GESPERRT! Pakistan Ein Land am Abgrund


Radikale Muslime versuchen, aus der Atommacht Pakistan einen Gottesstaat zu machen. Nun hat die erste Region die Scharia eingeführt, das islamische Recht. Viele Bürger des gemäßigten Landes nehmen strengere Glaubensregeln nur in Kauf, weil die Radikalen Gerechtigkeit versprechen.
Von Steffen Gassel

Ein lauer Abend an der Universität Princeton. Für einen Moment hat der geniale Mathematiker von seinen Zahlen abgelassen. Irgendetwas an der schönen, klugen Studentin mit dem dunklen Haar zieht ihn an. Statt sich hinter seinen Formeln zu verschanzen, führt er sie zum Essen aus, spaziert mit ihr über den Campus. Das Glück scheint vollkommen, noch ahnt keiner der beiden etwas von der beginnenden Schizophrenie des Genies, von seinem Verfolgungswahn, der ihre Liebe um Haaresbreite scheitern lassen wird.

Es war kein Zufall, dass der Professor zur Eröffnung des Kinoklubs an der Quaid-i-Azam-Universität von Islamabad diesen Film ausgewählt hatte: "A Beautiful Mind" mit Russell Crowe und Jennifer Conelly - ein oscargekröntes Werk über die Macht der Liebe, die Irrungen des menschlichen Geistes und den Triumph der Vernunft. Ein wenig hatte er sie schon provozieren wollen, seine Studenten, die ihm oft so wenig wissbegierig und so weltfremd vorkamen. Die sich von der Faszination der Naturwissenschaften nicht anstecken lassen wollten. Die ihm, dem Atomphysiker, nach einer Vorlesung über Tektonik erklärt hatten, nicht die Kraft der Erdplatten sei schuld gewesen am großen Erdbeben in Kaschmir, sondern Allahs Zorn über die Verkommenheit der Menschen. Studenten, die trotz der Freiheit ihrer Lehrjahre jede romantische Verträumtheit hinter Kopftüchern, Burkas und Bärten versteckten. Vielleicht hatte Pervez Hoodbhoy gehofft, ihnen eine Vorstellung davon zu vermitteln: Seht her, so kann eine Universität auch sein! Eine Welt des freien Lebens und Forschens.

Mit Unverständnis hatte der Professor gerechnet, mit Widerspruch gegen die Idealisierung Amerikas, das viele in Pakistan als Feind der Muslime sehen. Aber nicht damit: "Der Dekan der Physik-Fakultät zeigt pornografische Filme." Am nächsten Morgen klebten die Zettel überall, an den Wänden der Hörsäle, in den Fluren. Ein Studentenrat solle über die Zukunft des Filmklubs befinden: "Teilnahme nur für Muslime." Pervez Hoodbhoy verstand: Er war nicht willkommen - weil er in den Augen der Verfasser kein guter Muslim war.

Ein paar Bärtige regten sich auf

Der Professor ging trotzdem hin und musste sich die Zetereien von ein paar Bärtigen anhören, die sich über eine Szene aufregten, in der die beiden Hauptdarsteller im Bett liegen - vollständig bekleidet. Solche Obszönitäten gehörten nicht an eine islamische Universität. Hoodbhoy gab sich versöhnlich und versprach, in Zukunft keine Filme mehr zu zeigen, an denen jemand Anstoß nehmen könnte. Anschließend stimmte die Mehrheit der Versammelten für eine Fortsetzung des Filmklubs.

Doch in der folgenden Woche drehten die selbst ernannten Sittenwächter nach einem kurzen Leinwandkuss mitten im Katastrophen-Epos "The day after tomorrow" den Strom ab. "Wir haben dann mit Mister-Bean-Filmen weitergemacht", sagt Pervez Hoodbhoy kopfschüttelnd. "Dagegen hatten sie nichts."

