HOME

"Die Welt verstehen" - stern-Reporter erklären: Schwindet die Macht des Islamischen Staates?

Die irakische Offensive auf Tikrit scheint Erfolg zu haben. Auch im Norden des Iraks gerät der IS in Bedrängnis. Doch reicht das, um die Dschihadisten nachhaltig zu schwächen?

Von Theresa Breuer

Eine Flagge von schiitischen Kämpfern ist auf einem Stück Mauer zu sehen, die mit einem Schriftzug des Islamischen Staates versehen ist

Eine Flagge von schiitischen Kämpfern ist auf einem Stück Mauer zu sehen, die mit einem Schriftzug des Islamischen Staates versehen ist

Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die irakischen Streitkräfte die Stadt Tikrit von den Terroristen des Islamischen Staats vollständig zurückerobern. Es wird die bislang schwerste Niederlage für den IS sein.

Schon vor Tagen hatte die irakische Armee Ortschaften rund um Tikrit eingenommen. Am Dienstag sind sie in die Stadt vorgedrungen. Am Mittwoch verkündete ein irakischer Offizier, man sei dabei, Stadtviertel zu säubern. Berichten zufolge ziehen sich die Kämpfer des Islamischen Staats bereits aus Tikrit zurück.

Seit vergangenem Juni hatten die selbsternannten Gotteskrieger die Stadt in ihrer Kontrolle. Letzte Woche startete das irakische Militär eine Großoffensive, um die Geburtsstadt von Saddam Hussein zurückzuerobern.

Zwar hatten die Terroristen Verstärkung aus anderen Gebieten geholt, um den Streitkräften zu trotzen. Die 30.000 irakischen Soldaten und schiitischen Milizionäre unter iranischer Führung konnten sie trotzdem nicht aufhalten.

Gefahr durch schiitische Milizen im Irak

Auch im Norden geraten die Islamisten in Bedrängnis: In der Nacht zu Montag haben kurdische Peschmerga Stellungen der Terrormiliz außerhalb der Stadt Kirkuk angegriffen. Kampfflugzeuge der Anti-IS-Koalition unter amerikanischer Führung haben sie dabei unterstützt. Kurdischen Offiziellen zufolge gewannen die Kurden außerdem die Kontrolle über eine wichtige Verbindungsstraße zwischen Kirkuk und Mossul.

Als der Islamische Staat im Sommer 2014 in einer Blitzkrieg-Offensive weite Teile des Iraks einnahm, war die Welt von der Stärke der Gruppe schockiert. Trotzdem sollte der Islamische Staat in seinen militärischen Fähigkeiten nicht überschätzt werden.

Mit iranischer Militärexpertise, ausreichend irakischen Soldaten und amerikanischer Unterstützung aus der Luft kann es gelingen, die selbsternannten Gotteskrieger zurückzudrängen. Langfristig sehen Experten inzwischen eher die Gefahr, dass schiitische Milizen unter iranischer Führung im Irak erheblich an Macht gewinnen.

Entsteht eine Gruppe von Franchise-Terroristen?

In Syrien sieht die Sache jedoch anders aus. Zwar haben dort kurdische Kräfte mithilfe amerikanischer Luftschläge Dutzende Dörfer in den letzten Wochen zurückerobert. Anders als im Irak gibt es aber bislang keine einheitlich geführte Streitmacht, die dem IS mehrheitlich sunnitisches Territorium streitig machen könnte.

Darüber hinaus machen sich immer mehr Terrorgruppen mit dem Islamischen Staat gemein. Im Sinai, in Libyen, sogar in China schwören radikale Gruppen dem IS die Treue. Das jüngste und prominenteste Beispiel ist die Gruppe Boko Haram, die seit Jahren in Nigeria Angst und Schrecken verbreitet.

Bleibt festzuhalten: Der Islamische Staat verliert zwar an Territorium. Möglicherweise gewinnt er aber über die Gefolgschaft anderer Terrorgruppen ideologischen Einfluss. Ähnlich funktioniert auch Al Qaida. Anstelle eines territorial begrenzten Staates würde aus dem IS so eine Gruppe von Franchise-Terroristen entstehen – also ein Netzwerk, dessen Mitglieder ihre brutalen Ziele mit derselben Ideologie rechtfertigen.

Die Ausbreitung des IS (Stand 11. März)

  • Theresa Breuer