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Kommunikationssperre, Verhaftungen, Tote: In Kaschmir droht ein jahrzehntelanger Konflikt zu eskalieren

Dreimal führten Indien und Pakistan Krieg um Kaschmir. Nie wurden die Bewohner nach ihrem Willen gefragt. Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit hat sich der Konflikt in den letzten Jahren verschärft. Nun droht die Eskalation – und beide haben Atomwaffen.

Ein Mann schlägt in der pakistanischen Stadt Quetta, auf ein brennendes Bild des indischen Premierministers Modi ein

Ein pakistanischer Mann schlägt in Pakistan, Quetta, auf ein brennendes Bild des indischen Premierministers Modi ein

DPA

Ein einziges Wort schrieb ein Bekannter an die aus Kaschmir stammende Guardian-Journalistin Mirza Waheed: "Falasteen". Das ist Urdu für Palästina.

Und tatsächlich ist ein Fazit aus der sich entwickelnden Konfliktsituation in der Region zwischen Indien und Pakistan: Nichts hier ist einfach zu lösen. Und alles kann der Funken sein, der einen neuen Krieg auslöst.

Dreimal führten Indien und Pakistan Krieg – nie wurden die Bewohner nach ihrem Willen gefragt

Um die Schwere der Situation zu verstehen, sollte man etwas in die Geschichte von Kaschmir zurückgehen. Seit 1947 warten die Bewohner Kaschmirs auf ein Referendum, das nach der Unabhängigkeit von Indien und Pakistan laut UN-Verhandlungen vereinbart war. Stattdessen wurde die Grenze zwischen dem indisch verwalteten Kaschmir und dem pakistanischen Gegenpart so verstärkt, dass sie heute eine der am stärksten militarisierten Übergänge der Welt geworden ist. 

Spannungen zwischen Indien und Pakistan - Der Kaschmir-Konflikt im Überblick: Ein jahrzehntelanger Streit droht zu eskalieren

Srinagar, Indien: Ein indischer paramilitärischer Soldat feuert bei einem Protest gegen Razzien durch den indischen Geheimdienst in Kaschmir eine Tränengasgranate ab

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Dreimal führten Indien und Pakistan Krieg um diese Region, das letzte Mal 1999. Keinmal wurden die Bewohner nach ihrem Willen gefragt. Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit verschärfte sich der Konflikt in den vergangenen Jahren. 2016 wurde der Anführer der militanten Freiheitsbewegung Burhan Wani ermordet. Aus der Bewegung für ein unabhängiges, mehrheitlich muslimisches Kaschmir wurde unter dem Eindruck des Islamischen Staates ein Ruf nach einem Kalifat. Vor allem junge Männer im indisch dominierten Kaschmir begriffen sich als Dschihadis.

Indien und Pakistan: Gegenseitige Beschuldigungen

Am 14. Februar ermordeten Anhänger dieser Ideologie 40 indische Soldaten. Die Toten kamen aus 16 indischen Staaten, Begräbnisse wurden überall in Indien übertragen. Dies in einem Land, das gerade erst die hinduistisch-nationalistische Regierung Norendra Modis wieder gewählt hat. Eine Mehrheit der Inder will die starke Faust gegen Minderheiten und vor allem gegen Muslime sehen. 

Indien wiederum beschuldigt für das Erstarken der Dschihadis in Kaschmir den alten Gegner Pakistan. Nicht ohne Grund: Pakistans Geheimdienst ist stets einer der starken Unterstützer extremistischer Bewegung, nicht zuletzt der Taliban in Afghanistan, und generell nicht abgeneigt, Unruhe und Chaos auch über die Grenze gen Indien und Kaschmir zu sähen. 

Ein maskierter Demonstrant springt auf ein gepanzertes Polizeifahrzeug, als er bei Protesten in dem von Indien kontrollierten Kaschmir Steine auf das Fahrzeug wirft. 

Ein maskierter Demonstrant springt auf ein gepanzertes Polizeifahrzeug, als er bei Protesten in dem von Indien kontrollierten Kaschmir Steine auf das Fahrzeug wirft. 

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Noch im Februar bombardierten sich Indien und Pakistan, Kampfflugzeuge wurden abgeschossen, Pakistan nahm einen indischen Piloten gefangen. Der wurde am 1. März frei gelassen und seine Ankunft im indischen Kerala hatte die höchsten Fernseheinschaltquoten Indiens innerhalb von zwei Wochen – das Land steht geschlossen hinter dem harten Kurs seines Premiers.

Damals sagte der pakistanische Premierminister Imran Khan: "Mit den Waffen, die Indien hat, und den Waffen die wir haben – können wir es uns da leisten, uns zu verrechnen?" Und spielte damit auf die Atomsprengköpfe an, die beide Nationen vorhalten. 130 bis 140 auf indischer Seite. 140 bis 150 auf pakistanischer.

Die Wortwahl wird schärfer

Die Rhetorik hat sich nun, nach der De-Facto-Annexion des indisch dominierten Teils von Kaschmir durch die Regierung in Delhi, merklich geändert. "Wir werden den Indern eine Lektion erteilen", heißt es jetzt aus dem Munde Khans.

Und der indische Premier Modi teilt der Welt via Rede anlässlich der Unabhängigkeitsfeierlichkeiten in diesen Tagen mit, dass er Korruption und Separatismus mit den neuen Gesetzen bekämpfe, die den Sonderstatus von Kaschmir beenden und die Region de facto zu zwei Provinzen Delhis macht. Außerdem, so sagte er, werden Frauen, Kinder und Unberührbare in Kaschmir diskriminiert – was angesichts der Situation vieler Frauen, Kinder und Unberührbaren in Indien wie Hohn klingt. 

Soldaten laufen bewaffnet über eine Straße in Kaschmir.

Nun stehen sich in Kaschmir die hinduistischen Nationalisten und die mehrheitlich muslimischen Bewohner Kaschmirs gegenüber. Und darüber hinaus lauert ein Konflikt mit Pakistan, sollte Indien seinen Anspruch auf Kaschmir über den bisher bereits von Indien dominierten Teil ausdehnen wollen.

Millionen leben in Kaschmir ohne Internet, Telefon und Medikamente

Währenddessen leben Millionen Menschen in Kaschmir ohne Internet, Telefon und bald auch ohne Medikamente. Schon jetzt melden Apotheken Engpässe, viele Arbeiter haben seit mehr als einer Woche nichts verdient und können sich bereits kaum mehr Essen leisten. Hunderte Menschen wurden verhaftet, darunter viele auch prominente und durchaus Indien-freundliche Politiker.

Und dann gibt es dieses eine Wort: "Falasteen", Palästina. Ein Volk, abgeschnitten von der Welt, ohne Hoffnung auf eine Zukunft. Es wäre das zweite Mal, dass die Staatengemeinschaft eine solche Entwicklung nicht verhindern kann.