Der Eklat um die Bilder im Uni-Hörsaal ist symptomatisch für die Lage in Pakistan. Eine Minderheit versucht, der Mehrheit eine strengere Version des Islam aufzuzwingen. Und die Radikalen gewinnen stetig an Boden. Hatten sie zunächst jungen Frauen, die sich nicht richtig verschleierten, mit Säureattentaten gedroht, oder Friseure unter Druck gesetzt, Männern nicht die Bärte zu rasieren, brannten sie später im Swat-Tal, einem ehemaligen Urlaubsparadies im Nordwesten, mehr als 60 Mädchenschulen nieder. Denn Frauen, so die Islamisten, sollen das Haus nicht verlassen, schon gar nicht, um lesen und schreiben zu lernen. Vergangene Woche hat die Regierung dem Druck der Taliban nachgegeben und in der Region Malakand, zu dem das Swat-Tal gehört, 70 Scharia-Gerichtshöfe gebilligt. Auch an Berufungsgerichten gilt dort nun das islamische Recht.

Kampf um die Seele Pakistans

Für Pervez Hoodbhoy sind der Streit um den Filmklub, die Welle der Gewalt und die Islamisierung des Rechts Etappen eines Kampfes um die Seele Pakistans. Soll die intolerante, gewalttätige Taliban-Ideologie das Land prägen? Oder der Islam des alten Indien, der jahrhundertelang im Einklang mit den anderen Religionen des Subkontinents existierte, "eine freundlichere, sanftere Religion", wie Hoodbhoy sagt?

Doch bei Auftritten im Fernsehen oder auf Versammlungen hat der Professor zusehends Schwierigkeiten, mit seiner Position die Menschen zu erreichen. Ausgerechnet das Land, das einst seine Begeisterung für Freiheit und Demokratie weckte, bringt ihn in Erklärungsnot. Die USA spielen den Radikalen in die Hände. Mit aller Gewalt wollen sie die Taliban bekämpfen und missachten dabei Pakistans Souveränität. Schon die Luftangriffe auf die Dörfer in den Stammesgebieten mit unbemannten US-Flugzeugen schürten den Hass auf den Westen. Dann überschritten auch noch amerikanische Bodentruppen von Afghanistan aus die Grenze. Offiziell ohne Wissen oder gar Einverständnis Pakistans. Anfang Februar schließlich stellte eine US-Senatorin die Regierung in Islamabad bloß. Sie räumte ein, dass US-Drohnen sogar von pakistanischen Militärflughäfen gestartet waren.

Jede weitere unbedachte Aktion Washingtons könnte eine Lawine der Gewalt ins Rollen bringen, die Pakistan unter sich begräbt, fürchtet Professor Hoodbhoy. "Schon jetzt ist Pakistan im Griff eines antiamerikanischen Eifers." Eines Eifers, der immer mehr Pakistanern die Sicht auf die Wurzeln des Aufruhrs in ihrem Land vernebelt. "Wenn die Amerikaner Zivilisten töten, geht ein Aufschrei durch das Land. Aber dass die Taliban fast täglich pakistanische Bürger umbringen, bei Anschlägen sogar auf Moscheen oder Krankenhäuser, regt kaum jemanden auf."

Es war eine friedvolle Religion

Die Gewalt lässt die Menschen vergessen, was für eine friedvolle Religion es war, in deren Zeichen ihr Land gegründet wurde. Welche Vision Staatsgründer Muhammad Ali Jinnah hatte, ein erzsäkularer Anwalt mit einer Schwäche für Schinken und Schweinswürstchen. In Pakistan würden die Muslime "aufhören, Muslime zu sein - nicht im religiösen Sinne, denn der Glaube ist Sache jedes Einzelnen, sondern im politischen Sinne als Bürger", erklärte er 1947 in seiner ersten Rede an die Nation.

