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George Floyd in Houston beigesetzt "Wir werden atmen!" Eindrücke von der Beerdigung, die ganz Amerika aufwühlt

Sehen Sie im Video: Trauerfeier für George Floyd in Houston


Trauerfeier für George Floyd: In Houston im US-Bundesstaat Texas fand am Dienstag der Abschied statt von George Floyd, dem Afroamerikaner, der vor gut zwei Wochen in Minneapolis gestorben war, nachdem ein hellhäutiger Polizist fast neun Minuten lang sein Knie in Floyds Nacken gedrückt hatte. Seitdem gibt es massenhafte Proteste in weiten Teilen der USA gegen Rassismus und Polizeigewalt. Das Mitglied im US-Repräsentantenhaus für die Demokratische Partei, Al Green, sagte: "Die Botschaften des Präsidenten sind sehr schlecht für das Land. Und seine jüngste Botschaft, das Militär einzusetzen, um das zu erreichen, was er Recht und Ordnung nennt. Wir, die wir in dieser Bewegung schon so lange sind, wie ich es bin, wir verstehen, was er damit meint. Nämlich Ordnung und Recht als entgegengesetzt zu dem, was Recht und Ordnung bedeuten. Ordnung und Recht meint, dass man eine Ordnung einführt und das Recht dann dem anpasst. Das ist eine schlechte Nachricht, denn genau das führt zu Todesfällen wie dem von George Floyd, überall auf der Welt. Es ist Zeit, dass Wandel kommt! Ich glaube, wir erleben jetzt gerade einen solchen Moment, in dem eine Bewegung entsteht. Ich glaube, wir können den Unterschied ausmachen!" Der Präsidentschaftsbewerber der Demokratischen Partei, Joseph "Joe" Biden, wandte sich mit einer Video-Botschaft an die Trauergemeinde. Er hatte sich zuvor mit der Familie von George Floyd getroffen. Biden sagte, er sehe das Land an einem "Wendepunkt der Geschichte" und versucht damit, sich verstärkt als Alternative zu Präsident Donald Trump anzubieten.
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Die New Yorker Börse pausierte 8 Minuten und 46 Sekunden lang, Präsidentschaftsbewerber Joe Biden sprach - die Trauerfeier für George Floyd wühlte ein Land auf, das schon länger die Fähigkeit zum gemeinsamen Trauern verloren hat.

Hunderte versammelten sich in der "Fountain of Praise Church" in Houston, wo George Floyd aufgewachsen ist und wo er nun neben dem Grab seiner Mutter beigesetzt wurde.

Nicht nur eine private Erinnerung 

Millionen Amerikaner sahen die Trauerfeier im Fernsehen, sie wurde von den großen Nachrichtensendern live übertragen. Und selbst während in der Kirche gebetet wurde, zogen wieder Demonstranten in vielen Städten durch die Straßen und skandierten seine letzten Worte: "I can't breathe" - ich kann nicht atmen. Die Börse in New York blieb still für acht Minuten und 46 Sekunden, so lange wie noch nie in ihren 228 Jahren.

Gedacht wurde eines Mannes, dessen Name von zehntausenden Menschen in den vergangenen Wochen überall auf der Welt gerufen wurde, ein Name, der längst zu einem Symbol geworden ist. Der einmal für historische Reformen gegen Polizeigewalt in den USA stehen könnte.

So war die Trauerfeier der Familie nicht nur eine private Erinnerung an einen Vater, Bruder, Onkel, Cousin. Sie war auch eine nationale Selbstvergewisserung nach mehr als zwei Wochen Protesten in den Vereinigten Staaten, seit dem George Floyd starb, nachdem ein Polizist in Minneapolis ihm am 25. Mai 8 Minuten und 46 Sekunden sein Knie ins Genick drückte.

Wo stehst Du, Amerika? Gibt es endlich Hoffnung, dass sich nach dem Tod von George Floyd etwas zum Besseren ändert in den USA? Wird nun endlich gegen den strukturellen Rassismus angekämpft?

Der Mann im Weißen Haus trauert nicht

Bei dieser Selbstvergewisserung durfte der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden nicht fehlen, er sprach zur amerikanischen Trauergemeinde über eine Videobotschaft.

Nur der Mann im Weißen Haus, er trauerte nicht um George Flyod, er trauerte wohl eher um seine rapide sinkenden Umfragewerte.

