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stern-Analyse "Die Welt verstehen": Stehen die Griechen immer noch hinter Tsipras?

Alexis Tsipras ist eingeknickt, musste einknicken. Doch wenn er viele seiner Wahlversprechen über den Haufen wirft, droht Chaos. Wie stehen die Griechen zum Kompromiss von Brüssel?

Von Raphael Geiger, Athen

Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras hat eingelenkt - sollten keine seiner Wahlversprechen umgesetzt werden, drohen ungemütliche Zeiten

Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras hat eingelenkt - sollten keine seiner Wahlversprechen umgesetzt werden, drohen ungemütliche Zeiten

Noch warten die meisten ab. Noch. Man fragt Mitglieder der Regierungspartei Syriza, wie sie es finden, dass ihre Führung sich eingelassen hat auf weiteres Sparen, weitere Kontrollen durch die Kreditgeber – das also, was sie im Wahlkampf noch ausschlossen. Die Antwort ist Schweigen. Nicht einmal anonym wollen sie sprechen. Man müsse abwarten, sagen sie, noch sei es zu früh für Protest.

Einzelne trauen sich hervor. Manolis Glezos, 92 Jahre alt, ein Veteran der griechischen Linken, er sitzt für Syriza im Europaparlament. Am Sonntag beschrieb er auf einem Blog, wie enttäuscht er sei, dass die Syriza-Führung nur einen Monat nach der Wahl ihre Versprechen breche: "Ich entschuldige mich beim griechischen Volk, dass ich mich an dieser Illusion beteiligt habe." Seine Parteifreunde sollen sich auf allen Ebenen zusammenfinden und dem Kompromiss mit Brüssel widersprechen.

"Rote Linie muss respektiert werden"

Sofia Sakorafa, ebenfalls für Syrzia im Europaparlament, nannte den Kompromiss "nicht gerechtfertigt". Die Wähler hätten Syriza gewählt, damit der Sparkurs ein Ende hat.

Der Minister, der den griechischen öffentlichen Dienst reformieren soll, heißt Giorgos Katrougalos. Ein Professor in Anzug und Krawatte, ein moderater Reformer. Aber auch er sagt: "Sollten unsere roten Linien nicht respektiert werden, trete ich zurück."

Brüssel muss Irrtümer korrigieren

Damit meint er zentrale Wahlversprechen wie die Einstellung von zusätzlichem Personal im öffentlichen Dienst. Der schrumpfte in den vergangenen Jahren von über 900.000 auf rund 570.000 Stellen. Nicht nur sind Krankenhäuser und Schulen unterbesetzt. Die ehemalige Regierung entließ auch viele Parkwächter, seitdem nimmt der Staat weniger ein, weil niemand mehr Strafzettel verteilt.

Dass sich Brüssel weigert, Irrtümer zu korrigieren, könnte zu einer verheerenden Situation führen. Brüssel sieht zu, wie die griechische Regierung ihr Gesicht verliert. Syriza ist in einer Koalition mit einer rechtspopulistischen Partei, die mit Syriza nur die Ablehnung des Sparkurses teilt. Beziehungsweise: teilte. Syriza macht Kompromisse, verhandelt. Wenn Europa nicht nachgibt, gefährdet das Alexis Tsipras' Koalition.

Die Gefahr lauert rechts

Die Griechen könnten sich schon bald gegen ihre Regierung stellen. Syriza könnte zerbrechen in eine moderate Fraktion unter Tsipras und einen radikalen linken Flügel. Es käme zu Massendemonstrationen, Chaos. Das Land wäre unregierbar. Im schlimmsten Fall gewinnen danach die Populisten von rechts.

Raphael Geiger
  • Raphael Geiger