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Interview: "Nordkorea ist die größte Bedrohung"

Der Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde Mohamed El Baradei sieht den Beginn eines neuen nuklearen Wettrüstens. Nordkorea, der Iran und auch die USA treiben ein gefährliches Spiel.

Das Interview mit Mohamed El Baradei führten die stern-Redakteure Katja Gloger und Hans-Hermann Klare

Herr El Baradei, in Peking beginnen die Gespräche mit Nordkorea über das Atomwaffen-Programm des Landes. Russland bereitet bereits Flüchtlingslager für den Fall eines Kriegs an der Grenze in Sibirien vor. Stehen wir kurz vor einem Atomkrieg?

Nordkorea stellt zur Zeit die größte Bedrohung dar. In Nordkorea kommt beinahe alles Schlimme zusammen: Das Land steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Die Menschen hungern. Die US-Armee steht sozusagen nebenan, in Südkorea. Nordkorea will überleben. Dazu braucht es Sicherheitsgarantien und Wirtschaftshilfe. Und um diese Hilfe zu bekommen, pokert Kim Jong Il mit der Atombombe? Ich glaube, einer wie er hat eine wahnsinnige Angst vor einem Regimewechsel...

...wie gerade im Irak geschehen...

Er versucht jetzt, das Maximum für sich herauszuschlagen. Diese nukleare Erpressung zeigt uns eine sehr bedrohliche Entwicklung: Gegen den Irak wurde wegen angeblicher Massenvernichtungswaffen Krieg geführt. Aber mit Nordkorea gibt es Gespräche. Und zwar wegen ihres Atom-Programms. Das fordert geradezu zur Nachahmung auf.

Besitzt Nordkorea die Atombombe?

Wir wissen es nicht ganz genau. Es spielt aber auch keine Rolle. Denn wir wissen, das Land besitzt waffenfähiges Plutonium. Damit kann es Atombomben bauen, und zwar innerhalb weniger Monate. Und die Raketen dazu besitzt es auch.

Das klingt so, als sei die Gefahr sehr akut.

Die Welt ist gefährlicher geworden. Wir fühlen uns heute viel unsicherer als noch zu Zeiten des Kalten Krieges. Viele Staaten fühlen sich bedroht - vor allem in Konfliktregionen wie Südostasien oder im Nahen Osten. Dort müssen wir davon ausgehen, dass Israel die Atombombe besitzt - und alle anderen Länder der Region fühlen sich schutzlos ausgeliefert.

Wie groß ist die Gefahr, dass sich Massenvernichtungswaffen über die ganze Welt verbreiten?

Früher galten Atomwaffen der Abschreckung, sie waren der allerletzte Schritt...

...bei dem die gegenseitige Vernichtung garantiert war.

Ja. Heute wird bereits ernsthaft darüber diskutiert, dass man Atomwaffen einsetzen kann. In den vergangenen zehn Jahren sind mindestens zwei neue Atommächte entstanden: Indien und Pakistan, zwei Länder, die zutiefst verfeindet sind. Heute sind Atomwaffen begehrter denn je. Auch Diktatoren wollen überleben.

Gilt das auch für das Regime der Mullahs im Iran?

Seit Jahren überprüfen UN-Inspektoren dort die Anlagen. Dennoch wurde vor knapp einem Jahr eine geheime Nuklearanlage in der Stadt Natanz entdeckt - von der Ihre Leute nichts wussten.

Arbeitet der Iran an Atomwaffen?

Das überprüfen wir gerade.

Die Anlage in der Wüste bei Natanz dient der Anreicherung von Uran. Warum wurde ihr Bau geheim gehalten, wenn es sich offiziell um eine zivile Anlage handelt?

Natanz ist tatsächlich der kritischste Punkt unserer Kontrollen. Hier kann man waffenfähiges Material herstellen. Wir haben Proben genommen. Dabei fanden wir an den Zentrifugen Spuren hochangereicherten Urans...

