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Fridays for Future: Hört uns zu! Fünf junge Aktivisten aus aller Welt sagen, was sie antreibt

Wie die 16-jährige Greta Thunberg kämpfen Schüler in aller Welt für eine bessere Zukunft - und gegen die Gleichgültigkeit von uns allen. Was ist ihr Thema? Und was treibt sie an? Fünf Protokolle.

Sie sind jung und willens, für ihre Zukunft zu kämpfen. Auch wenn ihre Themen und Ziele sich unterscheiden: Diese Aktivistinen und Aktivisten aus aller Welt wollen die Erde zu einem besseren Ort machen.

Mylena, 13, Brasilien

Wann sie zur Aktivistin wurde, weiß Mylena, 13, noch genau. Es war vor drei Jahren. Da schimpften zwei hellhäutige Mädchen in ihrer Schule sie "Macaco" , Affe. Und beim Bummeln im Shoppingcenter merkte sie, wie die Sicherheitsleute sie und ihre schwarzen Freundinnen besonders beobachteten. "Da kann man nicht still bleiben", sagt sie. Mylena sitzt auf einer Treppe in ihrer Favela in Rio de Janeiro, sie malt ein Plakat mit dem Titel "Não ao Racismo".

Mylena,13, aus Brasilien
stern

Gemeinsam mit ihrer Mutter geht sie zu Veranstaltungen der Black-Power-Bewegung "Consciencia Negra". Sie macht den Kampfsport Capoeira, sie ist Anhängerin von Umbanda, der afrobrasilianischen Religion. "Wenn ich rassistische Sprüche höre, wehre ich mich."

Auch gegenüber Erwachsenen?

"Klar. Ich würde mich unendlich schlecht fühlen, still zu bleiben. Vor Kurzem hat jemand meinen Bruder beleidigt. Den hab ich zur Sau gemacht." Mehr noch unternimmt sie in den sozialen Medien. Zum Beispiel unter dem Hashtag #Somostodosiguais – wir sind alle gleich. "Demos sind nicht so angesagt in meiner Generation, aber auch für Demos gibt es den richtigen Zeitpunkt." Zum Beispiel jetzt unter dem neuen Präsidenten Jair Bolsonaro, der sich herablassend gegenüber Schwarzen, Indigenen, Homosexuellen und Frauen geäußert hat. "Das hat viele aufgeweckt. Bolsonaro ist ein Heuchler und Idiot. Unter Freunden sprechen wir oft darüber: Ist das die Welt, die wir wollen?" Für die nächsten vier Jahre befürchtet sie das Schlimmste. Schon die vergangenen vier waren hart. Die Großeltern verloren ihre Jobs. Im Viertel gibt es ständig Schießereien. Ihr Vater verlor sein Haus, weil eine neue Drogengang in die Favela zog und es einfach konfiszierte. "Die Ungerechtigkeit macht einen so wütend. Entweder man verzweifelt oder man wehrt sich."

Greta Thunberg beim UN-Klimagipfel in Kattowitz

Sich gegen Gangs wehren?

"Nein, das ist lebensgefährlich."

Ihr Interesse am Aktivismus wurde nicht durchs Internet geweckt oder die Schule, sondern durchs eigene Erleben: Ein schwarzes Mädchen aus der Favela hat kaum eine Chance, es je herauszuschaffen. Die Themen, die Jugendliche in Europa bewegen, sind ihr nicht fremd, aber weit weg: Klimawandel, Trump, Migration. "Für uns geht es hier jeden Tag um alles", sagt sie. "Wir müssen kämpfen, dass wir Schulunterricht haben, ein sicheres Zuhause." Ihr großer Traum? Ein Austauschjahr. Sie hat davon erfahren, dass Jugendliche in andere Länder gehen, um deren Kulturen kennenzulernen. "Eine tolle Idee. Aber das kostet 10 000 Dollar. Das ist nur etwas für Reiche. Von dem Geld müssen wir hier einige Jahre leben."

Linus Steinmetz, 15, Deutschland

Linus Steinmetz, 15, aus Deutschland

Linus Steinmetz (r.) im Januar 2019 bei einer "Fridays for future"-Demo in Berlin

stern

"Ich demonstriere, damit die Erwachsenen in Sachen Klimazerstörung endlich zur Vernunft kommen. Wir haben keine andere Wahl, als jetzt laut zu werden. Viele haben ja Angst vor dem Verzichten; aber daran führt kein Weg vorbei. Wir brauchen jetzt etwas Großes. Auch etwas, das über das Engagement einzelner Politiker hinausweist, unabhängig von den Parteien.

