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Präsidententochter: Ivanka Trump - das perfekte Produkt ihres Vaters

Schön, kühl, berechnend. Ivanka Trump soll den US-Präsidenten zähmen, sie gilt als Superwoman im Reich des Bösen. Dabei ist die 35-Jährige vor allem der Beweis für die Redensart, nach der der Apfel nicht weit vom Stamm fällt.

Ivanka Trump mit Ehemann und Kindern

Die perfekte Familie: Ivanka Trump mit ihren Kindern Arabella und Theodore, dahinter Ehemann Jared Kushner, gefolgt von Ivankas Bruder Eric und dessen Frau Lara.

Fragt man Ivanka Trump nach einem Erlebnis mit ihrem Vater, das sie besonders geprägt habe, muss sie nicht lange überlegen: Sie war elf Jahre alt und saß mit ihm im Privatjet kurz vor dem Abflug nach Florida. Die Maschine stand noch vor dem Hangar, aber die Triebwerke liefen schon. Ein Passagier fehlte: Trumps damalige Gattin Marla Maples. Sie hatte sich wie so oft verspätet. Schließlich kam sie angerannt. Doch statt zu warten, gab Trump den Befehl zum Start.

"Ich habe gesagt: Daddy, sie war keine fünf Minuten zu spät", erinnert sich Ivanka. Trump erwiderte nur: "Im Leben muss man pünktlich sein." Dann hielt er seiner Tochter eine Predigt über Disziplin. Das Verhalten ihres Vaters sei keine Gemeinheit gewesen, beteuert Ivanka, sondern eine wertvolle Lektion. Noch heute habe sie manchmal Albträume darüber, zu spät zu kommen. An ihrem ersten Arbeitstag im Trump Tower habe sie so früh im Foyer gestanden, dass sie zwei Stunden warten musste, bis der erste Mitarbeiter kam, um aufzuschließen.

Ivanka Trump wird in diesen Tagen gern als mächtigste Tochter der Welt gefeiert, als die Einzige, die den erratischen US-Präsidenten besänftigen und aus ihm einen besseren Politiker, ja Menschen machen kann. Ihre Macht scheint täglich zu wachsen – in jenem Maße, wie sich die Welt ihrer eigenen Ohnmacht gegenüber Trump bewusster wird.

Eine 35-Jährige, die bislang Mode und Schmuck verkaufte – als Retterin der freien Welt?

Ivanka Trump, Tochter des künftigen US-Präsidenten Donald Trump, steht in einem ärmellosen, lachsfarbenen Kleid auf einer Bühne.

Sie hat sich dafür entschieden, zu funktionieren

Dabei ist die First Daughter zunächst einmal eines: das Produkt ihres Vaters, der mit harter Hand aus ihr das weibliche Ebenbild seiner selbst formte. Ivanka Trump hat sich dafür entschieden, zu funktionieren – in der Familie, im Unternehmen, im Wahlkampf und heute im Weißen Haus. Sie liebt ihren Vater abgöttisch, aber ihr Verhältnis zu ihm gleicht einer Zugewinngemeinschaft, deren Scheitern beide träfe. Ivanka Trump ist charmant, zurückhaltender, vorsichtiger, aber immer und unbedingt: eine echte Trump.

Vergangene Woche trat Ivanka Trump zum ersten Mal in Deutschland anlässlich des Frauengipfels mit Angela Merkel auf. Das perfekte Debüt einer holden Prinzessin. Kein Lächeln zu wenig, das Rückgrat durchgedrückt, der Blick konzentriert, die Worte bescheiden: "Ich höre zu und lerne." Abends erschien sie zum Dinner im schlichten weißen Kleid. Nach der Rede der Kanzlerin legte sie ihr kurz die Hand auf den Arm. Freundschaftlich, nicht aufdringlich. Siemens-Chef Joe Kaeser schwärmte: "Sie hat mit ihrer Offenheit begeistert."

Dabei hatte sie in der hochkarätigen Runde eigentlich wenig zu suchen. Der einzige Grund für ihre Einladung war Angela Merkels pragmatische Erkenntnis, dass der Weg zum Ohr des Vaters am schnellsten über Ivanka führe. Die "Washington Post" schrieb: "Ivankas Rolle ist in Wahrheit ein Zeichen für den Niedergang der Demokratie."

Normalerweise haben Assistenten keine Büroleiter

Seit gut 100 Tagen sammelt Ivanka Trump nun also Macht und Einfluss. Zunächst schien es, als würde sie nur dann und wann als First Lady einspringen, weil sich Trumps Gattin Melania so ausdauernd im Trump Tower verkriecht. Doch seit Ivanka vor drei Wochen als "Sonderassistentin des Präsidenten" ein Büro im ersten Stock des Weißen Hauses bezog, steht fest, dass sie sich auch in die Politik einmischen will. Dafür brachte sie eine eigene Büroleiterin mit: Julie Radford, die schon in den Diensten von George W. Bush stand. Normalerweise haben White-House-Assistenten keine Büroleiter – aber was ist bei dieser Trump-Tochter schon normal?