Es war eine Trauerfeier der großen, manchmal übergroßen Symbolik. Zwei Reihen von Polizisten standen in Houston Spalier zum letzten Geleit für den Mann, der 1600 Kilometer entfernt von Polizisten getötet wurde. Als Familie und Freunde den goldenen Sarg in die Kirche schoben salutierten sie. Einige Leute riefen: "George Floyd!"

Es war eine Trauerfeier, die aufwühlte. Der afroamerikanische Autor Jelani Cobb sah sie im Fernsehen, er twitterte: "Mir fällt auf, wie sehr ich das alles hasse. Dass ich es wirklich, wirklich hasse. Selbst die schönsten Teile erinnern mich daran, dass wir an unsere Toten so gut würdigen können, weil wir so viel Übung haben."

George Floyds Bruder Rodney sagte unter Tränen: "Ich habe noch immer seine Telefonnummer in meinem Smartphone gespeichert. Ich will es nicht wahrhaben. Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich versuche ihn anzurufen. Aber sein Name wird die Welt ändern. Wenn man ihm gesagt hätte, er müsse sein Leben opfern, um die Welt zusammenzubringen, dann hätte er das getan." Seine Nichte klagte an, sie sagte: "Ich kann atmen und so lange ich atme, wird für Gerechtigkeit gekämpft."

Joe Biden trifft sich mit Floyds Familie

Emotional war auch die Ansprache von Joe Biden. Er sagte: "Wir können nicht zurück. Wir können nicht diesen Moment verstreichen lassen, wir können nicht wieder den Rassismus verdrängen wollen, der unsere Seelen frisst. Wir dürfen nicht wieder die Augen vor den systematischen Missständen verschließen, der das Zusammenleben Amerikas vergiftet."  Biden hatte sich am Tag der Beisetzung mit der Familie getroffen. Er sagte an George Floyds sechsjährige Tochter gerichtet: "Kein Kind sollte die Frage stellen müssen, die zu viele schwarze Kinder seit Generationen fragen mussten: Warum? Warum ist Daddy weg? Wenn es Gerechtigkeit für George Floyd gibt, dann sind wir wirklich auf dem Weg zur Gerechtigkeit in Amerika."

Während Joe Biden den Namen des amtierenden Präsidenten nicht in den Mund nahm, nahm Reverend Al Sharpton Donald Trump ins Visier. "Sie lassen sich Demonstranten mit Tränengas und Gummigeschossen aus dem Weg schießen, und dann nehmen sie die Bibel und stellen sich vor eine Kirche als Kulisse."

Die Symbolik dieses Tages schien Donald Trump entgangen zu sein. Wie ein in die Enge getriebenes Tier keift er in diesen Tagen in alle Richtungen. Während die Redner in Houston Worte der Wertschätzung für George Floyd fanden und Zeichen der Hoffnung für die Nation darin fanden, dass der Diskurs über den Rassismus und die Polizeigewalt längst allgegenwärtig ist in diesen Tagen in den USA, und darin, dass Minneapolis seine Polizei von Grund auf umkrempeln will, dass viele Städte ihren Polizisten schon verboten haben, den Würgegriff anzuwenden und dass Politiker in vielen Staaten an einer Neuausrichtung der Polizei arbeiten.

"Wir werden atmen!"

Während also eine Welle des Reformwillens über die USA schwappt und von einer Mehrheit der Amerikaner gestützt wird, während all dessen twitterte Präsident eine widerliche, absurde Verschwörungstheorie. Er behauptete, ein 75-jähriger Mann, der in Buffalo von Polizisten so gewaltsam zu Boden gestoßen wurde, dass er aus dem Ohr blutete und bis heute im Krankenhaus liegt, sei ein radikaler Antifa-Aktivist. Eigentlich müßig zu sagen: Der Mann hat mit der Antifa nichts zu tun. Er ist ein älterer, katholischer Friedensbewegter.

Und doch: Der Tweet zeigt, wie sehr Donald Trump die Panik treibt. Umfragen haben gezeigt, dass er bei seiner Kernwählerschaft, den weißen Männern ohne höhere Schulbildung, stark an Zustimmung verloren hat. Er scheint zu meinen, dass ihm Gewaltrhetorik hilft. Mehr als Zweidrittel der Amerikaner, so zeigen aktuelle Umfragen, lehnen es allerdings ab, wie Donald Trump auf die Polizeigewalt und den Tod von George Floyd reagiert hat.

Vielen dürfte ein Mann aus der Seele gesprochen haben. Als der Sarg in Houston aus der Kirche geschoben wurde, schrie er: "Wir werden atmen!"


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