...neben Plutonium der Grundstoff für die Atombombe.

Dies beunruhigt uns sehr. Sollte sich herausstellen, dass Iran sein Atomprogramm nicht für friedliche Zwecke nutzt, könnte dies fürchterliche Folgen haben.

Was sagen Ihnen denn Ihre iranischen Gesprächspartner?

Sie sagen, es handle sich um Gas-Ultrazentrifugen, die bereits bei der Lieferung verschmutzt waren.

Woher kommen die Maschinen?

Das können wir noch nicht sagen.

Pakistan gilt als einer der Hauptlieferanten für das iranische Nuklearwaffenprogramm.

Wir können das nicht ausschließen. Der Iran muss alles offen legen und mit uns kooperieren.

Erleben wir gerade den Anfang eines neuen nuklearen Wettrüstens?

Die Technologie ist längst da. Auf dem Schwarzmarkt handeln Länder mit Wissen und den entsprechenden Gütern. Exportkontrollen sind nicht sonderlich erfolgreich. Vor allem aber sind Atomwaffen richtig attraktiv geworden - denn es scheint auf einmal möglich zu sein, sie auch einzusetzen. Wir müssen unsere gesamte Politik des Verbots der Weiterverbreitung von Atomwaffen überdenken.

Dazu haben sich 188 Staaten im Atomwaffensperrvertrag verpflichtet.

Atomwaffen verschaffen Macht. Denen, die sie haben, geben sie vermeintlich mehr Sicherheit. Sie erscheinen mehr und mehr legitim. Sie sind nicht mehr geächtet.

Der US-Senat hat vor wenigen Monaten entschieden, Forschung an sogenannten "Mini-Atombomben" zu finanzieren.

Da wird mit doppeltem Maßstab gemessen. Einerseits heißt es in den USA, die Verbreitung von Nuklearwaffen müsse bekämpft werden. Andererseits perfektioniert man das eigene Arsenal. Das ist nicht hinnehmbar. Denn im Atomwaffensperrvertrag verpflichten sich alle Staaten zur nuklearen Abrüstung, auch die USA. Zur Zeit passiert das Gegenteil. Die US-Regierung verlangt von anderen Staaten, keine Atomwaffen zu besitzen. Und rüstet selbst auf. Dann werden einige wenige Privilegierte unter einem nuklearen Schutzschild stehen - und der Rest der Welt bleibt draußen. In Wahrheit aber gibt es keine guten oder bösen Massenvernichtungswaffen. Wenn wir nicht aufhören, mit zweierlei Maß zu messen, werden wir viel mehr Nuklearmächte haben. Wir stehen an einem Wendepunkt.

Brechen die USA mit ihrem neuen Rüstungsprogramm den Vertrag, auf dessen Einhaltung sie bei anderen so pochen?

Noch geht es nur um Forschung. Aber das ist schlimm genug. Ich glaube, es entspricht nicht dem Vertrag, den sie unterzeichnet haben.

Amerika heizt damit das nukleare Wettrüsten erst richtig an?

Die fünf Atommächte müssen eine klare Botschaft an die Welt senden: Auch wir rüsten ab. Wir entwickeln keine neuen Atomwaffen. Entweder nehmen wir die Gefahr der Weiterverbreitung wirklich ernst. Oder wir müssen mit den Konsequenzen leben. Bislang agieren wir bestenfalls wie die Feuerwehr. Heute der Irak, morgen Nordkorea, übermorgen der Iran. Und dann?

Aber die USA glauben, sich mit der nuklearen Drohung wirkungsvoll vor Terroristen schützen zu können - und nicht mit Verträgen, die ja doch keiner einhält.

