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Kommentar: Rücktritt von Boris Johnson: Feige, unverantwortlich - aber nicht überraschend

Nach Brexit-Minister David Davis tritt auch Außenminister Boris Johnson zurück. Das ist wieder einmal unstaatsmännisch. Und Großbritannien taumelt in die nächste Regierungskrise.

Brexit Minister David Davis (l.) und Außenminister Boris Johnson (M.) haben mit ihren Rücktritten die Regierung von Theresa May in die nächste Krise gestürzt

Brexit Minister David Davis (l.) und Außenminister Boris Johnson (M.) haben mit ihren Rücktritten die Regierung von Theresa May in die nächste Krise gestürzt

AFP

Am Ende war sein Abgang fast standesgemäß, weil wieder einmal unstaatsmännisch. Boris Johnson, bis Montag Nachmittag britischer Außenminister, ließ Europa-Minister sitzen, die zum West-Balkan-Gipfel nach London gereist waren. Wer nicht erschien, war der Gastgeber, der sich den ganzen Tag über mit seinem Stab beraten hatte, abends an sich seinen Rücktritt ankündigen wollte. Aber diese Genugtuung verwehrte ihm Downing Street.

Er ist dann mal weg. Die große Frage wird sein: für wie lange?

Johnson, man kann es nicht anders sagen, war ein lausiger Außenminister. Er leistete sich Fauxpas auf Fauxpas. Er brüskierte seine Chefin. Er brüskierte Kollegen aus dem Kabinett wie auch jene aus der EU. Sein Name steht sinnbildlich für den Abstand zwischen zwei Fettnäpfchen. Neulich sprach er brüsk "Fuck business" und lobte Donald Trump für dessen Politik der harten Hand, die er bei Theresa May vermisste. Im richtigen Leben wäre er seinen Job schon mehrmals los gewesen. Aber er überlebte Pleiten und Pannen und Peinlichkeiten. Zuletzt flog/floh er nach Kabul und umging im Unterhaus eine Abstimmung über den Ausbau des Flughafens von Heathrow, den er zu seiner Zeit als Bürgermeister von London vehement bekämpft hatte.

Theresa May dankt Boris Johnson unter Gelächter

Am Montag trat erst der für den Brexit zuständige Minister David Davis zurück. Dann folgte Johnson. Im Parlament dankte nachmittags Theresa May den beiden und lobte insbesondere Johnsons Passion. Daraufhin brach großes Gelächter aus. Der größte Vorwurf, den man beiden machen muss, ist nicht einmal, dass sie das Land in ohnehin unwägbaren Zeiten in eine weitere Regierungskrise getrieben haben. Denn Regierungskrise ist eigentlich immer. Es ist vielmehr ihr destruktiver Umgang mit dem EU-Abschied und dessen Konsequenzen. Mays Pläne für einen möglichst weichen Brexit mögen in Teilen unrealistisch und auch unpraktikabel sein. Aber zumindest bewegt sie sich. Johnson und Davis bewegten sich nie. Sie betrieben stattdessen eine beckmesserische Malefiz-Politik. Die Verhandlungen mit der EU in Brüssel führt auch deshalb längst der May-Vertraute Olly Robbins. Davis fühlte sich hintergangen. Hinterfragte sich selbst aber nie.

Am vergangenen Freitag briefte dieser Robbins das Kabinett auf dem Landsitz Chequers über die Folgen eines harten Schnitts. Es waren ungeschminkte Wahrheiten. Sie klangen völlig anders als die Hirngespinste und Lügen des Brexit-Trommlers Boris Johnson während des Referendums. Für ein paar Stunden verfing das. Die Hardliner schienen auf dem Rückzug. Aber aus dem Rückzug machten sie Rücktritt. Das ist feige, vielleicht auch unverantwortlich. Überraschend aber ist es nicht. Die beiden folgen einem Muster. Nach dem Referendum vor zwei Jahren machten sich der Reihe nach die dafür Verantwortlichen aus dem Staub: Premier Cameron, der damalige UKIP-Boss Nigel Farage, Justizminister Michael Gove und eben auch Boris Johnson. Übrig blieb Theresa May.

May kämpft weiter

Man muss die nicht mögen. Sie ist entscheidungsschwach, hat viele Fehler begangen, eine komplett überflüssige Neuwahl nur mit größter Not gewonnen – und sich damit selbst in die Ecke manövriert. Aber sie kämpft. Und will weiter kämpfen.

Das unterscheidet sie von David Davis und Boris Johnson.

Immerhin.