El Salvador Politischer Schmierstoff von Hugo Chávez


Die armen Kleinstaaten Mittelamerikas stöhnen unter dem Ölpreis. Der größte Teil des Stroms der Region wird aus diesem Rohstoff gewonnen. Doch ein Ende der Teuerung ist nicht in Sicht. Nur einer hilft: Venezuelas Präsident Hugo Chávez. Zu ganz besonderen Konditionen.
Von Toni Keppeler

In El Salvador, einem kleinen Land an der pazifischen Küste Mittelamerikas, gibt es noch den Beruf des Tankwarts. Kein Autofahrer muss selbst zur Zapfpistole greifen. Und es gibt eine ganz besondere Tankstelle. Sie liegt ganz im Süden der Hauptstadt San Salvador, im Stadtteil San Jacinto, einem umtriebigen Viertel, in dem sich improvisierte Autowerkstätten mit einfachen Wohnhäuschen und billigen Puffs für die Lastwagenfahrer mischen. Auf der Ausfallstraße, die von San Jacinto hinaus zur Autobahn zum Internationalen Flughafen führt, herrscht ein Höllenverkehr. An dieser Straße liegt die besagte Tankstelle. Ihre Besonderheit: Sie hat keine Tankwarte, sondern Tankwartinnen. Junge Frauen in knappen Shorts und kurzen engen Blusen. Das gefällt den Bus- und Lastwagenfahrern. Sie lassen sich dort gern bedienen. An der Tankstelle von San Jacinto war deshalb schon immer ein bisschen mehr los als an anderen.

Seit ein paar Wochen hat sich der Andrang vervielfacht. Oft stauen sich Dutzende von Bussen und Lastwagen und blockieren den Verkehr auf der Ausfallstraße. Nicht etwa weil die Shorts und Blusen der Frauen noch knapper geworden wären. Fuhrunternehmer kennen ein Argument, das stärker ist als pralle Brüste: den Preis. An der Tankstelle von San Jacinto, die nicht an eine der großen Ölfirmen gebunden ist, kostet eine Gallone Diesel 30 Cent weniger als anderswo. Seit Weihnachten zapfen die Mädels Kraftstoff von Alba Petróleos de El Salvador. Diese Firma wiederum wird von Venezuelas Präsident Hugo Chávez, dem Ölmagnaten Lateinamerikas, billig bedient. "Es ist der reine Wahnsinn", stöhnt Silvia Herrera, die Aufseherin über die Tankwartinnen. "Früher verkauften wir 1.500 Gallonen am Tag, heute sind es über 4.000. Wir kommen kaum mehr nach." Die Shell- und Esso-Stationen in der näheren Umgebung könnten eigentlich schließen.

Da Tankstellen-Netz soll ausgebaut werden

Schlange stehen in San Jacinto lohnt sich. Der Fuhrunternehmer Diego Melado, der drei schrottreife Laster besitzt, hat es durchgerechnet. "Ich spare 500 Dollar im Monat." Das ist mehr, als in El Salvador drei Lastwagenfahrer zusammen verdienen. "Das ist wie ein Geschenk, das aus dem Himmel gefallen ist", sagt Melado. "Aus dem Himmel über Venezuela." Insgesamt hätten die Verbraucher in El Salvador in diesem Jahr schon 1,5 Millionen Dollar gespart, sagt Medardo González, der Generalsekretär der "Nationalen Befreiungsfront Farabundo Martí" (FMLN). Die linke Oppositionspartei, die einst als Guerilla rechte Militärs und Todesschwadronen bekämpfte, ist Partner von Chávez beim Geschäft mit dem billigen Sprit. "Wir haben bei Diesel inzwischen einen Marktanteil von zwölf Prozent", sagt González. Und das Tankstellen-Netz soll weiter ausgebaut werden.

Das hat politische, nicht wirtschaftliche Gründe: In einem Jahr wird in El Salvador ein neuer Präsident gewählt. Der FMLN-Kandidat Mauricio Funes liegt laut Umfragen gut im Rennen. Sollte es am Ende knapp werden, kann der Sprit aus Venezuela ein wahlentscheidendes Argument sein. Und Chávez hätte nach Kuba, Bolivien, Ecuador und Nicaragua einen weiteren Alliierten in der Region.

Alba Petróleos ein rundes Geschäft

Alba Petróleos de El Salvador ist ein Joint Venture von FMLN-regierten Gemeinden mit der Organisation Petrocaribe, in der sich Vertreter von fast zwanzig Kleinstaaten Zentralamerikas und der Karibik mit PDVSA, dem staatlichen Ölkonzern von Venezuela, verbandelt haben. Petrocaribe baut derzeit auf Kuba für 1,5 Milliarden Dollar eine Raffinerie aus, die dereinst die gesamte Region bedienen soll. Im salvadorianischen Pazifik-Hafen Acajutla entstehen riesige Tanks, um die Versorgung im Land sicherzustellen. Derzeit kommt der Chávez-Kraftstoff über das von linken Sandinisten regierte Nicaragua ins Land. Manchmal stockt der Nachschub. Dann geht in der Tankstelle in San Jacinto schnell der Sprit aus.

Für die FMLN-Bürgermeister ist Alba Petróleos ein rundes Geschäft. Sie müssen nur 60 Prozent ihrer Diesel-Rechnung sofort bezahlen. 40 Prozent bekommen sie gestundet - auf 25 Jahre bei einem Prozent Zinsen. Dieser so gut wie zinslose Kredit ist schon verplant: Im Jahr vor der Wahl werden in links regierten Gemeinden Straßen, Sportplätze und Märkte gebaut, Wasserleitungen und Stromkabel verlegt. Ein weiteres Argument für den FMLN-Kandidaten Funes.

Im von Strom-Rationierungen geplagten Nicaragua hatte sich Chávez mit derselben Masche in den Wahlkampf eingemischt. Er hat erreicht, was er wollte: Nach über 16 Jahren in der Opposition wurde der Sandinist Daniel Ortega im November 2006 wieder ins Präsidentenamt gewählt. Alba Petróleos de Nicaragua gibt es noch immer. Doch Diesel kostet heute an seinen Tankstellen genausoviel wie bei Esso und Shell. Aber die Salvadorianer wissen das noch nicht.


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