Ich bin völlig baff, was wir bisher erreicht haben, in so wenigen Wochen. Unsere 'Fridays for Future'-Gruppen gibt es mittlerweile in über 100 Städten, wir organisieren uns über Whatsapp. Zweimal die Woche stimmen wir uns in einer Telefonkonferenz ab, ich lerne gerade total viel. Wie man ein Plenum leitet oder Menschen zusammenbringt zum Beispiel. So lange hatten wir das Gefühl, machtlos zu sein. Doch jetzt bricht etwas auf, das ist phänomenal. Wir sind eine absolut relevante Gruppe geworden.

Es ist doch lächerlich, wenn Deutschland von sich behauptet, so eine Art Vorbild zu sein für die Rettung der Welt. Es ist eine Sauerei, wie die Alten die Erde kaputt machen und wir dabei nur zusehen sollen. Wir Jugendlichen müssen endlich auch das Recht bekommen, bei Bundestagswahlen wählen zu gehen. Und eben auch in politische Prozesse einbezogen werden. In der Kohlekommission zum Beispiel sitzt kein Jugendlicher. Aber die Leute dort entscheiden über unsere Zukunft."

Isabel und Melati Wijsen, 16 und 18, Bali

Isabel und Melati Wijsen

Isabel (l.), 16, und Melati (r.) Wijsen, 18, kämpfen gegen Plastikmüll im Meer

stern

Die Idee, die Welt zu verbessern, kam ihnen in der Schule: Als sie im Unterricht von Mahatma Gandhi und Martin Luther King hörten, überlegten die Schwestern Isabel und Melati Wijsen, damals zehn und zwölf Jahre alt, wie sie ihre Heimatinsel Bali vor dem Plastikmüll retten könnten. "Überall schwamm Plastik. Sogar in meinem Alter wurde mir klar, wie zerstörerisch unser Lebensstil ist" , sagt die heute 18-jährige Melati (im Bild rechts). 2013 gründeten sie schließlich in ihrer Schule die Initiative "Bye Bye Plastic Bags" – frei übersetzt: Tschüss, Plastiktüten. Anfangs nahm der Gouverneur von Bali die Kampagne nicht ernst. Erst als die Schwestern in einen Hungerstreik traten, hörte er ihnen zu.

Sechs Jahre und unzählige Strandsäuberungen später haben die Umweltschützerinnen ihr erstes Etappenziel erreicht: Seit Januar 2019 ist auf der Touristeninsel der Gebrauch von Plastiktüten und Einmalverpackungen in Läden und Restaurants verboten. Als Nächstes zielen die Wijsen-Schwestern nun auf ein Plastiktütenverbot im gesamten 17.000-Insel-Staat.

Während heimische Politiker das Anliegen der Schwestern lange ignoriert haben, waren die Aktivistinnen bereits zu Gast bei den UN und der EU. Melati Wijsen tourt auch diesen Januar wieder durch Europa; ihre noch schulpflichtige Schwester Isabel bereitet zu Hause die größte Säuberungsaktion vor, die es in Bali je gegeben hat: Mehrere Tausend Freiwillige sollen am 16. Februar mithelfen, die Strände von Müll zu befreien. Vor allem junge Leute wollen die Teenager-Schwestern erreichen: "Die Zeit zu handeln ist jetzt" , sagt Melati Wijsen.

Muhammad Nadschm, 16, Syrien

Muhammad Nadschm Syrien

Muhammad Nadschm dreht Videos über die Lage in Ost-Ghuta

stern

"Angefangen hat alles mit einem Geschenk. Zu meinem 15. Geburtstag bekam ich von meinem Bruder Firas ein Smartphone. Unser Heimatort Ost-Ghuta nahe Damaskus war damals schon seit Jahren von den Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad umzingelt. Firas ist acht Jahre älter als ich. Er sorgt für meine Mutter, meine Geschwister und mich, seit mein Vater 2014 bei einem Raketenangriff ums Leben gekommen ist. Ein paar Monate später begann ich, mit dem Handy Videos zu drehen. Ich wollte über die verzweifelte Lage der Kinder in Ost-Ghuta berichten. Die Welt hat Syrien fast vergessen, dachte ich. Aber wenn es Kindern schlecht geht, das ist den Menschen doch nicht egal. Als Kind konnte ich außerdem mein Gesicht in den Videos zeigen. Ein Erwachsener wäre dafür gleich auf den Fahndungslisten des Regimes gelandet. Und jemand, der sein Gesicht zeigt, dachte ich, der wirkt vertrauenswürdig.

