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Frankreich-Wahl "Der Albtraum ist uns erspart geblieben": So kommentieren internationale Medien den Sieg Macrons

Frankreichs Präsident Macron reckt Siegesfaust in die Luft
Frankreichs alter und neuer Präsident Emmanuel Macron feiert am Wahlabend mit seinen Anhängern
© Christophe Ena / DPA
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat die Stichwahl gegen die rechte Marine Le Pen für sich entschieden. Doch ein strahlender Triumph sieht anders aus – urteilen auch die internationalen Medien. Die Presseschau im Überblick.

Das gefürchtete politische Beben ist ausgeblieben: Die Französinnen und Franzosen haben der rechten EU-Kritikerin Marine Le Pen eine Absage erteilt und den Europafreund Emmanuel Macron mit 58,5 Prozent erneut zu ihrem Präsidenten gewählt. Aufatmen in Brüssel und Berlin, wo man sich vor einem Wahlsieg Le Pens gegraut hatte.

Gleichwohl zeigt die Stichwahl, wie tief gespalten die französische Gesellschaft ist. Denn die Rechte fuhr mit 41,4 Prozent ein historisch gutes Ergebnis ein. Zudem machten viele Wählerinnen und Wähler laut Umfragen ihr Kreuz nur bei Macron, um Le Pen zu verhindern, und entschieden sich damit sozusagen für das "kleinere Übel".

Auch viele internationale Zeitungen kommentieren Macrons Sieg zwiegespalten und weisen auf die Herausforderungen hin, die nun vor ihm liegen. Die Presseschau im Überblick.

"Viel Glück, Monsieur le Président"

"De Telegraaf" (Niederlande): "Das amtierende Staatsoberhaupt erreichte zwar eine größere Mehrheit als erwartet, aber das bedeutet nicht, dass gut die Hälfte der Franzosen ihn auch wirklich unterstützt. Ein großer Teil von ihnen wollte vor allem dafür sorgen, dass Marine Le Pen nicht in den Élysée-Palast einzieht. Die linken Wähler, die Macron ihre Stimme gaben, taten das oft nur widerwillig. (...) Ungeachtet seiner Mehrheit steht Macron vor großen Herausforderungen. Er will nun eine umstrittene Rentenreform anpacken, die er in seiner ersten Amtszeit nicht durchsetzen konnte. (...) Wenn sich alle wütenden Franzosen und die Gewerkschaften zusammentun, kann sich das Land auf heftige Demonstrationen und Streiks einstellen."

"NZZ" (Schweiz): "Viele Franzosen dürften mit Macrons Wiederwahl einen schalen Beigeschmack empfinden. Besonders Wähler auf der Linken waren frustriert über die Wiederholung des Stichwahl-Duells. Eine xenophobe und europafeindliche Präsidentin vom rechten Rand mag für sie zwar ein Grauen sein, ein weiteres Mandat für den in ihren Augen "ultraliberalen" und arroganten Macron ist aber nur wenig besser. (...) Gegen dieses Gefühl des Abgehängt­seins vorzugehen und die Franzosen mit ihrer politischen Klasse zu versöhnen, wird Macron vor eine kolossale Aufgabe stellen. Ob ihm gelingt, worin er in seiner ersten Amtszeit versagt hat, ist alles andere als sicher. Dennoch muss er es mit aller Kraft versuchen."

"Der Standard" (Österreich): "Viele Franzosen gaben Macron die Stimme nur, um Le Pen zu verhindern. Macron geht geschwächt in sein zweites Mandat. Schon das erste war von Gelbwesten- und Rentenprotesten geprägt, von der Covidkrise und dem Ukrainekrieg überschattet. Populisten wie Le Pen, Eric Zemmour oder Jean-Luc Mélenchon werden den zwar siegreichen, aber unpopulären Staatschef nun in die Zange nehmen. (...) Denn anders als bei seiner ersten Wahl 2017 wird Macron nicht mehr von der Aura des kometenhaft gestarteten Newcomers profitieren. Dass er mit seinem Sieg über Le Pen ganz Europa vor einer politischen Katastrophe bewahrt hat, wird auch rasch vergessen sein. Man kann nur sagen: Viel Glück, Monsieur le Président."

"Sieg von Macron ist gesund für Frankreich und die EU"

"Washington Post" (USA): "Nach fünf Jahren im Amt ist es Macron nicht gelungen, den Links- oder den Rechtspopulismus endgültig ins Abseits zu drängen. Im Gegenteil: Während sich 28 Prozent der Wähler in der ersten Runde der Wahl am 10. April für Macron entschieden, stimmten mehr als 52 Prozent für Populisten (...). Wenn Macron die richtigen Lehren aus dem populistischen Aufschwung in seinem Land zieht, auf die berechtigten Bedenken seiner Kritiker eingeht und entsprechend regiert, kann Frankreichs Mitte weiterhin Bestand haben und, wie die Amerikaner hoffen müssen, weiter wachsen."

