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Festnahme: Jugendlicher gesteht Mord an Hrant

Einen Tag nach dem Mord an dem türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink in Istanbul ist der mutmaßliche Täter festgenommen worden. Der Jugendliche habe die Tat bereits gestanden, berichtet der Nachrichtensender CNN-Türk.

Ein türkischer Jugendlicher hat den Mordanschlag auf den armenisch-stämmigen Journalisten Hrant Dink gestanden. Das berichtete der Nachrichtensender CNN-Türk am Sonntag unter Berufung auf den Staatsanwalt der Stadt Samsun. Dort war der per Fahndungsfoto gesuchte Türke am Samstagabend festgenommen worden - 32 Stunden nach den tödlichen Schüssen auf den 52-jährigen Journalisten und Herausgeber der Wochenzeitung "Agos". Der 1990 geborene Jugendliche wurde noch in der Nacht zum weiteren Verhör mit einem Sonderflugzeug nach Istanbul gebracht. Angaben zu seinem Motiv lagen zunächst nicht vor.

Der junge Türke war in einem Bus festgenommen worden, nachdem ihn sein Vater auf Fahndungsbildern im Fernsehen wiedererkannt und die Polizei informiert hatte. Er stammt aus der Stadt Trabzon am Schwarzen Meer und war auf der Rückfahrt nach Hause. In derselben Stadt war erst vor knapp einem Jahr ein italienischer Priester von einem 16-jährigen Türken hinterrücks in der Kirche erschossen worden. Auf der Suche nach möglichen Hintermännern beschlagnahmte die Polizei in Trabzon Computer aus Internet-Cafés, in denen sich der Jugendliche häufiger aufgehalten haben soll. Türkischen Medienberichten zufolge hatte der junge Mann die Schule nicht beendet und war zuletzt ohne Beschäftigung. Aus einem Fußballclub für Amateure soll er wegen Disziplinlosigkeit hinausgeworfen worden sein.

Massive Anfeindungen von Nationalisten

Der 52-jährige Dink war Chefredakteur der Wochenzeitung "Agos" und galt als bekannteste Stimme der Armenier in der Türkei. Er war am Freitag in Istanbul auf offener Straße vor dem Redaktionsgebäude erschossen worden. Der Journalist sah sich wegen seiner Äußerungen zum Völkermord an Armeniern im Osmanischen Reich während es Ersten Weltkriegs massiven Anfeindungen von Nationalisten, Politikern und Staatsanwälten ausgesetzt. Er musste sich deswegen auch wegen Beleidigung des Türkentums vor Gericht verantworten.

Die Türkei als Nachfolger des Osmanischen Reiches bestreitet, dass es sich bei den Tötungen um Völkermord handelte. Ein Berufungsgericht bestätigte im vergangenen Jahr eine zuvor ausgesetzte sechsmonatige Haftstrafe gegen Dink.

In Zeitungen wurde der Regierung vorgeworfen, Dink trotz zahlreicher Drohungen gegen ihn nicht ausreichend geschützt zu haben. Der vor den Wahlen im Mai und November zunehmende Rassismus und Nationalismus sei Triebfeder hinter dem Mord.

Hoch sensibles Thema

Erdogan hatte das Attentat als einen Angriff auf den Frieden und die Stabilität des Landes verurteilt. Das tödliche Attentat dürfte die politischen Spannungen in der Türkei erhöhen, die einen Beitritt zur Europäischen Union (EU) anstrebt. Wegen der Einschränkung der Meinungsfreiheit und der Strafverfolgung von Intellektuellen, die sich zum Völkermord an den Armeniern geäußert haben, war Erdogans Regierung auch bei der EU in die Kritik geraten.

Das Massaker an Armeniern ist ein politisch hoch sensibles Thema in der Türkei. Wegen seinen Äußerungen dazu stand auch der spätere türkische Literatur-Nobelpreisgewinner Orhan Pamuk vor Gericht. Der Prozess wurde aber eingestellt. Dem Vorläufer der heutigen Türkei, dem Osmanischen Reich, wird systematischer Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern zwischen 1915 und 1923 vorgeworfen. Die Türkei argumentiert dagegen, dass während des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches viele christliche Armenier und muslimische Türken getötet wurden.

DPA/Reuters / DPA / Reuters