Mein Nachteil war mein schlechtes Englisch. Aber meine ältere Schwester half beim Übersetzen. In einem meiner ersten Clips frage ich Freunde, was sie sich für das neue Jahr wünschen. Einer sagt: 'Dass Assad meinen Vater aus dem Gefängnis lässt.' Ein anderer: 'Dass die Luftangriffe aufhören.' Kurz nachdem ich den Clip ins Netz gestellt hatte, begann eine Offensive gegen Ost-Ghuta. Eineinhalb Monate lebte meine Familie in einem Keller. Nur manchmal ging ich raus. Um etwas zu essen zu suchen. Oder um ein kurzes Video zu drehen.

Eckart von Hirschhausen trifft die "Fridays for Future"-Aktivisten und Klimaforscher Mojib Latif.

In manchen meiner Clips kann man sehen, wie in der Nähe eine Bombe einschlägt. Viele Medien zeigten meine Bilder, manche Clips wurden über 10.000 Mal geklickt. Auf einmal kannten mich Menschen überall auf der Welt. Auf Facebook folgen mir heute 8000 Menschen, auf Twitter sogar über 25.000. Ende März 2018 ergaben sich die Rebellen in Ost-Ghuta. Die Kämpfer und Zehntausende Zivilisten wurden in die Rebellen-Provinz Idlib deportiert. Ich hatte große Angst, dass mich jemand von Assads Leuten erkennen könnte. Darum habe ich während der gesamten 32-stündigen Fahrt den Bus nicht verlassen, auch nicht während der Pausen. In Idlib habe ich erst mal weiter Videos gemacht. Vor drei Wochen dann hat eine türkische Hilfsorganisation meine Familie und mich von dort nach Istanbul gebracht. Die Rettung haben wir meiner Bekanntheit zu verdanken. Ich möchte jetzt eine journalistische Ausbildung machen und meinen Kampf für die Wahrheit im Krieg in Syrien fortsetzen."

Angelika Petrowskaja, 17, Russland

Angelika Petrowskaja will in einem liberalen und demokratischen Russland leben

Angelika Petrowskaja will in einem liberalen und demokratischen Russland leben

stern

"Ich würde gern in einem anderen Russland leben – nämlich in einem demokratischen und liberalen Staat. Deshalb engagiere ich mich seit einem Jahr in meiner Heimatstadt Sankt Petersburg bei der Jugendorganisation 'Wesna', das ist Russisch für 'Frühling'. Viele Russen, die gegen Wladimir Putin sind, sagen ja, dass man sowieso nichts ausrichten kann. Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass jeder Einzelne etwas bewegen kann.

Bei 'Wesna' denken wir uns politische Aktionen aus, die wir wie winzige Theaterstücke in der Stadt aufführen. Die Bilder verbreiten wir über die sozialen Medien – auch, weil Demonstrationen oder Protestaktionen verboten sind. Erlaubt sind nur Plakataktionen von Einzelnen, die aber mindestens 50 Meter voneinander entfernt stehen müssen. Während der Fußball-WM wollten wir vor dem Petersburger Stadion an die politischen Gefangenen im Land erinnern. Ich lag in einem Kleid, auf das wir Blutflecken gemalt hatten, vor dem WM-Maskottchen. Es dauerte nur Minuten, bis die Polizei kam und uns mitnahm. Mir wurde schlecht, unter Polizeiaufsicht kam ich in die Notaufnahme. Dann karrte man mich stundenlang durch die Stadt. Viele der anderen hundert Aktivisten von 'Wesna' waren schon Tage oder auch Wochen in Haft. Bogdan, der Koordinator unserer Gruppe, wurde angeklagt, weil er eine Ankündigung für eine Demo gepostet hatte. Ein anderer hatte in seiner WG unsere große gelbe Plastikente ins Fenster gestellt. Sie ist in Russland ein Symbol für den Kampf gegen Korruption. Er verbrachte danach 23 Tage in Haft: Man warf ihm vor, er habe unerlaubt demonstriert.

Ich hatte bislang immer Glück: Meine Eltern unterstützen mich, meine Lehrer haben meine Aktionen bislang nicht kommentiert. Andere mussten in der Schule zu Erziehungsgesprächen, eine Schülerin musste sogar Gesetze abschreiben und auswendig lernen. Viele Studenten bekommen Probleme an ihren Unis. Protest ist gefährlich in Russland. Angst habe ich trotzdem nicht."

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