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Hillary Clinton: Huldigung mit kaltem Herzen

Clinton hat's getan. Auf dem Parteitag der US-Demokraten in Denver hat die geschlagene Kandidatin ihr Haupt vor Barack Obama gebeugt. Sie rief ihre Anhänger auf, ihn zu unterstützen - allerdings leidenschaftslos. Obamas Konkurrent John McCain säte weiter Zwietracht unter den Demokraten.

Von Jan-Christoph Wiechmann, Denver

Nach 20 Sekunden hat Hillary Clinton ihre Mission erfüllt. "Ich fühle mich geehrt, heute Abend hier zu sein", sagt sie. "Eine stolze Mutter. Eine stolze Demokratin. Eine stolze Amerikanerin. Und eine stolze Unterstützerin von Barack Obama." Ein Aufschrei der Erleichterung geht durch die vollbesetzte Arena in Downtown Denver. Kein langes Herumlavieren also. Keine Selbstbeweihräucherung. Ein klares Bekenntnis gegenüber allen Anhängern, Zweiflern, Reportern, gegenüber 30 Millionen vor den Bildschirmen und gegenüber John McCain: Hillary steht voll hinter Obama. Nun kann sie alles sagen.

Und Hillary Clinton sagt noch eine Menge. Es ist so etwas wie eine Vereinigungsrede. Sie spricht von einem gemeinsamen Kampf, von der Einheit der Partei, und passend dazu strecken die Anhänger und Delegierten Schilder in die Höhe, auf denen "Unity" steht, Einheit. "Barack Obama ist mein Kandidat", ruft sie. "Und er muss Präsident werden."

Keine Hommage an ihren einstigen Konkurrenten

Dann hat sie genug über Obama gesagt. Dann erzählt sie erstmal von Hillary. Und von den Hillary-Anhängerinnen im ganzen Land. Und von den Armen, Unterdrückten, Kranken, Vergessenen, Unsichtbaren, für die Hillary kämpft. Sie wäre nicht Hillary Clinton, wenn es nicht auch um sie selber geht. Sie hat die Nominierung nicht gewonnen. Aber sie hat sich einen neuen Titel gesichert. Champion der Arbeiter und Unterdrückten. Den wird sie noch einmal brauchen. Clinton lässt an diesem Abend keine Zweifel aufkommen an ihrer Loyalität zu Barack Obama, und doch tut sie eines nicht: Sie spricht nicht von Obamas Stärken. Es ist keine Hommage an ihren einstigen Konkurrenten. Sie traut ihm den Umschwung in Washington zu, so wie sie es jedem anderen Demokraten zutraut. Von seinem Talent spricht sie nicht. Nicht vom Charisma. Von seinen Millionen neuen, jungen Unterstützern. Von Obama als "Commander-in-Chief". Es ist keine Rede für Barack Obama. Es ist eine Rede für ihre Anhänger. Für die Partei. Und für sich selbst.

Auch das Thema Erfahrung lässt sie bewusst aus. Sie spricht von den großen Gefahren da draußen in der Welt, Georgien, Russland, Irak, Iran, eine lange Liste. Man fragt sich automatisch, wie der junge Obama damit klarkommt, und eine Antwort gibt sie nicht. Nur wie der Wandel in Washington zustande kommen wird, dafür hat sie ein Rezept, und auch dies ist ein kleiner Seitenhieb gegen Obama: "Demokraten wissen, wie das geht. Wenn ich mich richtig erinnere, haben Präsident Clinton und die Demokraten das schon einmal geschafft. Und Präsident Obama und die Demokraten werden es wieder tun."

Sie bekommt viel Beifall an dieser Stelle. Ganz ohne die Clintons geht es eben nicht. Das will sie noch mal gesagt haben.

Eine perfekt inszenierte Vereinigungsfeier

Es ist die Rede, auf die die Partei gehofft hat. Einige Obama-Anhänger bleiben regungslos sitzen und klatschen nur zögerlich, aber es sind wenige. Die meisten im Saal feiern sie, am meisten ein Mann im dritten Rang mit einer roten Krawatte und einem roten Gesicht: Bill Clinton. Und im Lauf der Rede tauchen schließlich immer mehr Obama-Schilder auf und mischen sich mit den Hillary-Schildern und gehen über in ein Schildermeer aus Unity, Hillary, Obama, perfekte Bilder, eine perfekte Choreographie, die Verschmelzung fürs Fernsehen, die Vereinigung vor Mitternacht.

Hillary Clinton ist in diesen Tagen so etwas wie eine Vermittlerin in einem Dauerkonflikt. Auf der einen Seite ist da Obama, den sie zum Sieger machen soll. Und auf der anderen Seite sind Millionen ihrer Anhänger, die die Niederlage gegen Obama noch nicht verkraftet haben. Sie muss sie irgendwie hinüberführen in das Obama-Lager. Sie muss sie trösten und gleichzeitig pushen. Sie muss ein bisschen die Krankenschwester spielen. Seelsorgerin. Aber sie macht es wie eine Clinton: Es muss schon einiges für sie selber dabei herausspringen.

Der ganze Dienstag gehörte ihr. Sie bekam die Rede zur besten Sendezeit am Abend. Die Medien berichten an diesem Dienstag über nicht viel anderes als den Zwist zwischen den Clintons und Obama. Und ihre Anhänger verschaffen sich überall in der Stadt Gehör. Dies ist Obamas Krönungsparteitag, aber irgendwie soll er auch ihr gehören. Ein Fastkrönungsparteitag für Hillary.

