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Exil-Ukrainer zum Fall Timoschenko EM-Boykott wäre eine große Enttäuschung


Was geht in der Heimat vor? Und wäre eine Verlegung der EM aus der Ukraine nicht doch sinnvoll? Ein Besuch bei der größten Ukrainer-Gemeinde Deutschlands in München.
Von Malte Arnsperger, München

Ob Philipp Lahm, Angela Merkel oder Prinz William: Sportler, Politiker und selbst Prinzen äußern ihre Meinung zur Ukraine, zu den dortigen Menschrechtsverletzungen und zum Umgang mit Julia Timoschenko. Ihre Heimat ist in aller Munde, doch glücklich sind sie darüber nicht, die ukrainischen Männer und Frauen, die sich in einem Gemeindezentrum in München treffen. "Schon wieder stehen wir in einem schlechten Licht da", sagt Oksana Rusani. "Jahrelang kannte jeder die Ukraine nur wegen des Tschernobyl-Unglücks und jetzt als Land, das Oppositionspolitiker einsperrt."

Oksana Rusani sitzt an einem langen Tisch mit weißer Spitzendecke, Kinder rennen schreiend umher, aus der Küche steigt der Geruch der ukrainischen Nationalgerichte Borschtsch (Suppe) und Wareniki (eine Art Maultasche) hinauf. Rund drei Dutzend Exil-Ukrainer haben in dem Gemeindesaal der ukrainischen katholischen Kirche Platz genommen, um über die Entwicklungen zu diskutieren. Was geht da vor zwischen Lemberg und Dnjepropetrowsk? Wie soll man umgehen mit der inhaftierten Oppositionspolitikerin Timoschenko? Wäre ein Boykott der Fußball-EM in der Ukraine der richtige Weg? Und vor allem: Was wäre das Beste für ihr geliebtes Vaterland?

Um Antworten näher zu kommen, hat sich die mit rund 2500 Mitgliedern größte ukrainische Gemeinde in Deutschland eine deutsche Journalistin eingeladen: Brigitte Schulze, die seit vielen Jahren aus der Ukraine berichtet und vom dortigen Tourismusrat zur "Botschafterin für ukrainischen Tourismus" berufen wurde. Doch obwohl Schulze immer wieder ihre Liebe zu dem Land und den Leuten betont und sogar ein weißes ukrainisches Trachtenhemd trägt, hat sie es nicht leicht, bekommt ätzende Kritik für ungenaue Übersetzungen in ihren Texten. Die Stimmung im Saal ist angespannt. Erst recht, als Schulze die Ukraine als "ein Kind, das gerade laufen lernt" bezeichnet und dann sagt: "Die Leute in der Ukraine denken: Es ist uns doch egal, wer da im Knast sitzt."

Situation hat sich unter Janukowitsch verschlechtert

Andrij Nesmasznyj, ein wuchtiger Mann mit zurückgegelten Haaren, steht auf. "Frau Schulze, es trifft mich sehr, was Sie da sagen. Denn es sitzen vor allem viele Politiker der Opposition im Gefängnis, und es geht den Leuten in der Ukraine sehr wohl um den Umgang mit den Menschenrechten in ihrem Land", sagt er empört. Nesmasznyj ist nicht irgendwer, er ist der Kantor im Kirchenchor, ein respektiertes Mitglied der Gemeinde. Die Journalistin räumt zerknirscht ein: "Ich habe mich falsch ausgedrückt. Und natürlich hat sich die Situation der Opposition unter dem jetzigen Präsidenten Janukowitsch wirklich verschlechtert." Zustimmendes Nicken im Saal.

In ihrer Ablehnung des Präsidenten Viktor Janukowitsch scheinen sich die Münchner Ukrainer einig zu sein. Nicht jedoch, was die beste Strategie gegen ihn ist. Drastische Maßnahmen schlägt Jurij Ciurarek vor und zitiert den Chef des europäischen Fußballverbandes Uefa, Michel Platini, der gesagt habe, in der Ukraine herrschten Diebe und Banditen, das der allerdings auf die Hoteliers und ihre hohen Preise bezog. "Eine Verlegung der Europameisterschaft in ein anderes Land würde die Leute treffen, die am meisten davon profitieren", sagt Ciurarek, 64 Jahre alt, gebürtiger Münchner mit ukrainischen Wurzeln. Er fügt hinzu: "Natürlich wäre dies eine große Enttäuschung für die Ukrainer. Aber bei den Ticketpreisen könne sich die meisten die Spiele sowieso nur am Fernseher anschauen."

"Es freut uns, dass die Politiker in Europa reagieren"

So weit wie Ciurarek wollen die Ukrainer in München nicht gehen. Iryna Malkmus ist gerade erst aus der Ukraine zurückgekehrt. "Die Leute in der Ukraine empfinden die EM als großen Gewinn für ihr Land. Sie befürchten, dass der Eindruck entstehen könnte, dass die Ukraine nicht fähig ist, ein solches Turnier auszurichten." Auch Taras Berethanskyy - Medizindoktorand und erst seit wenigen Monaten in Deutschland - ist gegen einen Boykott oder eine Verlegung. Der 28-Jährige gehört zu der jungen Generation, die die orangene Revolution im Jahr 2004 mit Julia Timoschenko an der Spitze getragen hat. "Durch solche Aktionen werden Sport und Politik vermischt. Man hat bei den Olympischen Spielen in Moskau 1980 gesehen, dass so etwas nichts bringt", sagt er auf ukrainisch und lässt seine Schwester übersetzen. Aber der junge Mann meint auch: "Seit der orangenen Revolution ist die Jugend in der Ukraine politisch sehr interessiert, und es freut uns, dass die Politiker in Europa endlich reagieren und die derzeitige Regierung kritisieren. Wir spüren diese Unterstützung, und das motiviert uns für den weiteren Kampf für Demokratie."

Und dann hagelt es Lob für Deutschland von den Exil-Ukrainern: Nicht nur die deutlichen Worte der Bundesregierung, sondern auch die Berichterstattung kommt gut an. Jurij Ciurarek: "Die breite Diskussion in den deutschen Medien wird durchaus in der Ukraine wahrgenommen. Alleine, dass die Staatsmedien empört darauf reagieren, zeigt mir, dass die Kritik die richtigen trifft." Aber so wenig Verständnis die Ukrainer in der Diaspora für den Umgang mit Timoschenko auch haben, so groß ist ihre Skepsis gegenüber der umstrittenen Oppositionspolitikerin. "Die hat selber als Ministerpräsidentin viel zu wenig für die Menschenrechte getan", sagt Iryna Malkmus "Und sie will die Behandlung durch die deutschen Ärzte doch nur zur Flucht aus der Ukraine nutzen."

Kantor Andrij Nesmasznyj gönnt sich nach der Diskussion ein Weißbier. Weißbier, so sagt er lachend, wird es auch bei den Partys geben, die die Gemeinde während der EM veranstalten will. Natürlich auch bei seinem Wunschfinale Ukraine gegen Deutschland. "Dabei werden wir allen Gästen zeigen, wie gastfreundlich wir sind. Und auch die vielen Fußballfans, die zur EM reisen, werden merken, dass es noch eine andere Ukraine gibt, die nichts mit Unterdrückung zu tun hat."


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