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Irak-Krise: Jeder zweite Amerikaner hält den Krieg für einen Fehler

Wegen der anhaltenden Kämpfe wird der US-Militäreinsatz im Irak teurer als erwartet. Mittlerweile hält jeder zweite Amerikaner den Irak-Krieg für einen Fehler, wie aus einer Umfrage hervorgeht. Unterdessen bereiten sich die Spanier auf den Abmarsch vor.

Jeder zweite Amerikaner hält den Irak-Krieg mittlerweile für einen Fehler. Wie aus einer Umfrage im Auftrag der Nachrichtenagentur AP hervorgeht, sind 49 Prozent der Befragten der Meinung, die Regierung unter US-Präsident George W. Bush habe mit dem Angriff auf Irak eine falsche Entscheidung getroffen. Im Dezember erklärten dagegen noch zwei Drittel, Bush habe richtig gehandelt.

Von den Teilnehmern der jüngsten Erhebung sind 54 Prozent der Meinung, der Irak-Einsatz erhöhe langfristig das Risiko von Terroranschlägen in den USA - vor vier Monaten waren es nur 40 Prozent. Zwei Drittel halten es für wahrscheinlich, dass es noch vor der Präsidentenwahl im November zu einem Anschlag kommt.

Weniger Vertrauen in die Fähigkeit der US-Regierung

Gut die Hälfte der Befragten äußerten in der am Mittwoch veröffentlichten Umfrage die Sorge, aus dem Krieg gegen den Terror könnten am Ende die Terroristen als Sieger hervorgehen. Mehr als ein Drittel gaben an, sie hätten im Vergleich zu früher weniger Vertrauen in die Fähigkeit der US-Regierung, ihre Bürger zu schützen.

Einige der Befragten haben auf die Furcht vor Anschlägen bereits mit Vorsichtsmaßnahmen reagiert: Drei von zehn verfügen über einen Notvorrat an Lebensmitteln, Trinkwasser und eine Erste-Hilfe-Ausrüstung, jeder fünfte meidet Orte wie Einkaufszentren oder Vergnügungsparks, an denen sich viele Menschen aufhalten.

Geht es um die Frage, wer das Land besser schützen kann, hat Präsident Bush einen Vorsprung vor seinem wahrscheinlichen Herausforderer John Kerry: 53 Prozent der Befragten äußerten in dieser Hinsicht Vertrauen in den Amtsinhaber, nur 37 Prozent halten Kerry in Sachen Heimatschutz für kompetenter.

Die Umfrage wurde vom Ipsos-Institut durchgeführt. Befragt wurden 1.000 erwachsene Amerikaner. Die Fehlerquote liegt bei drei Prozentpunkten.

Abzug der Spanier

Derweil wirkt die gewaltige Kaserne am Rand von Diwanija, 160 Kilometer südlich von Bagdad, an diesem Tag fast wie ausgestorben. Die spanischen Soldaten halten sich eher in den Gebäuden auf - und bereiten sich auf den Abmarsch in die Heimat vor. Seit ihr Ministerpräsident Zapatero den raschen Abzug von 1.300 Mann aus dem Zweistromland angekündigt hat, laufen in der Hauptbasis der spanisch geführten Brigade "Ultra Plus" die Vorbereitungen auf Hochtouren.

"Das wird unsere schwierigste Mission hier", erklärt Oberstleutnant José Luis Puig, Pressesprecher der Brigade. Sie umfasst auch Soldaten aus mehreren mittelamerikanischen Ländern. "Abziehen heißt nicht einfach, seine Sachen zu packen und zu gehen." Nach dem Willen der neuen Regierung in Madrid soll die Rückführung der spanischen Truppen "so schnell wie möglich und so sicher wie möglich" erfolgen. Doch gerade um die Sicherheit ist es in der spanischen Besatzungszone neuerdings nicht zum Besten bestellt.

Zu dieser gehören nämlich auch die den Schiiten heiligen Städte Kerbela und Nadschaf. Die Schiiten hatten unter dem Saddam-Regime enorm gelitten und deswegen die US-geführten Besatzung anfangs wohlwollend oder zumindest abwartend aufgenommen. Doch Anfang April löste der radikale schiitische Prediger Muktada el Sadr in Nadschaf eine Revolte aus, nachdem die Amerikaner seine Zeitung geschlossen und einen seiner zentralen Gefolgsleute verhaftet hatten. El Sadr hat zwar keinen großen Anhang unter den Schiiten, doch die kurzen und heftigen Kämpfe zwischen Amerikanern und El Sadrs Milizen in einer Bagdader Schiiten-Vorstadt lösten Soldarisierungseffekte aus.

Oberstleutnant Puig traut dem Frieden nicht

Als Madrid den Abzug seiner Streitkräfte aus dem Irak bekräftigte, ordnete El Sadr seine Anhänger an, die spanischen Truppen zu schonen. Oberstleutnant Puig traut jedoch dem Frieden nicht. "Er könnte seine Meinung ändern, außerdem sind seine Milizen nicht die einzigen Akteure in diesem Operationsfeld." Am Dienstag gingen 15 Mörsergranaten auf die spanisch-mittelamerikanische Basis in Nadschaf nieder. Verletzt wurde dabei niemand. Wer sie abfeuerte, blieb unklar.