"La Repubblica" (Italien): "Der Sieg von Emmanuel Macron bei den Präsidentschaftswahlen ist gesund für Frankreich, aber noch mehr für die Europäische Union. Stellen wir uns mit einem Schaudern vor der nun abgewendeten Gefahr vor, wie es um Europa in dieser dramatischen Kriegslage gestanden hätte, wenn der Élysée von einer putinfreundlichen Person besetzt gewesen wäre, die sogar Schuldnerin beim Kreml für alte Finanzierungen ist und sich eine Rückkehr zum Europa der Nationen erhofft. Kurz gesagt, eine Abtrünnige in Bezug auf das Glaubensbekenntnis der Gründerväter, das durch die Erweiterungen und den Brexit vielleicht etwas verwässert wurde, aber in diesen trüben und freudlosen Zeiten ein Leitstern bleibt, an den man sich klammert."

"De Standaard" (Belgien): "Der Albtraum ist uns erspart geblieben. Macron darf weitermachen, was bedeutet, dass Frankreich weitere fünf Jahre von einem außergewöhnlich intelligenten (aber leider auch ziemlich hochmütigen) Politiker geführt wird, der seine Politik an demokratischen Grundsätzen und europäischen Vereinbarungen ausrichtet. Dass er sich nicht zur Wiederwahl stellen kann, macht Macron in gewisser Weise auch zu einem befreiten Präsidenten. Er hat nun mehr Spielraum, um seinen Überzeugungen zu folgen, ohne ständig auf Meinungsumfragen Rücksicht nehmen zu müssen."

"Haben im Kampf gegen den Populismus nur Zeit gewonnen"

"Sme" (Slowakei): "Diese Wahl war anders als jene vor fünf Jahren. Macron hat sich geändert. Aus dem energischen Politik-Neuling, der die Massen fesseln konnte, ist ein Liebling der Wählergruppe über 60 Jahren geworden, die sich Stabilität wünscht (...). Aber auch die Le Pen von 2022 ist eine andere. (...) Sie sprach nicht mehr von einem Zerschlagen der Europäischen Union, sondern fand sich beim Thema Teuerung. Offenbar hatten viele Franzosen das Gefühl, dass ausgerechnet diese Polit-Veteranin, die mit der Arbeiterklasse eigentlich keine persönliche Erfahrung verbindet, gerade in der Kritik von Macrons "Politik gegen das Volk" authentisch wirkte. (...) Der Populismus von Le Pen kann in einer Zeit der Teuerung ebenso wirken wie ihr Gerede von der Notwendigkeit, die eigenen Bürger zu schützen statt auf die Ukrainer Rücksicht zu nehmen."

"Público" (Portugal): "Wie erwartet wurde Emmanuel Macron mit einer deutlichen Mehrheit wiedergewählt. Das republikanisch-demokratische Frankreich und Europa atmen erleichtert auf. Aber diese Kräfte haben im Kampf gegen den populistischen Extremismus nur Zeit gewonnen. Le Pen brachte dieses Gefühl zum Ausdruck, als sie das Ergebnis der Wahl als "Sieg" bezeichnete. (...) In vielen Länder Europas ist es nicht mehr ausgeschlossen, dass Europa in die Hände derer fallen könnte, die es hassen. Ein Europa müder Bürger, die nicht verstehen, dass sie trotz allem im besten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Raum der Welt leben. Wähler, die an die Wunder des Nationalismus glauben, die Einwanderern die Schuld geben und alle Politiker für korrupt halten. Entweder findet die Demokratie in Europa ein Gegenmittel zu diesem Trend oder ihre Feinde werden noch stärker."

"Parlamentswahlen werden für Macron entscheidend sein"

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (Deutschland): Macron ist der erste französische Präsident seit 2002, dem die Franzosen eine zweite Amtszeit zugebilligt haben. Die Kehrseite seines Triumphs ist seine Schmach: Nach fünf Jahren unter seiner Führung hielten zwei von fünf Franzosen Marine Le Pen für die bessere Wahl. Macron wäre aber nicht Macron, wenn er sich davon bremsen ließe. Seine Lektion lautet, dass man sich den Verbitterten nicht anbiedert, sondern dass man für seine Werte kämpft. Berlin findet in Paris einen Partner mit fünf Jahren Erfahrung, aber so viel Energie wie nach dem ersten Sieg.

"The Times" (Großbritannien): "Diese Wahlen werden nun entscheidend dafür sein, ob Macron ein echtes Mandat für die Umsetzung seiner Politik mit Hilfe der Gesetzgebung erhält. Sie werden ein wichtiges Schlachtfeld für die Linke sein, die zwar nicht die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen erreichte, aber immer noch über eine breite Unterstützung von Gewerkschaften, Lehrern und Staatsbediensteten sowie jungen Wählern verfügt, die von der kompromisslosen, wenn auch unrealistischen Politik von Jean-Luc Mélenchon angezogen werden – dem alternden Bannerträger der extremen Linken.

Macron braucht eine Mehrheit für seine Partei La République en Marche, die kaum eine ideologische Haltung verkörpert, außer einer vagen Verbundenheit mit ihm durch eine Politik der Mitte. Andernfalls wird er in eine unangenehme "Kohabitation" gezwungen und damit auf Absprachen mit der Linken oder mit den gaullistischen Republikanern angewiesen sein, um sein Programm durchzusetzen."

les / les DPA

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