Am Nachmittag schon hielt sie eine Versöhnungsrede im Sheraton Hotel, auf Einladung der Frauenorganisation Emily's List. Sie sagte den Frauen, "wir brauchen Barack Obama und Joe Biden im Weißen Haus." Sie sagte, dass Obama und Biden für die Frauen da sein werden. Und dann sagte sie zum Thema Frau im Weißen Haus: "Eines Tages werden wir dieses höchste Ziel erreichen." Sie machte eine Pause. Sie lächelte. Und jeder konnte sich denken, wer das wohl sein wird.

Der Schritt zu Obama fällt Clinton-Unterstützern schwer

Nach ihrer Rede geben sich die meisten ihrer Anhänger einsichtig. Einige tragen Buttons mit dem Aufdruck "Hillary Supporter for Obama". Die Buttons verteilt jetzt das Obama-Team. Sie sollen den Schritt zu Obama erleichtern. Hillarys Fans sagen: "Der Schritt zu Obama fällt mir schwer, aber ich muss ihn machen." Elizabeth Brown, eine Delegierte aus Arizona, nennt es einen "emotional schweren Schritt, aber ohne Alternative. Soll ich etwa John McCain wählen?" So nennen sie es: einen schweren Schritt, einen harten Schnitt, eine bittere Pille, sie benutzen Begriffe aus der Medizin. Es klingt wie eine unangenehme Operation. Eine schwere Geburt.

Doch die Geburt dauert jetzt schon zwei Monate.

Und doch gibt es Delegierte wie Moses Estrada aus Corpus Christi in Texas. Estrada hält während Hillarys Rede sein ausrollbares Schild hoch mit dem Aufdruck "Hillary for President". Nicht einfach nur: Hillary. Sondern: Hillary For President. Eine Ordnerin ermahnt ihn, das Transparent einzurollen. Sie ermahnt ihn etwas heftiger. Sie wollen jetzt die Einheit der Partei. Da dulden sie kein falsches Plakat. Da sind sie so streng wie die Chinesen.

Später im Interview zieht Estrada das Transparent aus seiner Jackentasche wie eine versteckte Waffe. Er lächelt diebisch. "Mal sehen, ob sie bei der Abstimmung am Mittwoch wirklich verliert", sagt Estrada. "Ich werde für sie stimmen." - Aber Obama ist doch der Sieger. "Noch nicht offiziell", sagt Estrada. "Hillarys Name wird aufgerufen, und dann werden wir für sie stimmen." Aber damit senden Sie doch wieder ein Signal der Dissonanz nach draußen. "Ich sage Ihnen mal etwas", entgegnet Estrada. "Ich habe 200.000 Texaner in meinem Wahlkreis zu vertreten. Die sagten zu mir: "Fahr nach Denver und bring uns Hillary als Siegerin."

Hillarys Anhänger haben an einigen Ecken der Stadt Quartier bezogen. Sie verkaufen Brause und Hillary-Schilder und Hillary-Aufkleber. Sie wirken wie eine kleine Armee, die überall Stellung bezieht vor dem großen Angriff, doch sie ernten eher ein müdes Lächeln. Sie werden am Mittwoch noch einmal für Hillary stimmen, bevor Obama zum Sieger erklärt wird. Das soll dann die Katharsis sein. Auch das soll der Parteitag sein: Ein Katharsis-Parteitag.

Vielleicht ist das etwas viel.

Hillary-Anhänger können Obama den Sieg noch nehmen

Obamas Problem ist: Es geht den Hillary-Anhängern nicht nur um Hillary. Es geht ihnen um sich selbst. Sie als Frauen fühlen sich besiegt, gedemütigt, als Opfer von Sexismus. In Hillary sehen sie ihre Anwältin, und nun wurde diese Anwältin besiegt, gedemütigt, das Opfer von Sexismus. So sehen sie das. Sie können so schnell nicht verzeihen.

Was hat Obama ihnen konkret getan? Sie sagen, dass Obama Hillary nie als Vizepräsidentin im Visier hatte, dass er sie nicht mal um Rat bat, dass er ihr nicht hilft, die Schulden abzuzahlen, dass er sie nicht mit Respekt behandelt. Sie bezichtigen das "Good Old Boys Netzwerk", eine Intrige gegen Hillary gestartet zu haben, dabei hat sich Hillary Clinton selbst um den Sieg gebracht. Das erwähnt keine von ihnen.

Die Wahrheit ist einfacher: Sie haben eine Schlacht verloren. Die vielleicht größte Schlacht ihres Lebens. Das tut einfach weh.

Das größte Problem ist: Sie können Obama den Sieg noch nehmen. Sie haben eine Menge Macht. 18 Millionen Demokraten haben in den Vorwahlen für Hillary Clinton gestimmt. Laut einer Umfrage des Fernsehsenders ABC verweigern noch 30 Prozent der Clinton-Anhänger Obama die Unterstützung. Auch Hillarys große Spendeneintreiber machen den Schritt zu Obama nicht mit. Beide Lager hatten auf 50 Millionen Dollar von Hillary-Anhängern für Obama gehofft. Bisher sind es nicht mal zwei Millionen.

Genau darauf setzt McCain. Er will die Hillary-Fans für sich gewinnen. Er lässt derzeit Wahlspots senden mit den Worten Hillary Clintons, die sie vor einigen Monaten sprach: "Ich weiß, dass Senator John McCain über sehr viel Erfahrung verfügt, die er mitbringt ins Weiße Haus. Senator Obama hat nur eine Rede zu bieten, die er 2002 hielt." McCains Team lässt in Denver auch Treffen veranstalten mit dem Titel: "Hillary-Wähler für McCain". So will er Obama den Parteitag entreißen. Er will den Zwist am Laufen halten.

Nach der Rede gestern Abend dürfte das etwas schwerer werden.