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Maulana Mohammed Amir, den seine Anhänger "Bijli-Ghar", Kraftwerk, nennen, verachtet diese Haltung: "Pakistan wurde im Namen des Islam geschaffen, aber es hat nie auch nur ein einziges islamisches Gesetz verabschiedet. Ich habe diesen Staat nie auch nur für fünf Minuten anerkannt", sagt der Weißbärtige aus Peschawar, dem Tor zu den Stammesgebieten. In der Millionenstadt ist der 74-Jährige, der zum weißen Gehrock Slipper aus glänzendem schwarzem Krokoimitat trägt, ein einflussreicher Mann. Kassetten mit seinen Predigten verkaufen sich zu Tausenden. Wenn er spricht, sind die Moscheen voll und die Zuhörer elektrisiert. Viermal haben die Behörden ihn ins Gefängnis gesteckt, wegen seiner feurigen Reden gegen die Regierung. Doch er hat immer weitergemacht.

Er traut sich zu sagen, was die meisten hier denken. So nicken sie auch, wenn der Mullah im nächsten Atemzug die Musik als Werk des Teufels geißelt, das sie zu sexuellen Ausschweifungen verleite und überhaupt von der Vorbereitung aufs Paradies ablenke. Um dann wieder bei der Politik zu landen und eine Revolution gegen die Regierung zu prophezeien: "Gibt es in irgendeinem anderen Land der Welt eine Armee, die dazu da ist, die eigenen Staatsbürger zu töten? Nein, das gibt es nur in Pakistan. Und sie tut es im Auftrag der USA."

Im Westen wird die Angst genährt

Es sind solche Reden, gepaart mit der Gewalt der Islamisten, die im Westen die Angst nähren. Für viele ist Pakistan das "gefährlichste Land der Welt", das kurz davor steht, mit seinen Atomwaffen in die Hände der Gotteskrieger zu fallen.

Ein gründliches Missverständnis - sagt Rahimullah Yusufzai. Der Journalist ist einer der wenigen, die Osama bin Laden zum Interview getroffen haben. Bis heute pflegt er beste Verbindungen zu hochrangigen Taliban-Kommandeuren. "Sie betrachten die Stammesgebiete entlang der Grenze zu Afghanistan als ihr Territorium, in dem die pakistanische Armee nichts verloren hat", sagt Yusufzai. "Solange diese Besatzung dauert, werden sie angreifen, wo immer sich ihnen eine Gelegenheit bietet. Freiwillige für Selbstmordattentate haben sie mehr als genug." Die sprengen sich zwar auch in den Städten in die Luft - aber Peschawar oder gar die Hauptstadt wollten sie nicht erobern. Daran, gar die Atomwaffen in ihre Gewalt zu bekommen, denken die Stammeskämpfer nicht. Ohnehin wisse jeder in Pakistan, dass das Sicherheitssystem der Armee für die Nuklearsprengköpfe unüberwindlich ist. Und davon, die politische Kontrolle zu übernehmen, seien die Eiferer weit entfernt.

Tatsächlich verloren die islamistischen Parteien, die in der Region an der Nord-West-Grenze zu Afghanistan die Regierung gestellt hatten, bei der Wahl vor einem Jahr fast alle Sitze. Einmal an der Macht, hatten sich die religiösen Saubermänner auch als korrupt erwiesen. Gewinner waren Kandidaten aus dem säkularen Lager der ermordeten Ex-Premierministerin Benazir Bhutto und eine paschtunische Nationalistenpartei. Ausgerechnet die machte sich nun dafür stark, die islamische Rechtsprechung auszuweiten. Es schien die einzige Möglichkeit, seit Jahren anhängige Grundstücksstreitigkeiten beizulegen. Säkulare Gerichte hatten die Prozesse ewig verschleppt, wenn nicht horrende Bestechungsgelder gezahlt wurden. Die Ungerechtigkeit hat entscheidend zum Erstarken der Taliban beigetragen.

