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Gastgeber der Fußball-WM 2022: Katar - reicher Zwerg in der Wüste

Viel Sand, noch mehr Geld, wenig Einwohner - ein Emirat im Persischen Golf ist Gastgeber der WM 2022. Katar setzt nicht nur beim Fußball zum großen Sprung an.

Von Sebastian Huld

Die Welt richtet ihren Blick auf Katar – und kann den Zwergstaat nicht finden. Man muss auf Google Maps schon ganz nahe heranzoomen, um die kleine Halbinsel im persischen Golf, eingekeilt zwischen den regionalen Großmächten Saudi-Arabien und Iran, zu finden. Jenen Ort, an dem in zwölf Jahren die Fußballweltmeisterschaft ausgetragen werden soll. Das hat das Fifa-Exekutivkomitee am Donnerstag entschieden und damit die Fußballwelt überrascht. Die norwegische Zeitung "Dagbladet" ätzt: "Katar ist der größte Fußballwitz aller Zeiten." Und das nicht nur, weil die Korruptionsaffären im Vorfeld der WM-Vergabe Mauscheleien bei der Wahl Katars nahelegen. Nein, Katar hat mit König Fußball in etwa soviel gemein wie Fifa-Boss Sepp Blatter mit einem Eremiten.

Mit Gasreserven in die Zukunft

Doch die Kataris lassen sich vom Spott des Westens nicht einschüchtern, denn die Familie um Staatsoberhaupt Scheich Hamad Ben Kalifa al-Thani hat einen Plan: Mit Hilfe ihres gigantischen Öl- und Gasreichtums wollen sie Katar für die Zukunft rüsten – und Großereignisse wie die Fußball-WM sollen Investoren und Touristen gleichermaßen in das arabische Monaco locken. Schon jetzt wird die Infrastruktur für eine Zukunft ohne Öl und Gas gebaut: Universitäten, eine eigene Fluggesellschaft und mit Al-Dschasira der größte Nachrichtensender des Mittleren Ostens. Die Herrscherfamilie und die ihr nahe stehende Elite wollen hoch hinaus.

Katar, das kaum größer ist als das Kosovo, besteht vor allem aus Wüste. Seine etwa 1,5 Millionen Einwohner leben überwiegend in der Hauptstadt Doha, das im Westen der Halbinsel und damit dem nicht minder ambitionierten Dubai gegenüber liegt. Etwa 80 Prozent der Einwohner sind Ausländer, die meisten von ihnen entweder Araber oder Inder und Pakistani, die sich auf den vielen Großbaustellen und in den Öl- und Gasförderanlagen verdingen. Katar lebt vom Export, denn es ist an Ressourcen reich gesegnet – nach Russland und Iran hat es die drittgrößten Gasreserven der Welt. Im Jahr 2007 exportierte das Land Öl und Gas im Wert von 48 Milliarden US-Dollar. Da macht es auch nichts, dass Katar fast alle anderen Güter importieren muss. Doch auch in der Familie des Emirs ist man sich bewusst, dass die Quellen ihres sagenhaften Reichtums nicht ewig sprudeln werden. Deshalb will sich das Land für die Zeit danach rüsten: Katar 2.0, ohne Öl und Gas, aber dafür mit den weltliebsten Sportereignissen.

Die Familie des Emirs hat Katar fest im Griff und kann erstaunliche Erfolge vorweisen. Lesen Sie mehr auf der nächsten Seite.

Eine ambitionierte Herrscherfamilie

Katar ist alles andere als eine Sport-Großmacht. Kamelreiten und Cricket sind die beliebtesten Sportarten im Land. Im Jahr 2000 gewann zum ersten und einzigen Mal ein gebürtiger Katarer eine Olympiamedaille - Bronze im Gewichtheben. Die höchste Fußballliga "Qatar Stars League" dient vor allem als Refugium für alternde Fußballstars. Spieler wie Stefan Effenberg oder Romario ließen sich mit dem Geld der Scheichs ihr Karriereende vergolden und kickten zwischen Golfplatz und Strandbar ein wenig für das arabische Publikum. Ansonsten hat Katar in der Welt des Sports nichts zu melden.