Die Verträge sind doch immer nur halbherzig unterstützt worden. Außerdem gibt es eine Menge anderer, sehr wirkungsvoller Waffen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass man den Terror allein militärisch bekämpfen kann. Die Ursachen liegen in Armut, sozialer Ungerechtigkeit, in der Unterdrückung der Menschenrechte in brutalen Diktaturen. In Diktaturen, die sich Massenvernichtungswaffen zulegen.

Das ist Ihre Vision. Wie wollen Sie die Gefahren abwenden, die heute existieren?

Wir brauchen mehr Rechte für UN-Inspektoren. Sie müssen unangemeldet und ungehindert Zugang zu allen Anlagen erhalten. Wissen Sie, wie viele Staaten das entsprechende Protokoll unterzeichnet haben? Gerade einmal 35 von 188.

Und wenn alle unterschrieben haben?

Die Staaten sollten sich dazu verpflichten, ihre Uran-Anreicherungsanlagen unter internationale Kontrolle zu stellen. Dies ist die Schlüsseltechnologie auf dem Weg zu Atomwaffen. Sanktionen verzögern nur, sie verhindern die Beschaffung von Massenvernichtungswaffen nicht. Und wir brauchen endlich harte Exportkontrollen.

Wie schnell können Terroristen eine "schmutzige Bombe" herstellen?

Das ist nicht sonderlich schwer. Man braucht TNT und dazu einen radiokativen Stoff. Es gibt eine Menge radioaktiver Quellen in der Welt, die nicht ausreichend gesichert sind. Schmutzige Bomben sind keine Massenvernichtungswaffen. Sie sind Waffen des Massenterrors.

Wer soll für den Kampf gegen den Atomterror die Verantwortung übernehmen?

Auch das geht nur mit der Weltgemeinschaft. Doch die Macht der Vereinten Nationen ist heute begrenzt. Der UN-Sicherheitsrat darf kein Club der Atommächte bleiben. Er muss um Länder wie Japan, Deutschland, Indien, Brasilien erweitert werden. Und es hilft auch nicht, sich seinen Weg mit Gewalt zu ebnen. Das erleben wir ja gerade im Irak. Dort verlieren wir alle: die USA, die Vereinten Nationen - und wieder einmal die Iraker selbst. Im Irak sind die Vereinten Nationen keine moralische Autorität.

Weshalb?

Mit dem UN-Wirtschaftsembargo wurden doch zehn Jahre lang die Menschen bestraft und nicht das Regime. Die Bevölkerung war den Sanktionen hilflos ausgeliefert. Im Irak gilt die Uno darum nicht als Organisation, die helfen will. Dies ist wohl ein Grund für den schrecklichen Anschlag in der vergangenen Woche in Bagdad. Sanktionen müssen die Diktatoren bestrafen, nicht die Bevölkerung.

Und wie soll das geschehen?

Es darf keinen Unterschied zwischen dem Westen freundlich gesinnten und so genannten bösen Diktatoren geben. Verbietet ihnen das Reisen! Ihre Auslandsvermögen sollten eingefroren werden. Zwingt Diktatoren zu Reformen!

Im Irak waren die angeblichen Massenvernichtungswaffen des Saddam Hussein der entscheidende Grund für den Krieg. Bis heute wurde keine gefunden. Wurde die Welt an der Nase herumgeführt?

Es ist so schade, dass wir unsere Arbeit nicht zu Ende führen konnten. Jetzt stellt sich vielleicht heraus, dass es gar keine Waffen gab - und der Krieg hätte vermieden werden können.

Fühlen Sie sich im Nachhinein benutzt?

Nein, nicht wirklich. Die Erfahrung im Irak zeigt: Geheimdienstinformationen sind mit Vorsicht zu genießen. Und will man wirklich gegen jedes Land, das unter Verdacht steht, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln, einen Krieg führen? Ich glaube, dass Inspektionen tatsächlich helfen können. Dazu aber braucht man Zeit und Geduld. Mit wirkungsvollen Inspektionen lässt sich ein nuklearer Holocaust verhindern.

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