Die Macht wurde aufgeteilt

Auch in der Provinz Punjab, der Kornkammer des Landes, hatte seit der Staatsgründung ein Klüngel aus reichen Großgrundbesitzern und Generälen die Macht unter sich aufgeteilt. Ob es darum ging, was auf den Feldern anzupflanzen oder welcher Kandidat zu wählen war: Millionen landloser Kleinbauern hatten zu gehorchen wie willenlose Sklaven. Noch vor Kurzem schrieb ein pakistanischer Politikwissenschaftler über diese Gegend: "Hier könnte ein Feudalherr seinen Hund zur Wahl aufstellen - der Hund bekäme 99 Prozent der Stimmen."

Es war ein 36-jähriger Kleinbauer, der dieses Machtgefüge ins Wanken brachte, als er bei den letzten Wahlen gegen die Kandidaten der alteingesessenen Familien und des Militärs antrat. Auch wenn ihm am Ende ein paar hundert Stimmen fehlten - diese Unverfrorenheit haben sie ihm bis heute nicht verziehen. Und so wusste Abdul Sattar gleich, dass die Sache ernst war, als neulich Polizisten vor seinem Haus standen und ihn verhafteten. Er werde beschuldigt, einen Bauern in einem Nachbardorf erschossen zu haben. Tagelang saß er im Gefängnis, bevor sein Dorf genug Geld für die Kaution gesammelt hatte.

Allen ist klar, dass die Anklage gegen den Mann mit dem Bäuchlein und dem ordentlich gestutzten Schnauzer haltlos ist - nur ein weiteres Kapitel in einem Kampf, der vor acht Jahren begann. Damals waren Soldaten von Haus zu Haus gegangen und hatten den Bauern neue Verträge für die Nutzung des Ackerlandes präsentiert: Statt wie seit Generationen die Hälfte ihrer Ernte bei der Armee abzugeben, die in dieser Gegend die größten Ländereien besitzt, sollten sie nun einen festen Betrag pro Monat bar zahlen. Die meisten Bauern konnten die Dokumente nicht einmal lesen.

Armee gegen Bauern

Abdul Sattar konnte lesen - als Einziger im Dorf. Sein Vater und seine Onkel hatten all ihre Ersparnisse zusammengelegt, damit er auf die Landwirtschaftsschule gehen konnte. Als er die neuen Verträge sah, warnte er die Bauern: "Unterschreibt das ja nicht. Wenn die erste schlechte Ernte kommt und ihr die Pacht nicht zahlen könnt, vertreibt euch die Armee von eurem guten Land."

Bald danach begannen die Drohungen: Er solle aufhören, sich einzumischen, sonst werde es ihm und seiner Familie schlecht ergehen. Doch Abdul Sattar machte weiter. Als die neuen Verträge in den Nachbardörfern auftauchten, warnte er auch dort die Bauern. Ihm wurde Geld geboten, mehrere Zehntausend Dollar, wenn er endlich Ruhe gäbe. Sattar lehnte ab. Als die Armee begann, Kinder von Bauern zu entführen, die sich weigerten zu unterschreiben, organisierte er den Protest: Unter seiner Führung blockierten Hunderte verzweifelter Frauen und Männer einen Tag lang die Hauptdurchgangsstraße der Provinz. "Malki ya Maut" - "Eigentum oder Tod" stand auf ihren Plakaten.

Lesen Sie auf der folgenden Seite, wie Abdul Sattars Verwandte freikommen

Das Militär griff mit aller Härte durch. Maschinengewehrschützen an den Zufahrten riegelten die Dörfer ab. Die Bauern mussten antreten und bei vorgehaltener Waffe ihre Daumen auf die Verträge drücken. Die Aufwiegler wurden als Terroristen angeklagt, auf Grundlage eines Paragrafen, der geschaffen worden war, um muslimische Extremisten zu bekämpfen. Abdul Sattar musste sich verstecken. Die Soldaten verhafteten seinen Bruder und seinen Onkel, steckten sie monatelang ins Gefängnis und folterten sie.

