Interview "Araber verstehen nur Stärke"


Der Lieblingshistoriker der US-Administration Victor Davis Hanson über die Bush-Doktrin und Amerikas neue Rolle in der Welt.

Herr Hanson, Sie werden vom Präsidenten ins Weiße Haus eingeladen und Ihre Essay-Sammlung "An Autmn of War" ist die erklärte Lieblingslektüre von Vizepräsident Dick Cheney. Hören die mächtigsten Männer der Welt auf Sie?

Nein, so ist das nicht. Cheney ist clever und intelligent genug. Der braucht mich nicht als Berater oder Mentor. Ich denke, dass sie mich vielleicht als eine Art Sprachrohr betrachten. Ich stamme aus Kalifornien, bewirtschafte nebenbei noch eine Farm und repräsentiere - genau wie die meisten in der Regierung - eben nicht das Ostküsten-Establishment, sondern das ländliche Amerika. Und diesen Ton scheinen sie zu schätzen.

Dieser Ton ist rau und rücksichtslos gegenüber dem Rest der Welt. Sie predigen nach dem 11. September amerikanische Alleingänge. Warum diese Rambo-Politik?

Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Da spielte eine griechische Fußballmannschaft kurz nach dem 11. September 2001, und während einer Gedenkminute pfiffen 30000 Menschen. Sie buhten Amerika aus, das gerade Tausende Opfer zu beklagen hatte. Im Nahen Osten feierten die Leute sogar auf den Straßen. Das löste bei uns Amerikanern das Gefühl aus: "Wir sind allein. Wir können uns nur auf uns selbst verlassen. Und wir müssen sicher- gehen, dass sich so etwas nie wiederholt."

Und dafür war es richtig, die UN und die Weltgemeinschaft zu ignorieren?

Moment. Schauen Sie bitte mal genau auf den UN-Sicherheitsrat: Die Chinesen schlucken Tibet - niemand sagt etwas. Die Russen marschieren in Tschetschenien ein und töten dort 80000 Muslime - und keiner demonstriert. Milo?evi? ermordet im Hinterhof Europas 200000 Menschen - keine Reaktion der UN. Damit sind wir beim springenden Punkt: Niemand in Europa hat etwas gegenAlleingänge im Allgemeinen. Sondern nur gegen amerikanische. Und das halten wir für ungerecht.

Und wohin sollen Amerikas Alleingänge führen?

Klarheit und Ehrlichkeit in die Politik zu tragen. In den Beziehungen zu Europa stehen wir an der Schwelle zu einem revolutionären Wechsel. Europa wird endlich seine Chance bekommen, sich politisch und militärisch zu emanzipieren. Es war bislang doch so wie der Teenager, der zu seinen Eltern sagte: "Ich will jetzt unabhängig sein." Und wenn dann das geborgte Auto eine Panne hatte, rief er zu Hause an und sagte: "Könnt ihr vorbeikommen und den reparieren?" Nun müsst ihr Europäer selbst reparieren. Warum sollen wir uns noch einmischen, wenn die einzige Reaktion Kritik von allen Seiten ist?

Kritik unter Freunden ist verboten?

Natürlich nicht. Aber es ist eher eine Frage des "Wie". Für uns ist es befremdlich und tragisch, dass Deutschland sich im Fall Irak so entschieden gegen unsere Regierung gestellt hat. Ihr hättet ja sagen können: "Uns gefällt nicht, was die Amerikaner da machen, aber der 11. September hat sie eben total verstört. Lasst uns diese naiven Cowboys mit unserer weiseren Weltsicht beraten, aber enthalten wir uns der Stimme in den UN." Schröder und Chirac wollten leider die Situation politisch bis zum Äußersten ausbeuten.

Ist der Riss zwischen Europa und Amerika nicht eher ein Kommunikationsproblem? Rumsfeld und Bush sprechen eine Sprache, die Europäer als arrogant empfinden.

Das mag sein. Vergessen Sie nicht, Bush ist ein Produkt der Ostküsten-Elite, genauso wie sein Vater. Sie müssen sich klar machen, dass er fast bewusst seine Herkunft und Erziehung verleugnet hat, als er nach Texas gezogen ist. Er hat den Südstaaten-Akzent angenommen und sich entschlossen, nicht wieder an die Ostküste zurückzukehren. Er hatte in Yale und Harvard ziemlich bittere Erfahrungen gemacht. Diese spitzfindige und teilweise gönnerhafte Art des Ostküsten-Establishments gegenüber den Menschen in Texas hat seine Art zu denken geprägt - und ihn auf die Seite der Texaner gebracht. Das erklärt vieles.

Es erklärt aber nicht, was sich die Menschen in der ganzen Welt fragen: Warum gerade Irak und warum jetzt?

Es gibt da eine emotionale und rationale Ebene. Da war natürlich zunächst einmal der 11. September. Und wenn man von Extremisten im Nahen Osten weiß, die Tausende von Amerikanern töten wollen, dann liegt der Schluss nah: Diese Leute werden sich Massenvernichtungswaffen besorgen. Und welches Land ist in der Lage, solche Waffen herzustellen und sie zu liefern? Da kommt man schnell auf den Irak. Das ist die emotionale Seite.

Und die rationale?

Die Menschen im Irak litten unter Saddam und unter UN-Sanktionen. Zwölf Milliarden Dollar für 350000 Aufklärungsflüge über irakischem Luftraum, um die Kurden zu schützen - das war auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten. Man musste Saddam bedeuten: Unsere Geduld war zu Ende.

