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"Die Welt verstehen"-stern-Reporter erklären: Warum ist es so schwer, den Islamischen Staat zu bekämpfen?

Tausende irakischer und schiitischer Soldaten versuchen derzeit, den Islamischen Staat zurückzudrängen. Doch ihr Kampf ist mühevoll. Denn der Frust bei der sunnitischen Minderheit im Land ist groß.

Von Theresa Breuer

Es ist der bislang größte Einsatz gegen die sunnitische Terrormiliz Islamischer Staat (IS), seit diese Mitte 2014 Teile des Iraks überrannte: Seit einigen Tagen rücken 30.000 irakische Truppen und schiitische Milizen nach Tikrit vor, um die Stadt aus den Händen der Dschihadisten zu befreien.

Bislang vermeldete das Militär, kleinere Ortschaften außerhalb von Tikrit zurückerobert zu haben. Im Stadtzentrum wehrt sich der Islamische Staat noch mit Sprengfallen und Scharfschützen.

Die Offensive ist riskant - politisch wie militärisch. Tikrit, die Geburtsstadt des ehemaligen Diktators Saddam Hussein, befindet sich seit Juni 2014 unter Kontrolle der Terrorgruppe. Mehrere Vormärsche des irakischen Militärs sind bereits gescheitert.

Bislang keine US-Unterstützung

Die 100.000-Einwohner-Stadt ist strategisch wichtig. Sie liegt rund 170 Kilometer nördlich von Bagdad und an der Straße, die nach Mossul führt. Mossul ist Iraks zweitgrößte Stadt und wie Tikrit seit vergangenem Sommer unter IS-Kontrolle. Zuerst soll Tikrit zurückerobert werden, dann Mossul. So lautet die Strategie der irakischen Regierung.

Bislang hat die Offensive jedoch keine amerikanische Unterstützung aus der Luft erhalten. In der Vergangenheit hatten die USA mehrfach vor einem vorschnellen Angriff gewarnt.

Auch, weil sich das irakische Militär in einem katastrophalen Zustand befindet. Waren es im Jahr 2009 noch 210.000 kampffähige Truppen, gehören heute nur noch 48.000 Soldaten der irakischen Armee an. Ohne die massive Unterstützung schiitischer Milizen, die faktisch vom Iran kontrolliert werden, wäre die Offensive auf Tikrit nicht möglich gewesen.

Unmut bei den Sunniten

Schuld daran trägt der ehemalige Ministerpräsident Nuri al Maliki, der im Militär systematisch Sunniten diskriminiert und entlassen hat. Auch deshalb ist der Islamische Staat so mächtig - viele Sunniten, ehemalige Militärs und Gefolgsleute von Saddam, haben sich aus Frust dem IS angeschlossen.

Der Unmut der sunnitischen Bevölkerung ist insgesamt hoch. Auch Tikrit ist mehrheitlich sunnitisch und gilt als Zentrum der Regierungsgegner. Wie stark die Unterstützung der Bewohner sein wird, ist somit ungewiss. Schiitische Milizen haben in den vergangenen Monaten offenbar zahlreiche Verbrechen an der sunnitischen Bevölkerung begangen, wie die Menschenrechtsorganisation Human Right Watch berichtet.

Sie brannten Häuser nieder und erschossen Menschen, nachdem sie Dörfer und Städte vom Islamischen Staat zurückerobert haben. Viele Sunniten fürchten deshalb die schiitischen Milizen noch mehr als die Terroristen des Islamischen Staats. Auch das ist ein Grund, warum es dem irakischen Staat bisher kaum gelungen ist, Gebietsgewinne in sunnitischem Kernland verzeichnen.

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  • Theresa Breuer