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Neuer US-Präsident: Donald Trumps bizarrer Faktenkrieg - Wahn oder Absicht?

Tagelang streitet sich das Team von Donald Trump mit den Medien über die Zuschauerzahl bei Trumps Amtseinführung. Die Gefallsucht des neuen US-Präsidenten bereitet den Mitarbeitern Kopfzerbrechen, aber möglicherweise steckt dahinter ein System.

Donald Trump

Donald Trump: Sein Gefallzwang hat nicht nur Nachteile für sein Team

Wenn sich Informatiker Anwendungen ausdenken, die die Nutzer überfordern, rechtfertigen sie sich gerne mit dem hübschen Spruch: "It's not a bug, it's a feature", also sinngemäß: Das ist kein Fehler, das muss so. Das Gleiche könnte man auch über Donald Trump und sein Team sagen. In ihren ersten Tagen in Weißen Haus haben sie ausgeteilt, schöngeredet, bessergewusst, gelogen und wieder klein beigegeben, dass es jedem Kindergarten zur Ehre gereicht hätte. Aber, wie gesagt. Das muss wohl so. Trumps Regierungsmannschaft scheint es ernst zu meinen mit seinen angekündigten Aufräumarbeiten im "Sumpf Washington".  Anders ist das bizarre Schauspiel kaum zu erklären. Und nur die größten Optimisten hoffen, dass es sich dabei um eine Art Erstverschlimmerung handeln muss. Aber was, wenn dahinter System steckt?

Erster Eklat schon am ersten Tag im Amt

Der neue US-Präsident war gerade einmal 24 Stunden im Amt, als sein Sprecher Sean Spicer den ersten Eklat lostrat. Auf den Bildern der TV-Stationen war für jeden sichtbar, was nicht sein durfte: Zur feierlichen Amtseinführung am Washingtoner Kapitol waren weniger Menschen gekommen als Trump erhofft hatte, zumindest aber deutlich weniger als acht Jahre zuvor bei der Vereidigung von Barack Obama. Für das Ego des neuen Staatschefs war dieser unerfreuliche, aber im Grunde nebensächliche Umstand so bedeutend, dass er Sean Spicer anwies, zu behaupten, es sei die größte Zuschauermenge gewesen, die je bei einer Inauguration zugegen war. Punkt, keine Diskussion.

Trumps Pressesprecher: Sieben Akte ohne Gnade - das große Theater des Sean Spicer

Nur Stunden später sprang Trumps Presseberaterin Kellyanne Conway ihrem Kollegen bei und stellte die interessante These auf, Spicer habe eben "alternative Fakten" präsentiert, was ein wenig so klang, als könne man auch unterschiedlicher Meinung darüber sein, bei welcher Temperatur Wasser kocht. Am Montag präzisierte Sean Spicer dann seinen Standpunkt. Wenn man nämlich das Publikum vor Ort, die TV-Zuschauer und auch die Nutzer von Internet und sozialen Medien zusammenrechne, dann ergebe sich eben die größte Menge, die je bei einer Inauguration zugegen war. Zugegeben: Mit den Internetzahlen brachte er eine Unschärfe in seine Behauptung, die sie zumindest möglich erscheinen lässt. Allerdings konnte die "Washington Post" überzeugend nachweisen, dass sie trotzdem nicht stimmt.

Donald Trump und seine kreativer Umgang mit Fakten

Der kreative Umgang mit Fakten oder dem, was Trump und sein Team dafür halten, erregt nicht erst seit der Amtseinführung Besorgnis bei Presse und Publikum. Bis heute behauptet der Präsident steif und fest, er hätte auch die Mehrheit bei der Gesamtwählerschaft gewonnen, wenn nicht so viele "Illegale" zu den Urnen gegangen wären. Diese Behauptung wurde zwar schon mehrfach widerlegt, dennoch wiederholte er die Mär noch am Montag vor Kongressabgeordneten, wie die "New York Times" berichtet. Tatsächlich bekam Hillary Clinton 2,9 Millionen Stimmen mehr als Trump - eine "Niederlage", die anscheinend tief in ihm nagt.

Der Gefallzwang des Neuen im Weißen Haus geht soweit, dass er sich sogar eigene Fans zu Auftritten mitnimmt. Wie verschiedene US-Medien berichten, hat Donald Trump bei seiner Rede vor dem Geheimdienst CIA eine "Klatsch-Gruppe" dabeigehabt, die in den ersten Reihen saß und dem Präsidenten eifrig applaudierte.


Trumps hochsensibles Selbstbild erlaubt anscheinend keinerlei Zweifel an seiner Größe. Seine Mitarbeiter mag das in die eine oder andere Bredouille bringen, doch sein Verhalten hat auch Vorteile: Während die Presse zum Beispiel noch dabei ist, Trumps "alternative Fakten" bis in kleinste Detail zu widerlegen, gehen die wirklich wichtigen Entscheidungen der neuen Regierung im Dampf der Nebenkriegsschauplätze unter. Als eine seiner ersten Amtshandlungen hat Donald Trump

  • ... US-Entwicklungshilfe für ausländische Organisationen verboten, wenn sie Abtreibungen in ihren Beratungen erwähnen (was das Aus für viele Kliniken vor allem in der Dritten Welt bedeuten könnte)
  • … unterzeichnete zwei Dekrete, mit denen er sowohl die höchst umstrittene Keystone-XL- als auch die Dakota-Access-Pipeline neu genehmigte. 

  • ... das Ende des Freihandelsabkommen TPP beschlossen (eines seiner zentralen Wahlversprechen)
  • ... seine Bereitschaft erklärt, zusammen mit Russland gegen den Islamischen Staat zu kämpfen
  • ... angekündigt, die Unternehmenssteuer auf 15 bis 20 Prozent zu senken
  • ... angekündigt, Strafzölle gegen Unternehmen zu verhängen, die im Ausland für den US-Markt produzieren

Taktik wie Russland oder AfD

Erste Pressekonferenz Donald Trumps als US-Präsident

Nebelkerzen werfen, das Offensichtliche leugnen, verschiedene Versionen ein und derselben Geschichte verbreiten, immer neue Säue durchs Dorf treiben, Halb- und Unwahrheiten streuen sowie eisenhart gegen Kritiker und Gegner vorgehen - die manipulative Strategie erinnert stark an die "Öffentlichkeitsarbeit" Russlands oder der AfD. Das Perfide: Seriöse Kritik wird nicht als konstruktiv und der Sache dienlich wahrgenommen, sondern als Form von Sabotage.


Als Donald Trump Anfang Januar stolz verkündete, dass er 1100 Arbeitsplätze beim Klimaanlagen-Hersteller Carrier gerettet habe, erntete er zunächst Applaus. Doch dann stellte sich heraus: Tatsächlich waren es deutlich weniger Stellen, als vom damaligen Präsidenten in spe behauptet, und zudem kostet ihre Rettung den Steuerzahler rund sechs Millionen Dollar Subventionen. Der zuständige Gewerkschaftschef beklagte sich darüber und wurde von Trump per Twitter öffentlich abgekanzelt. Das Ende vom Lied: Er und andere Experten standen als Buhmänner da, während sich Donald Trump im Glanz des Erfolgs sonnt.