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Irak: Weitere Ausländer als Geisel genommen

Die in Falludscha vereinbarte Waffenruhe dauerte nur eineinhalb Stunden, es wird wieder gekämpft. Weitere sechs Ausländer sollen als Geiseln genommen worden sein.

Ein Jahr nach der Eroberung von Bagdad stehen die US-geführten Besatzungstruppen nach den Worten des britischen Außenministers Jack Straw vor ihrer größten Herausforderung. Gruppen von bewaffneten Schiiten oder Sunniten beherrschten am Freitag in vielen irakischen Städten das Straßenbild. Die Belagerung von Falludscha durch die US-Armee, bei der seit Montag mindestens 280 Iraker getötet wurde, stößt auch im von den USA ernannten irakischen Verwaltungsrat auf Empörung.

Neue Entführungen

Mit der Entführung ausländischer Zivilisten griffen die Aufständischen unterdessen zu einer neuen Strategie im Kampf gegen die Besatzungstruppen. Im Irak sind nach Angaben der Entführer weitere sechs Ausländer als Geiseln verschleppt worden. Es handele sich dabei um vier Italiener und zwei Amerikaner. Ein Beobachter der Nachrichtenagentur Reuters berichtete, er habe zwei der Geiseln in einer Moschee in einem Dorf im Bezirk Abu Ghraib gesehen, bei denen es sich um Italiener handeln soll. Einer der beiden sei an der Schulter verletzt. Beide Geiseln hätten geweint.

Zuvor befanden sich bereits sechs Ausländer am Freitag in der Hand von Aufständischen. Eine bislang unbekannte Mudschahedin-Schwadron drohte mit der Ermordung von drei Japanern, wenn die japanischen Truppen in Irak nicht innerhalb von drei Tagen abgezogen werden. Der japanische Ministerpräsident Junichiro Koizumi wies die Forderungen kategorisch zurück.

Mörsergranate explodiert in Bagdad

Im Zentrum der irakischen Hauptstadt Bagdad, in unmittelbarer Nähe des Sheraton-Hotels, ist am Freitag Augenzeugen zufolge eine Mörsergranate eingeschlagen.

Niemand sei bei der Explosion verletzt worden, berichteten Augenzeugen der Nachrichtenagentur Reuters. Die Granate sei auf einem Gelände dicht am Hotel eingeschlagen und explodiert. Das Hotel war früher bereits von Aufständischen mit Granaten beschossen worden. In dem Hotel und dem nahe gelegenen Palestine- Hotel sind zumeist ausländische Geschäftsleute, Diplomaten und Journalisten untergebracht.

"Konnte mir sowas vor einem Jahr nicht vorstellen"

Der britische Außenminister Straw sagte der BBC, er hätte sich vor einem Jahr so etwas nicht vorstellen können. Auch wenn die meisten Iraker die Besatzung ablehnten, so seien sie doch froh, dass Saddam Hussein gestürzt worden sei, sagte Straw.

Sinnbildlich für die derzeitige Lage war eine Szene am Freitag auf dem Firdusplatz in Bagdad, auf dem vor genau einem Jahr eine Bronzestatue von Saddam Hussein mit Hilfe von US-Soldaten vom Sockel gestürzt wurde. Jetzt mussten wieder US-Soldaten auf das dort stehende noch unfertige neue Monument steigen, um ein Plakat des radikalen Schiitenführers Muktada el Sadr zu entfernen. Dieser ist anstelle von Saddam Hussein der neue Feind der USA in Irak.

El Sadr predigt gegen Bush

Der Geistliche hat sich in der heiligen Stadt Nadschaf verschanzt. In seiner Predigt vom Freitag forderte er die USA wieder auf, Irak zu verlassen. "Ich richte meine Rede an meinen Feind (US-Präsident George W.) Bush", sagte El Sadr. Wenn dieser bislang als Entschuldigung erklärt habe, dass er gegen Saddam Hussein kämpfe, "dann sage ich ihm, dass das eine Sache der Vergangenheit ist und dass er jetzt gegen das ganze irakische Volk kämpft". Die Predigt wurde im Imam-Ali-Schrein verlesen, der heiligsten Stätte der Schiiten.

Nur kurze Waffenruhe

Der US-Angriff auf Falludscha ging am Freitag nach einer kurzen Unterbrechung weiter, nachdem Frontkommandeure der US-Truppen beklagt hatten, dass sie weiter angegriffen würden. Die Menschen in Falludscha nutzten die Gefechtspause, um ihre Toten zu bestatten. Viele versuchten, aus der belagerten Stadt zu fliehen.

"Kollektive Bestrafung"

Das Vorgehen der US-Truppen wird aber auch von den USA nahe stehenden Irakern abgelehnt. Ein USA-freundliches Mitglied des Verwaltungsrats, Adnan Patschatschi, nannte den Angriff "inakzeptabel und illegal". "Diese Operation ist eine kollektive Bestrafung der Bevölkerung von Falludscha. Es war nicht richtig, alle Menschen in Falludscha zu bestrafen."

Kut zurückerobert

Die US-Truppen in Irak gehen aber weiter mit aller Härte gegen den wachsenden gewaltsamen Widerstand vor. Sie eroberten die Stadt Kut zurück, die schiitische Aufständische unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Im Süden des Landes kontrollierten Mitglieder der El-Mahdi-Miliz von El Sadr weiter die Stadt Kufa und Teile von Nadschaf. In Kerbela lieferten sich polnische und bulgarische Soldaten in der Nacht zum Freitag Gefechte mit Anhängern El Sadrs. In der südirakischen Stadt Diwanijah wurden drei spanische Soldaten verletzt.

Konvoi angegriffen

Irakische Freischärler haben am Freitag westlich von Bagdad einen Konvoi der US-Armee angegriffen und dabei mindestens neun Menschen getötet. Ein Reuters-Fotograf berichtete, er habe Leichen in den noch brennenden Fahrzeugen gesehen. Zu dem Konvoi hätten auch Tankwagen gehört. In den vergangenen Monaten haben Freischärler im Irak zahlreiche Anschläge auf Konvois der US-geführten Besatzungstruppen verübt und dabei Dutzende Menschen getötet.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters