VG-Wort Pixel

Interview mit CBS Wie Hillary Clinton vergeblich versucht, ihre Niederlage zu erklären

Hillary Clinton und Donald Trump beim TV-Duell
Hillary Clinton vs. Doland Trump beim TV-Duell am 9. Oktober 2016
© Paul J. Richards/AFP
Vor zehn Monate hat Hillary Clinton die US-Wahl verloren. Eine Schmach, die sie noch nicht überwunden hat, wie sie verrät. Bei CBS gibt sie sich selbstmitleidig statt selbstkritisch. Doch ihr größtes Problem war nicht nur Donald Trump.

Vom Timing her kommt Hillary Clinton etwas ungünstig. Im Süden der USA tobt ein Jahrhundertsturm und in Washington kämpft der Präsident sowohl mit seiner eigenen Parteibasis als auch mit dem Säbelrasseln des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un. Und als hätte Amerika gerade keine anderen Sorgen, kommt die frühere Präsidentschaftskandidatin plötzlich um die Ecke und präsentiert das Fazit ihrer wohl bittersten Niederlage: das Aus bei der Wahl vor zehn Monaten. Den Verlust hat sie im Buch "What Happened" verarbeitet, das am 12. September erscheint. Dem Sender CBS hat sie dazu ihr erstes großes Interview gegeben. Das Gespräch war insofern aufschlussreich, als dass ihr demonstratives Selbstmitleid genau die Hybris durchschimmern ließ, an der sie letztlich gescheitert ist. 

Interview mit CBS: Wie Hillary Clinton vergeblich versucht, ihre Niederlage zu erklären

Es tut Hillary Clinton noch immer weh

Die Moderatorin der Sendung "Sunday Morning", Jane Pauley, gab sich wenig Mühe, Clinton die schmerzenden Fragen zu stellen. Denn Schmerzen, das war aus jedem zweiten Satz zu entnehmen, hat Clinton bis heute. "Es tut immer noch weh", sagte sie offenherzig. Monate habe sie gebraucht, um aus dem Loch zu kommen, in das sie die Niederlage gerissen hat. Und abgeschlossen sei die Sache weiterhin nicht. Menschlich verständlich.

Aber dass ihr Kummer nicht so recht weichen will, hat vielleicht auch damit zu tun, dass Clinton immer mit dem Selbstverständnis einer "folgerichtigen" Präsidentin aufgetreten war. Als hätte sie das Amt aufgrund ihrer Vita (First Lady, Senatorin, Außenministerin) gleichsam verdient. Und niemand anders. Dabei hat ihr Team übersehen, dass Clinton zwar eine respektierte Grande Dame der Politik war, aber eben auch als Relikt des verkrusteten Systems Washington aus der Vor-Obama-Zeit wahrgenommen wurde. Auch unter Linken. Schon gegen Barack Obama, dem jungen, charismatischen Senator aus Chicago, war sie gescheitert. Und das ist acht Jahre her. 

"Ich habe nur an einer Siegesrede gearbeitet"

Dass Clinton offenbar nie daran gezweifelt hatte, diese Wahl ausgerechnet gegen den rabaukenhaften Politneuling Donald Trump zu verlieren, ließ sie bei CBS immer wieder durchblicken: In der Wahlnacht haderte sie lange damit, ihre Niederlage einzugestehen. Was daran lag, dass sie nichts für diesen Fall vorbereitet hatte. "Stattdessen habe ich an einer Siegesansprache gearbeitet", sagt sie. Trumps umstrittene Amtsantrittsrede kommentiert sie mit den Worten: "Ich weiß eine Menge darüber, wie man als Präsident die Menschen bewegt. Ich ging ja davon aus, zu gewinnen." Und die Vorbereitungen für den Tag ihrer Amtseinführung waren schon so weit gediehen, dass neben dem Kongressgebäude Zimmer für den ersten Schwung an Mitarbeitern des Weißen Hauses angemietet worden waren.

