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Flutkatastrophe: Gnadenlose Generalität

Seit 1988 wird Myanmar von einer Junta regiert, die Menschenrechte mit Füßen tritt. Die Abgebrühtheit der Generäle bekommen auch die eigenen Gastarbeiter in Thailand zu spüren: In Yangon schert sich niemand um ihr Schicksal.

Wanderarbeiter aus Birma schuften in Thailand als Billigarbeiter auf Baustellen, auf Fischkuttern oder als Putzpersonal - auch in den bis zur Flutkatastrophe florierenden Urlaubergegenden im Südwesten. Ihre Zahl geht in die Hunderttausende, in den offiziellen Todes- und Vermisstenstatistiken jedoch findet sich kein einziges Opfer aus Birma. Die Auswanderer ließen ihr bitterarmes Heimatland nicht immer mit dem nötigen Stempel im Pass hinter sich. "Ich bin sicher, dass hunderte birmanische Arbeiter in der Flut umkamen, aber es schert sich niemand darum, und das ist tragisch", sagt Aung Zaw, Redakteur der Exilanten-Zeitschrift "Irrawaddy", die von Thailand aus die Vorgänge in dem von Militärs beherrschten Nachbarland verfolgt.

"Vermisste nicht gemeldet"

Schätzungen zufolge leben alleine in den sechs von der Mörderwelle heimgesuchten Provinzen Thailands etwa 250.000 Birmanen. "Viele der Überlebenden melden Vermisste nicht, weil sie Angst haben, ausgewiesen oder misshandelt zu werden", sagt der exilierte Menschenrechtler Aung Myo Min, der in der besonders schwer getroffenen Provinz Phang Nga die Schicksale seiner Landsleute zu ergründen sucht.

Dass sich die Regierung in Bangkok allem Anschein nach wenig kümmert, wundert Debbie Stothard nicht. "Es ist leicht für die thailändischen Behörden, die Lage der Birmanen zu übersehen, da die Regierung Birmas nicht die geringsten Anstalten macht, auf irgendeine Weise Sorge über ihre Landsleute auszudrücken", sagt die Mitarbeiterin der Menschenrechtsgruppe "Alternative Network on Burma". Die Abgebrühtheit der Generäle in Rangun ihrem eigenen Volk gegenüber sei weithin bekannt und berüchtigt.

Als sich im früheren Birma die Straßen rot vor Blut färbten, zögerte die Welt nicht lange. Getrieben vom Ruf nach Demokratie waren 1988 in der Hauptstadt Rangun Tausende von Menschen auf die Straßen gegangen, dort, wo sich heute überfüllte Busse im Schatten verwitterter Kolonialarchitektur ihren Weg durch das Verkehrsgewimmel suchen und Bürgersteige jeden Tag zu bunten Basaren werden. Der Aufstand vor 17 Jahren endete brutal im Kugelhagel der Sicherheitskräfte. Die Bilanz: 3000 Tote und eine Militärregierung, die der Westen fortan zum Aussätzigen erklärte.

Unbekannt und rätselhaft

Das legendäre "Goldene Land", dessen Regime im Ruf steht, eines der unnachgiebigsten der Welt zu sein, ist weithin unbekannt - und rätselhaft. Das frühere Britisch-Indien wurde 1948 nach 120 Jahren britischer Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit entlassen und zunächst demokratisch regiert. 1962 übernahmen die Streitkräfte die Macht. Die jahrhundertelang übliche Bezeichnung Myanmar wurde 1989 von der Militärregierung wieder eingeführt - angeblich um der Bevölkerungsstruktur und der Historie des Landes besser gerecht zu werden - ebenso wie der alte Name der Hauptstadt, die sich jetzt Yangon nennt. Die Briten hatten das Land nach dem Volk der Bamar, dem fast 70 Prozent der rund 50 Millionen Einwohner angehören, Burma benannt.

Der südostasiatische Staat, von der Fläche her fast doppelt so groß wie Deutschland, gehört mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 830 US-Dollar im Jahr (2002/2003) zu den ärmsten Ländern der Welt. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt nur 55 Jahre, die Säuglingssterblichkeit liegt bei zehn Prozent. Mehr schlecht als recht lebt die überwiegende Mehrheit der Einwohner von der Landwirtschaft.

Gute Nachrichten aus Birma sind ohnehin selten. Vollmundige Ankündigungen der Regierung, bald den Pfad zur Demokratie einzuschlagen, zerplatzen regelmäßig wie Seifenblasen. 1990 gewann die oppositionelle Nationale Liga für Demokratie (NLD) mit Aung San Suu Kyi an der Spitze zwar mit großer Mehrheit, doch erkannten die Militärs den Sieg nie an. Stattdessen verschwanden Regimekritiker hinter Gittern. Suu Kyi, die 1991 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, steht wie auch andere Oppositionspolitiker unter Hausarrest. Nach wie vor sitzen nach Schätzungen von Menschenrechtsgruppen tausende Häftlinge aus politischen Gründen im Gefängnis. Erst vor wenigen Monaten festigten die Hardliner in der Junta mit der Absetzung des als reformorientiert geltenden Ministerpräsidenten Khin Nyunt ihren eisernen Griff.

Rund 30.000 Menschen auf Hilfe angewiesen

Entsprechend wollte den Militärs unter Juntachef General Than Shwe kaum jemand Glauben schenken, als sie nach der Flutkatastrophe die Zahl der Todesopfer mit rund 60 angaben. Ein Blick auf die Landkarte ließ vermuten, das Land am Golf von Bengalen musste es weit schwerer getroffen haben. Allerdings gaben UN-Behörden und private Organisationen bekannt, dass die Zahlen aus Rangun offenbar stimmen. Nicht nur hatte die Welle allem Anschein nach bereits deutlich an Kraft verloren, als sie auf Land traf. Auch habe die Beschaffenheit der Küste und vorgelagerter Inseln Schlimmeres verhindert. Doch räumte die Regierung ein, bis zu 15.000 Menschen benötigten Hilfe, 7.000 davon umgehend. Die UN vermuten, dass rund 30.000 Menschen dringender Hilfe bedürfen. Auch US-Außenminister Colin Powell sagte in Phuket, Satellitenbilder von Thailand deuteten darauf hin, dass Birma von den schlimmsten Folgen der Flut verschont geblieben sei. Allerdings wisse er nicht, ob das Regime bei den Opferzahlen die Wahrheit sage.

Nach Einschätzung des Birma-Experten David Steinberg von der Universität Georgetown in Washington ist es wahrscheinlich, dass die birmanischen Coco-Inseln, eine Art Inselgefängnis des Regimes, ebenso stark getroffen wurden wie die indischen Andamanen und Nikobaren. Er verwies darauf, dass die Militärs mit schlechten Nachrichten schon immer zurückhaltend gewesen seien. "Katastrophen, natürliche und anderer Art, neigen dazu, die Legitimität des Staates zu unterhöhlen. Deshalb berichten sie darüber nur widerwillig und mit Verzögerungen."

Katastrophales Gesundheitssystem

Aber selbst wenn viele mit Schrammen davon gekommen sind - in einem Land wie Birma drohen auch dann verheerende Folgen. Erkrankungen wie Malaria und Durchfall können nicht oder nur schlecht behandelt werden. "Das Gesundheitssystem ist derart heruntergekommen, dass selbst Menschen mit kleineren Verletzungen an Wundbrand, Lungenentzündung oder anderen Problemen sterben können", sagt Debbie Stothard. "Die Auswirkungen werden dramatisch, wenn man nicht rechtzeitig reagiert."

Dusko Vukovic (mit Agenturen)