Dafür bemühen sich die Kataris umso ernsthafter um die Austragung prestigeträchtiger Sportveranstaltungen. Hierfür sorgt Kronprinz Scheich Tamin Bin Hamad al-Thani höchstpersönlich. Schon seit Jahren macht die Tenniselite im Land halt, die Motorrad-Weltmeisterschaft "MotoGP" trägt einen Lauf auf der Formel-1-tauglichen Rennstrecke des Landes aus, und 2006 durfte Katar sogar die Asienspiele ausrichten. Dass sich die diversen Sportler oft über halbleere Tribünen, hohe Luftfeuchtigkeit und Tagestemperaturen um die 40 Grad beschwerten, war bei der Vergabe der WM nach Katar offenbar nicht ausschlaggebend.

Doch der Sport ist nur einer von vielen Bausteinen, der das Fundament für eine große Zukunft Katars bilden soll. Ein Jahr, nachdem sich Scheich Hamad Ben Kalifa al-Thani unblutig an die Macht putschte und so seinen Vater ablöste, gründete er 1996 den Nachrichtensender al-Dschasira. Heute ist der Sender weltweit das populärste arabische Medium. Die Familie des Emirs handelte pragmatisch und holte sich Mitarbeiter aus der ganzen Welt, viele Journalisten arbeiteten zuvor für etablierte Sender wie BBC und CNN. Auch die Gründung der zweitgrößten arabischen Fluglinie QatarAirways geht auf die Königsfamilie zurück. Der Staatskonzern wächst in riesigen Schritten und bietet auch 24 Mal die Woche Flüge zwischen Deutschland und Doha an. Wie es sich für eine Monarchie gehört, klotzt die eigene Fluglinie anstatt zu kleckern: QatarAirways gehörte zu den ersten Fluggesellschaften, die den Airbus A380 in Betrieb nahm. Zur Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land wird das Unternehmen wohl nicht nur beim Sponsoring groß auftischen. In Katar weiß man, sich zu inszenieren.

Das Land öffnet sich

Außenpolitisch ist Katar schon jetzt bedeutender, als es seine Größe eigentlich zulässt. Der Emir will international mitreden, seine Gasreserven sind der Trumpf, der das ermöglicht. Die Herrscherfamilie versucht in gesellschaftlichen Fragen das Land ganz langsam und vorsichtig zu öffnen. Auch wenn der Islam Staatsreligion ist, gilt Katar als relativ liberal. In Hotelbars darf Alkohol ausgeschenkt werden, es gibt keinen Kopftuchzwang. Die politisch aktive Frau von Emir Scheich al-Thani treibt die Gleichstellung der Frauen voran, immerhin haben zwei Ministerinnen in der Regierung des Emirs Platz. Als 1999 mit den Kommunalwahlen zum ersten Mal Wahlen in Katar stattfanden, durften Frauen gleichberechtigt teilnehmen. Weibliche Fußballfans können also vergleichsweise entspannt zur Weltmeisterschaft reisen.

Es sind noch zwölf Jahre, bis der große Fifa-Zirkus beim aktuell 113. der Weltrangliste gastiert, der dann erstmals an einer Endrunde der Fußball-WM teilnimmt. Kaum jemand bezweifelt, dass das Land den logistischen Aufwand bewältigen wird. Selbst die Hitze in den Stadien soll mit intelligenter Kühltechnik zumindest gemildert werden. Geld kann viele Probleme lösen, nur ob es solch eine Euphorie entfachen kann, wie sie zuletzt in Südafrika und zuvor in Deutschland herrschte, bleibt fraglich. Doch die kleine Monarchie im Persischen Golf scheut bekanntlich keine Kosten und Mühen – und greift weiter nach den Sternen.