Aber woran es nun lag, dass das für sie Unvorstellbare doch eingetreten ist, erklärte sich die Ex-Kandidatin im Wesentlichen mit vier Punkten:

  • die gehackten Server der Demokratischen Partei: Amerikanische Geheimdienste gingen (und gehen immer noch) davon aus, dass Moskau versucht hat, Einfluss auf die Wahl zu nehmen - zugunsten Trumps. Dazu sei in die Rechner der Parteiführung eingedrungen als auch falsche Information in Umlauf gebracht worden. Clinton dazu nebulös: "Die Kräfte die da am Werk waren enorm, mit nichts zu vergleichen, was ich je erlebt habe. Es war der perfekte Sturm."
  • Bernie Sanders: In ihrem Buch schreibt sie, dessen Attacken hätten großen Schaden angerichtet, weil dadurch die Einheit der progressiven Kräfte verhindert worden sei. Bei CBS aber räumt sie ein, dass sie denjenigen, die besonders unter der Finanzkrise gelitten haben, nicht mit politischen Plänen, sondern mit Mitgefühl hätte begegnen müssen. Vermutlich hat sie Recht, und dennoch muss sie sich auch vorwerfen lassen, die unerwartet große Bewegung um Sanders ignoriert zu haben. Statt ihn oder Teile seiner Ideen in ihren Wahlkampf zu integrieren, hat die Parteiführung massiv versucht, ihn auszubooten.
  • der "Basket of deplorables": Als "Korb der Erbärmlichen" bezeichnete Clinton Donald Trump und seine Anhänger im Wahlkampf. Das Wort aber wurde von den Fans des Milliardärs prompt geentert und als Auszeichnung verwendet. "Ich fand, Trump verhielt sich erbärmlich. Vieles, was seine Anhänger taten war erbärmlich. Aber das hat sie nicht gestört, sie waren schon zuvor aufgeputscht." Dennoch räumt sie ein: "Es tut mir leid, aber ich habe ihm ein politisches Geschenk gemacht."
  • die E-Mail-Affäre: In ihrer Zeit als Außenministerin hatte sie amtliche Korrespondenz über einen privaten E-Mail-Server laufen lassen. "Das war mein größter Fehler", so Clinton bei CBS. Ich habe schon immer gesagt, dass das in meine Verantwortung fällt. Aber die Angelegenheit wurde in einer derart negativen Art und Weise dargestellt, davon konnte ich mich nicht mehr befreien." Der Hauptschuldige ist für sie der damalige FBI-Chef James Comey: "Elf Tage vor der Wahl erweckte er den Eindruck, die Ermittlungen wegen der E-Mails würden wieder aufgenommen. Das hat mir den Schwung genommen." Was sie offenbar besonders ärgert: Zu dem Zeitpunkt hatte die US-Bundespolizei schon wegen Trumps möglicher Verbindungen nach Russland ermittelt, doch das sei kein Thema gewesen, so Clinton.

Sie verlor wegen 80.000 Stimmen

Dass Hillary Clinton und ihr Wahlkampfteam Fehler gemacht haben, ist offensichtlich. Die E-Mail-Affäre hat sie Stimmen gekostet, der Spruch von den "Deplorables" hat sie Stimmen gekostet, aber entscheidender dürften noch andere Punkte gewesen sein. Punkte, die sie weder in ihrem Buch noch bei CBS einräumen konnte und wollte. Außer ihrem Auftreten als die "natürliche" nächste US-Präsidentin und ihrem Umgang mit Bernie Sanders, erwähnt Clinton nicht die schmachvolle Niederlage in Michigan, Wisconsin und Pennsylvania. Obwohl sie landesweit drei Millionen Stimmen mehr als Donald Trump bekommen hatte, waren es gerade einmal 80.000 Trump-Stimmen in diesen drei Bundesstaaten, die sie den Sieg gekostet haben.

Offenbar gingen sie und die Wahlkampfmanager davon aus, dass sich Auftritte hier nicht lohnen, weil sie ohnehin fest in demokratischer Hand sind. Ein Trugschluss. Denn im "Rust Belt", dem früheren Stahlzentrum der USA, sind die alten Jobs verschwunden und neue nicht Aussicht - anders als in vielen anderen Orten der Vereinigten Staaten. Während Clinton sich nicht einmal Mühe gab, den Menschen dort Hoffnung zu machen, versprach Trump mit massiver Präsenz das Blaue vom Himmel.

Clinton-Lager hätte gewarnt sein müssen

Aber vielleicht hätte es schon gereicht, früh genug die Augen zu öffnen. Denn allein die Tatsache, dass ein Novize wie Trump im Alleingang 16 republikanische Gegenkandidaten ausschaltet und die mit allen Wassern gewaschenen Super-Polit-Profi Clinton Monate vor der Wahl das Leben vor sich hertreiben kann, hätte das Clinton-Team hellhörig werden lassen müssen. 


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker