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Historische Erfahrungen: Begeisterung nutzt sich schnell ab

Nach Jahrzehnten brutaler Unterdrückung neigen die Menschen im Irak förmlich dazu, unterwürfig zu sein. Wenn aber die Versprechen von Frieden und Wohlstand nicht schnell eingelöst werden, kann die öffentliche Stimmung umkippen. Abschreckendes Beispiel: Somalia.

Freudenkundgebungen zur Ankunft von US-Truppen gab es auch 1992, als Marine-Infanteristen in die Hauptstadt von Somalia einzogen. Ein paar Monate später zogen die gleichen Einwohner ebenso begeistert die Leichen toter US-Soldaten durch die staubigen Straßen von Mogadischu. Die Geschichte kennt einige Beispiele, dass sich der Jubel für Besatzungstruppen schnell abnutzt.

Die Bilder von den jubelnden Menschenmassen in Bagdad, von der Zerstörung der Symbole von Saddam Husseins Macht, lösten in Washington tiefe Befriedigung aus. Aber in Basra, das britische Truppen seit Montag besetzt halten, sind die Bewohner bereits jetzt verärgert, dass ihre "Befreier" nicht in der Lage sind, Plünderungen und Rechtlosigkeit zu unterbinden.

Zwei Jahrzehnte lang brutale Unterdrückung

Die irakische Gesellschaft ist mehr als zwei Jahrzehnte lang brutal unterdrückt worden. Da neigten die Menschen bei der Ankunft von siegreichen Truppen dazu, unterwürfig zu sein, erläutert die Anwältin Sandra Mitchell von der Hilfsorganisation International Rescue Committee, die an Einsätzen in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo mitgewirkt hat. In der Hoffnung auf Nahrung, Kleidung und Unterkunft kämen sie den Truppen mit offenen Armen entgegen.

Als die israelische Armee 1982 in Libanon einmarschierte, um palästinensische Guerillagruppen zu bekämpfen, wurde sie von schiitischen Muslimen mit Reis und Willkommensrufen begrüßt. Und als britische Soldaten 1969 in den Bürgerkrieg in Nordirland eingriffen, kamen ihnen Katholiken mit Tee und Kuchen entgegen. "Aber als sie begannen, Kontrollstellen zu errichten, Stacheldrahtrollen zu verlegen und die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung einzuschränken, änderte sich die Einstellung", sagt Mitchell.

"Wo ist die Befreiung?"

Auch in Irak ist zu erwarten, dass die US-Truppen im Interesse des eigenen Schutzes die Bewegungsfreiheit der Menschen noch mehr einschränken könnten, als es unter Saddam Hussein der Fall war. "Die Mehrheit der Bevölkerung will einfach ihr Leben weiterführen", meint Mitchell. "Aber wo ist die Befreiung, wenn sie sich nicht frei bewegen dürfen?"

Das frühe Stadium einer Besetzung ist besonders kritisch. In diesen ersten Wochen suchen regionale und lokale Machthaber ebenso ihre Chance wie Untergrundkämpfer und Kriminelle. Sie werden versuchen, die Grenzen der Toleranz der neuen Herren auszuloten.

Die öffentliche Stimmung kippt oft gegen die Besatzungsmacht um, wenn die Versprechen von Frieden und Wohlstand nicht schnell eingelöst werden. "Wir wissen nicht, welche Erwartungen es gibt", sagt Russell Glenn vom Forschungsinstitut Rand. Aber es sei kaum zu vermeiden, dass nicht alle Erwartungen erfüllt würden.

Aus Erfahrungen in Afghanistan und Bosnien lernen

Afghanistan könnte die Schablone für das sein, was im Irak zu erwarten ist. Nachdem die US-Streitkräfte im Bund mit der afghanischen Nordallianz das Taliban-Regime aus Kabul vertrieben hatten, zeigten die Fernsehkameras Bilder von glücklichen Männern, die sich ihre Bärte abrasierten und von Frauen, die ihr Schleiergewand ablegten. Aber mehr als ein Jahr danach kommt es im Südosten des Landes immer wieder zu Kämpfen. Und die mit Unterstützung der USA eingesetzte Regierung kritisiert militärische Einsätze amerikanischer Truppen, bei denen die Zivilbevölkerung zu Schaden kommt. Erst am Mittwoch wurden elf Menschen getötet, als ein US-Flugzeug irrtümlich ein Haus bombardierte.

Die gleichzeitige Beteiligung von Soldaten an militärischen Einsätzen wie an humanitärer Hilfe führt nach Einschätzung der Hilfsorganisation Care dazu, dass sich die Grenzen zwischen Helfern und Soldaten verwischen. In Kandahar und anderen Orten hätten die afghanischen Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen anonyme Briefe erhalten, in denen sie aufgefordert würden, sich nicht länger mit westlichen Organisationen einzulassen, erklärte Care.

Auch in Irak koordinieren die US-Streitkräfte die humanitäre Hilfe und kontrollieren den Zugang von Hilfsorganisationen ins Land. Zusammen mit anderen Organisationen ruft Care dazu auf, dass die Bemühungen um den Wiederaufbau Iraks in zivile Hände gegeben werden.

Abschreckendes Beispiel: Somalia

Dass der Versuch scheitern kann, mit einer ausländischen Armee eine Demokratie zu errichten, zeigt exemplarisch der Fall Somalia. Das UN-Mandat für die Entsendung internationaler Truppen sollte den Bürgerkrieg eindämmen, der das Land in eine dramatische Hungersnot geführt hatte. Der von den USA angeführte Einsatz betrieb die Bildung einer Koalitionsregierung mit der Einbeziehung ehemaliger Gegner. Diese zerstritten sich schnell, neue Kämpfe flammten auf, und die ausländischen Truppen wurden 1993 abgezogen. Seitdem gibt es in Somalia keine stabile politische Ordnung.

Die historischen Gegenbeispiele haben Deutschland und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg geliefert. Auch nach der NATO-Intervention von 1996 in Bosnien-Herzegowina ist es zumindest nicht wieder zu offenen Kämpfen zwischen Serben, Muslimen und Kroaten gekommen. Die Aufteilung des Landes nach ethnischen Grenzlinien im Dayton-Abkommen gilt zwar nicht als optimale Lösung. Aber die erzwungene Trennung der Kampfgruppen hat das Land wieder zu einem relativ sicheren Ort für die Zivilbevölkerung gemacht.

Mark Fritz