaltet Europa und will ihre Volkswirtschaft mit einem harten Schnitt vom Kontinent abtrennen. Der andere nimmt es gleich mit der ganzen Welt auf und bereitet in seiner naiven Wut über die Globalisierung die Rückkehr zu einer gefährlichen Abschottungspolitik, zum Protektionismus vor."

Die Welt:

"Unser Ehrgeiz sollte geweckt sein. Die Verteilung globalen Wohlstands wird von den USA künftig aggressiv zu ihren Gunsten entschieden werden - wenn wir uns nicht wehren und besser, mutiger, fleißiger, innovativer, freier, offener, multikultureller, kreativer, disziplinierter werden. Um es etwas zuzuspitzen: Wir brauchen die Trümmerfrauen-Stoik in Kombination mit der Hartz-IV-Reformethik, um unerschrockener auch in Konflikte mit unseren geliebten Partnern zu gehen. It's theeconomy, stupid. Wenn die Deutschen diesen Konflikt aushalten und sogar Punkte machen, verteidigen sie damit auch die Segnungen einer liberalen, offenen Gesellschaft. Es geht um sehr viel. Mehr denn je."

Mittelbayerische Zeitung:

"Der künftige US-Präsident hat sozusagen Trumps Weltsicht ausgebreitet. So, wie er sie sieht. Und Donald Trump sieht die Probleme dieser Welt schlicht und in Schwarz-Weiß, so wie er bereits seinen Wahlkampf führte. Zwischentöne und versöhnliche Botschaften finden sich dagegen kaum in seinen Antworten. Dafür allerdings viele Widersprüche zu den Positionen, die seine designierten Minister vertreten. Schon bald nach seiner Amtseinführung am Freitag muss der dann mächtigste Mann der Erde erklären, was genau sein politischer Kurs ist, welche Positionen die neue US-Administration einnehmen wird zur EU, zur Nato, zu Deutschland, zu Russland. Mit den jetzigen widersprüchlichen Signalen von Trump jedenfalls ist kein Staat zu machen. Er ist bislang eine Wundertüte. Keiner weiß, was er wirklich bekommt. Es wird höchste Zeit, dass der Wahlkämpfer Donald Trump auf Präsidentenmodus umschaltet. Angela Merkel hat so besonnen auf Trumps Äußerungen reagiert, wie sie dies bereits nach seiner Wahl getan hat: Zurückhaltend, diplomatisch, an die gemeinsamen westlichen Werte erinnernd."

Badisches Tagblatt:

"Der künftige US-Präsident kann mit dem Begriff transatlantische Partnerschaft nichts anfangen. Dazu steht er ja auch. Solch unverblümte, auf Geschichte und Zusammenhänge verzichtende Aussagen, haben ihn ins Amt gebracht. So unbedarft und kenntnisfrei wird er sein Amt antreten - dazulernen will er nicht. Politik ist für ihn weiter ein Spiel. Wenn die EU aus den Trumpschen Provokationen die richtigen Schlüsse zieht, kann sie gestärkt aus der Bewährungsprobe hervorgehen. Dann nämlich, wenn Europa versteht, dass es seine Interessen besser selbst vertritt und seine Verteidigung selbst in die Hand nimmt. Das ist zwar unpopulär, schließlich bedeutet es mehr Gewicht fürs Militär. Aber Trump wird sich im Zweifelsfall mit Russlands Wladimir Putin über die Interessen Europas hinwegsetzen. Auf Trump kann sich die EU nicht verlassen."

Neue Osnabrücker Zeitung:

"Kein Tag ohne Nachrichten von Donald Trump. Jetzt das Interview, in dem er Angela Merkel und die EU abermals kritisiert, seine Idee von Strafsteuern für Waren aus Mexiko bekräftigt und die Kritik an den europäischen Nato-Partner erneuert. Nüchtern betrachtet, treffen einige zu. Aus anderen wird nichts folgen. Teils stehen dem rechtliche Gründe entgegen, teils die Vernunft. Und wenn die Äußerungen des künftigen amerikanischen Präsidenten auch sprunghaft wirken, immerhin verfügt er über die Eigenschaft, beratungsfähig zu sein. Gefährlicher als Trump selbst kann die Überheblichkeit werden, die ihm in Deutschland weiterhin entgegenschlägt. Ist es am Ende gar nicht der Inhalt der Trump'schen Politik, der seine Gegner so in Rage bringt? Ist es die Ahnung, dass er hier und da durchaus richtig liegt?"

Lübecker Nachrichten:

"Trump muss zur Vernunft gebracht werden. Er verdient eine Antwort, schnell und in einer Sprache, die er versteht. Reden wir über Europa, über den Zugang zu dem mit 500 Millionen Einwohnern größten Binnenmarkt der westlichen Welt. Glaubt Trump, er könne nach Art eines allmächtigen Potentaten mit Strafzöllen drohen, ohne seinerseits Konsequenzen fürchten zu müssen? So viele iPhones und iPads wie in der EU können die Amerikaner trotz intensivster Werbung in Idaho und Nebraska nie verkaufen. Warum sollte man die Dominanz von Amazon und Starbucks dulden - wenn die USA ihrerseits dichtmachen?"

Südwest Presse:

"Viel ist es nicht, was sich aus Donald Trumps plakativen Äußerungen an konkreter Politik herauslesen lässt. Doch bei einem Thema ist er überdeutlich: den Strafzöllen. Für Deutschland und vor allem den Südwesten ist das brandgefährlich. Die USA sind wichtigster Handelspartner der Südwest-Unternehmen, was vor allem heißt: wichtigstes Exportziel. Insofern hat Trump schon recht, denn oberflächlich betrachtet ist der Deal nicht fair. Deutschland verkaufte 2015 Waren für 114 Milliarden Euro in die USA, kaufte aber nur für 59 Milliarden Euro dort ein. Dieses Ungleichgewicht hatte schon die Obama-Regierung moniert. Als Rezept dagegen empfahl sie, den Konsum in Deutschland anzukurbeln. Trump jedoch geht gleich zum Angriff über - eine hoch riskante Strategie für die Firmen im Südwesten, aber auch für die USA selbst. Die Weltwirtschaft ist so stark verflochten, dass Handelsbarrieren weltweit das Wachstum dämpfen und uns alle Wohlstand kosten würden. Der Angriff auf das Herz von Deutschlands Wirtschaft würde die USA selbst ins Mark treffen."

car DPA

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