Das Blatt wendet sich

Doch das brutale Vorgehen der Armee gegen die eigenen Bürger wurde zum Skandal. Über pakistanische Menschenrechtler gelangten Nachrichten aus Okara ins Ausland. Schließlich musste sich Pakistans Präsident beim Staatsbesuch in den USA fragen lassen, weshalb seine Soldaten, statt al-Qaida zu bekämpfen, arme Bauern terrorisierten. Erst da begann sich das Blatt zu wenden. Die Soldaten wurden abgezogen, Abdul Sattars Verwandte kamen frei. Tausende Bauern gründeten einen Verein. Sie beschlossen, die aufgezwungenen Verträge nicht einzuhalten. Sie entscheiden jetzt selbst, was sie anbauen, und tragen die Ernte zum Markt - und die Armee wagt es bisher nicht, sie daran zu hindern.

"Wenn man verstehen will, wie sehr unser Kampf das Leben der Menschen hier verändert hat, dann muss man sich in Erinnerung rufen, wie jedes Frühjahr ein Farm-Manager des Militärs ins Dorf kam und den Bauern befahl, sich vor ihm auf die nackte Erde zu setzen", sagt Abdul Sattar. "Die Leute von Okara werden sich nie wieder vor irgendjemand in den Staub hocken."

Wo Menschen wie Sattar für eine gerechte Wasserverteilung, neue Schulen und bessere Straßen kämpfen, finden auch die Islamisten kaum Gehör. Doch wo die Macht der Feudalherren ungebrochen ist, laufen ihnen die Unzufriedenen zu. Zum Jahrestreffen der Dschamat ud-Dawa, einer muslimischen Wohlfahrtsorganisation mit militantem Arm, strömten vor drei Monaten 500.000 Menschen in den kleinen Ort Muridke, nur ein paar Stunden Autofahrt von Okara entfernt. Grafitti mit Hassparolen gegen Indien säumten die Straßen.

Persönlich ausgebildet

Bei der Hauptkundgebung auf dem großen Aufmarschplatz drohte DuD-Chef Hafis Said: "Wenn die Herrschenden das Land nicht verteidigen, dann werden die Menschen selbst aufstehen, um das zu tun." Kurz darauf stürmten Terroristen, die er persönlich in religiösen Fragen unterwiesen hatte, Luxushotels, ein Café, ein jüdisches Zentrum und den Hauptbahnhof im indischen Mumbai. Alle zehn Attentäter stammten aus dem pakistanischen Pandschab. Fast in jedem Dorf finden sich hier Männer wie der 60-jährige Krämer aus Gondlanwala, dessen arbeitsloser Sohn mit 23 in Kaschmir im Kugelhagel indischer Soldaten starb. "Meine anderen vier Söhne und ich sind ebenfalls bereit, den Märtyrertod zu sterben", tönt der Vater und räumt doch ein, dass der Held wohl noch am Leben wäre, hätte er Geld verdient und eine Ehe schließen können.

Der 27-jährige Mohammad Ismail trägt zum langen Bart Schalwar Khamis - Pluderhose, Langhemd und dazu ein Rundkäppi. Er sitzt in seiner Arbeitswabe im vierten Stock eines Bürohauses mit Spiegelglasfassade und Aircondition, hat mehrmals die Woche Telefonkonferenzen mit Auftraggebern in Boston und San Diego und bastelt gerade an einer Medizin-Software für eine Gesundheitsbehörde der USA. Auch die meisten seiner Kollegen kleiden sich nach der Mode der frommen pakistanischen Muslime. Die jungen Frauen an den Computerbildschirmen haben Kopftücher umgebunden.