Der Irak-Krieg als Kosten-Nutzen-Rechnung?

Nein. Wir haben es doch lange genug versucht mit Geduld und Diplomatie. Die Botschaftsbesetzung im Iran, die Bomben auf unsere Botschaften im Libanon und in Afrika, der erste Anschlag auf das World Trade Center, die Attacke auf die "USS Cole" im Jemen. Irgendwann reicht es dann. Ohne den 11. September würden wir nicht erleben, was wir jetzt sehen. Nine-Eleven war ganz gewiss der Katalysator. Sicher, einige wollten die Invasion schon lange vor den Anschlägen. Aber die fanden erst mit den Attacken Gehör.

Militärisch ist dieser Krieg schnell zu Ende gewesen. Aber ist es auch der große Sieg?

Wir Amerikaner sehen das viel realistischer als viele Europäer: Wenn dieser Krieg ein Jahr gedauert hätte, mit Zehntausenden von Opfern, wäre es die größte Niederlage seit Vietnam geworden. Mit unseren Truppen binnen drei Wochen in Bagdad, mit relativ wenigen Opfern, glücklich befreiten Irakern und womöglich mit dem Beweis, dass der Irak sehr wohl im Besitz von Massenvernichtungswaffen war, ist das ein großer Erfolg für die USA.

Der Kampf um die Herzen der Araber hat mit dem Fall Bagdads erst begonnen. Kann Amerika ihn gewinnen?

Ja. Wenn wir etwas wie Demokratie wollen, können wir nicht länger etwa ein so mittelalterliches Regime wie in Saudi-Arabien unterstützen. Diese Partnerschaft basierte auf einem Rundum-Antikommunismus und der Sicherung der Erdölversorgung. Beides ist heute nicht mehr so wichtig.

Und was macht Sie so sicher, dass nach der Befreiung des Irak die Terrorgefahr nicht noch größer ist als vorher?

Wir Amerikaner hielten Saddams Regime für ein Krebsgeschwür. Sobald man es herausschneidet, sterben auch seine Wucherungen ab.

Viele Europäer fürchten, dass mit diesem Angriff auf eine islamische Nation der Terrorismus noch mehr Zulauf erhält.

Ich weiß, ihr Europäer denkt, wir stechen in ein Wespennest. Wir hingegen sind der Meinung, dass wir es mit dem Krieg ausräuchern. Mein historisches Verständnis ist, dass die Araber - da hat Osama bin Laden wenigstens einmal Recht - nur ein starkes Pferd respektieren. Seit dem 11. September hatten wir keinen größeren terroristischen Akt mehr. Und zwar vor allem deshalb, weil zum ersten Mal seit langem die arabische Welt Amerika für unberechenbar und fast ein bisschen verrückt hält und weiß, dass die Reaktion auf ein neues Attentat so brutal wäre, dass es kaum auszumalen ist.

Die Falken im Pentagon haben schon ihre Pläne bereitliegen für die nächsten Feldzüge. Erst Irak, dann Iran und Syrien.

Kein Zweifel, das Regime in Teheran ist schlimm. Das heißt aber nicht, dass wir den Iran zwangsläufig angreifen müssen. Ich glaube, wenn wir die Probleme im Irak und in Afghanistan gelöst haben, sollten wir einmal tief durchatmen und hoffen, dass der Iran keine Atomwaffen bekommt.

So wie Nordkorea.

Wir könnten natürlich militärisch damit fertig werden, gar kein Zweifel. Nur, nach unseren jüngsten Erfahrungen mit der Türkei, mit Europa und mit Südkorea sagen die Amerikaner: "Unsere Militärbasen dort drüben sind für uns ein Klotz am Bein." Amerika will nicht länger andere Länder zwingen, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollen. Sollen doch die Südkoreaner selbst mit ihren Brüdern im Norden klarkommen, wenn sie das wünschen. Wir haben unsere Raketen-Abwehrsysteme, uns bedroht das verrückte System in Nordkorea nicht direkt.

Wie hoch ist denn in diesen Zeiten der Bush-Doktrin die Schwelle für eine militärische Intervention der USA?

Viel höher als zum Beispiel die der Briten im Falkland-Krieg gegen Argentinien, wo sich - wie jemand so richtig sagte - zwei Glatzköpfe um einen Kamm stritten. Wenn ein Land in der Vergangenheit Terror angewendet und seine Nachbarn angegriffen hat und wir überzeugt sind, dass es mit Terroristen zusammenarbeitet, dann bitten wir um ein UN-Mandat, um es zu entwaffnen, besonders dann, wenn dieses Land bis dahin UN-Resolutionen umgangen hat. Im Irak hatten wir zwölf Jahre und 16 UN-Resolutionen Geduld. Als dann immer noch nichts passierte, haben wir gehandelt. Aber wir gehen nirgendwohin, um Menschen abzuschlachten, wie es die Russen in Tschetschenien oder die Syrer im Libanon machten. Darüber hat sich niemand aufgeregt. Nur über uns empört man sich.

Womöglich, weil wir an unsere Freunde, die für Freiheit und Demokratie eintreten, einen strengeren Maßstab anlegen.

Wir halten diesen Standpunkt für opportunistisch. Kritisiert doch so mal die Chinesen oder die Russen, dann fragen die nur zurück: Wie viele Atomraketen habt ihr? Uns kann man angreifen, weil unsere liberale Tradition Kritik erlaubt. Das solltet ihr in Europa nicht vergessen.

Interview: Teja Fiedler/Michael Streck print

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