Außer den Spaniern wollen nun auch Honduras und die Dominikanische Republik ihre Kräfte aus der Brigade "Ultra Plus" abziehen. Nicaragua hatte sich schon zu Jahresbeginn leise und unauffällig aus dem Irak verabschiedet - das mittelamerikanische Land hatte schlicht kein Geld mehr für die Mission. Das US-Militär spielt die Bedeutung des Schrumpfens der "Koalition der Willigen" herunter. "Das sind Zahlen, bei denen sich leicht Ersatz beschaffen lässt", erklärte US-Militärsprecher General Mark Kimmitt in Bagdad, "ein Sicherheitsvakuum wird es in der Region zu keiner Zeit geben."

"Stolz" auf Irak-Mission

Die Spanier nehmen den Marschbefehl zurück in die Heimat mit einer Mischung aus Gehorsam und Erleichterung. "Wir erfüllten bisher Befehle, und wir erfüllen jetzt diesen neuen Befehl - und zwar mit demselben Enthusiasmus", unterstreicht Major Jesus Andres. Hauptmann Enrique Gomariz ist "stolz" auf seine Mission im Irak. "Wir haben die Verbrechensrate in unserer Gegend deutlich gesenkt", stellt er fest. Trotzdem ist er nach vier Monaten Einsatz froh darüber, bald wieder seine Familie sehen zu können.

In der von US-Truppen belagerten irakischen Stadt Nadschaf haben unterdessen Stammesführer die schiitischen Milizionäre zum Einlenken aufgerufen. "Wir bitten euch im Namen des Islams, die Heiligkeit der Stadt zu wahren", hieß es in einer Erklärung, die sich in erster Linie an die bewaffneten Gefolgsleute des radikalen Predigers Muktada el Sadr wandte. Es war der erste derartige Appell von Bewohnern der Stadt, in der sich eines der bedeutendsten schiitischen Heiligtümer befindet.

Weiter hieß es in der am Mittwoch von 25 Stammesführern unterzeichneten Erklärung, die Lösung des Konflikts mit den Besatzungstruppen solle den irakischen Funktionsträgern überlassen werden, "so dass nicht das Blut unschuldiger Menschen vergossen wird". Sollten US-Soldaten zur Verhaftung El Sadrs nach Nadschaf einrücken, könnte dies nach allgemeiner Einschätzung zu einem Massenaufstand der Schiiten in Irak führen.

"Mindestens ein paar Jahre" im Irak

Nach der Serie von Selbstmordanschlägen in der südirakischen Stadt Basra erklärte der britische Außenminister Jack Straw am Donnerstag, die Soldaten seines Landes würden noch "mindestens ein paar Jahre" in Irak bleiben. Selbstmordattentäter hatten am Mittwoch vor Polizeieinrichtungen gleichzeitig fünf Autobomben gezündet. Mindestens 68 Menschen kamen ums Leben, weitere 200 wurden verletzt, darunter fünf britische Soldaten. Basra liegt in der britischen Besatzungszone im Süden Iraks.

Bei Gefechten zwischen Widerstandskämpfern und US-Soldaten in Falludscha wurden am Mittwoch mindestens 20 Aufständische getötet. Zunächst war von neun Toten berichtet worden, die US-Streitkräfte korrigierten am Abend aber die Zahl nach oben. Die Kämpfe hätten rund vier Stunden angehalten, berichtete Oberstleutnant Brennan Byrne.

US-Generalstabschef Richard Myers räumte unterdessen ein, dass der Militäreinsatz in Irak wegen der anhaltenden Kämpfe teurer wird als erwartet. Eine erste Schätzung habe ergeben, dass die Entscheidung, 20.000 Soldaten 90 Tage länger in Irak zu belassen, rund 700 Millionen Dollar kosten werde, sagte Myers am Mittwoch vor einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses.

Islamische Staaten fordern UN-Resolution

Harsche Kritik am Vorgehen der Besatzungstruppen in Irak übten am Donnerstag die islamischen Staaten. Die Vereinten Nationen müssten eine "zentrale Rolle" beim Wiederaufbau und der Stabilisierung des Landes übernehmen, hieß es im Entwurf für die Abschlusserklärung eines Treffens der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) in Malaysia. Der UN-Sicherheitsrat wurde aufgefordert, eine entsprechende Resolution zu verabschieden. An der eintägigen Konferenz in Putrajaya nahmen Außenminister und Regierungsbeamte aus rund einem Drittel der 57 OIC-Staaten teil.

Die Delegierten verurteilten die Anschläge von Basra. Die Freude über den Sturz des Regimes von Saddam Hussein sei von solchen terroristischen Gewaltakten zerstört worden, sagte der malaysische Regierungschef und Gastgeber Abdullah. Zur Stabilisierung der Lage sei es jetzt an der Zeit, die Vereinten Nationen stärker einzubeziehen.

Bassem Mroue/AP / AP / DPA