Ismail unterbricht die Arbeit mehrmals täglich, um zu beten, und neulich hat er sich geweigert, die Website einer kalifornischen Kunstgalerie zu bauen, weil Aktgemälde auf die Seite sollten. Sein moderner Beruf als Programmierer steht für ihn nicht in Widerspruch zu einem frommen Leben. Von den Parolen der Taliban will er nichts wissen, aber ein etwas islamischeres Pakistan wäre ihm recht. Die Religion ist für ihn Teil seiner Identität, Ausdruck des Selbstbewusstseins einer neuen, frommen Mittelklasse, die sich anders als ihre Elterngeneration nicht mehr am Westen orientiert. Ismails Gesprächspartner im Ausland wundern sich oft. "Wie kannst du da nur leben?", fragen sie ihn. "Komm doch zu uns."

Pilgerfahrt nach Mekka

Er könnte nach Kalifornien ziehen und in Hawaii Urlaub machen, doch er träumt von einer Pilgerfahrt nach Mekka mit einem Abstecher zum Shopping in Dubai. Junge Männer wie er verwirren nicht nur die Kunden im Westen. Auch sein Chef Adnan Lawai ist manchmal befremdet.

Der Unternehmer hat eine amerikanische Universität besucht und im Silicon Valley Karriere gemacht, bevor er vor ein paar Jahren in seine Heimatstadt Karatschi zurückkehrte. Der Boom der IT-Branche machte ihn reich, seine Belegschaft wuchs von 40 auf 100 Beschäftigte. Um seine Mitarbeiter an die Firma zu binden, bot er ihnen vor ein paar Monaten an, eine Krankenversicherung für sie abzuschließen. In Pakistan ein ungewöhnlich großzügiger Schritt. Trotzdem lehnte die halbe Belegschaft dankend ab. Erst als Lawai zu einer islamischen Versicherung wechselte, die keine Zinsgeschäfte macht, unterschrieben seine Programmierer die Policen. "Diese Kids sind genauso smart wie die IT-Hot-Shots in San Diego. Aber als fromme Muslime führen sie ein ziemlich anderes Leben."

Manchmal hat der 40-jährige Chef das Gefühl, dass ihn eine unüberbrückbare Kluft von Ismail und seinen anderen Angestellten trennt. Er, der Unternehmer, wohnt mit seiner Familie in "Defence", der abgeschirmten Wohnsiedlung der Superreichen von Karatschi, in einer Villa mit Pool und Garten, geschützt von einer hohen Mauer und bewaffneten Wächtern. Der junge Programmierer Ismail lebt mit Frau und Kind im Haus seiner Eltern in der Vorstadt. Eine eigene Wohnung kann er sich nicht leisten. Und dabei ist er mit 1000 Dollar Monatslohn für pakistanische Verhältnisse sehr gut bezahlt.

Ein mulmiges Gefühl

Adnan Lawai hat seine Rückkehr nach Pakistan noch nie bereut. Aber ganz wohl fühlt er sich in der alten Heimat immer noch nicht. Das liegt nicht an der Religion. Der Umgang mit den Frommen macht ihm, der es mit den Vorschriften des Islam nicht so genau nimmt, nichts aus. Aber es gibt Tage, da beschleicht ihn doch ein mulmiges Gefühl.

Der Tag, an dem Benazir Bhutto ermordet wurde, war so einer. Karatschi versank im Chaos. Ein Heer von Menschen aus den riesigen Slums der Zwölf-Millionen-Metropole zog brandschatzend und plündernd durch die Stadt. Polizei und Militär waren machtlos.

Am Ende zeigte sich: Die Armen hatten nicht wahllos gewütet, sondern gezielt Symbole der Ungleichheit angegriffen: 13 Banken und zwei Polizeistationen wurden zerstört. Als Adnan Lawai das hörte, bekam er es für einen Moment mit der Angst zu tun: "Manchmal wundere ich mich, dass sie nicht einfach über die Mauern unserer Grundstücke springen und uns die Kehle durchschneiden."

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