Bisher bleibt allerdings rätselhaft, was sie mit ihrer Macht erreichen will. Angeblich war es Ivanka, die ihren Vater überredete, auf den Giftgasangriff von Syriens Präsident Assad mit Raketen zu reagieren. Sie setzt sich für bezahlten Mutterschutz ein, trifft sich mit Pro-Abtreibungsaktivisten und meinte vergangene Woche, dass "diskutiert werden muss", ob die USA mehr syrische Flüchtlinge aufnehmen sollten. Viele Amerikaner sehen in ihr eine Liberale – und übersehen dabei, dass auch der Vater einst liberalen Positionen zugeneigt war. Dass sich beide nie eindeutig im starren Schema von links und rechts verorten ließen. Ja, dass ideologische Biegsamkeit geradezu das Markenzeichen der Trumps ist – Biegsamkeit in allen Bereichen bis auf einen: ihre Treue zum Clan.

Manche vermuten, dass sich Ivanka nur deshalb auf den White-House-Posten einließ, um dauerhaften Imageschaden von ihrer Familie abzuwenden. Sie benutzt ihren Vater, genauso, wie er sie benutzt. Es ist ein Abhängigkeitsverhältnis, das auf Gegenseitigkeit beruht. Sie hilft ihm politisch, er hilft ihr wirtschaftlich. Für die Vermarktung ihrer Produkte braucht sie Glanz auf dem Familiennamen. Während ihrer Wahlkampfauftritte trug sie stets Kleider ihrer Kollektion. Anschließend konnte man sie im Internet bestellen. "Immer dann, wenn sich der Vater unmöglich machte, sorgten sich Ivanka und ihre Brüder um den Ruf des Unternehmens", erzählt Trump-Biograf Michael D'Antonio. "Der Name Trump ist schließlich auch ihre Zukunft."

In China kennt jeder ihre Tochter

Keiner kann die peinlichen Pannen des Vaters besser kaschieren, besser vergessen machen als Ivanka. Ihr gelingt das Kunststück, vollkommen mit ihrem Vater identifiziert zu werden und dennoch als eigenständig zu gelten. Das Geniale dabei sei, dass sie ihn nie öffentlich kritisiere, erklärt der New Yorker Marketing-Professor Larry Chiagouris. "Das bringt ihr enorme Sympathien."

Milliardärstochter des Volkes Ein typischer Ivanka-Moment des Kaschierens und Nutznießens zeigte sich beim Besuch von Chinas Präsidenten Xi Jinping Anfang April in der Familienresidenz Mara-Lago. Der Besuch galt als besonders schwierig, schließlich hatte Trump permanent gegen die Chinesen als "Amerikas Feinde" gehetzt. Doch jetzt nahm plötzlich Ivankas Tochter Arabella im blauen Kleidchen vor dem Staatschef Aufstellung und trug ein Lied in akzentfreiem Mandarin vor. Das Video, das Ivanka später ins Internet stellte, wurde zum Klick-Hit. Heute weiß in der Volksrepublik jeder, dass Arabella ein chinesisches Kindermädchen hat.

Dort gibt es inzwischen sogar einen echten Ivanka-Fanklub. Und in der Industrieüberwachungsbehörde SAIC gingen über 200 Anträge ein, Produkte nach der Tochter des US-Präsidenten zu benennen – von Diätpillen bis zu Dachziegeln. Ivanka erfreut sich im asiatischen Reich dieser großen Beliebtheit aus ähnlichen Gründen wie in den USA. In beiden Gesellschaften kommt an, wie die Tochter selbst Karriere macht und trotzdem ihre Familie über alles stellt. Stets betont sie, dass sie sich zuerst "als Mutter" verstehe. Ihrem Mann zuliebe ist sie zum jüdischen Glauben konvertiert.

So wie sich ihr Vater als Milliardär des Volkes verkauft, präsentiert sich Ivanka als Milliardärstochter des Volkes. Dabei klingt es geradezu zynisch, wenn sie sagt: "Wir haben von Geburt an alle die Trump-Karte in der Hand, unabhängig von Rasse, Geschlecht oder Erziehung – wir müssen sie nur spielen." Doch ihre Fans feiern solche Sätze als Mantra.

Das Vermögen von Ivanka und ihrem Mann Jared Kushner wird auf gut 740 Millionen Dollar geschätzt

Gern betont sie, dass sie für ihren neuen Job auf ein Staatsgehalt verzichte. Weniger gern spricht sie darüber, dass der Umsatz ihres Unternehmens allein im Wahlkampfjahr um 166 Prozent zulegte. Das Vermögen von Ivanka und ihrem Mann Jared Kushner wird auf gut 740 Millionen Dollar geschätzt, zusammengekommen weniger durch unternehmerisches Können als durch angeborenen Reichtum. Zwar übergab sie die Firma nun einem Trust-Fond, geführt wird sie aber von ihrer Freundin Abigail Klem. Doch niemand bezweifelt, dass Ivanka trotzdem volle Kontrolle ausübt und die Gunst ihrer Firmen im Blick behält. So war es wohl kaum Zufall, dass die chinesischen Behörden unmittelbar nach dem Besuch des Präsidenten neue Vermarktungsrechte für Ivanka-Trump-Produkte bekannt gaben. Auch die Familie ihres Gatten unterhält enge Verbindungen nach Peking. Noch im März wollte ein chinesisches Versicherungsunternehmen 400 Millionen Dollar in eine Kushner-Immobilie an der Fifth Avenue investieren. Erst in letzter Minute wurde der Deal gestoppt.

All diese Unappetitlichkeiten aber scheinen im Angesicht der Hoffnung zu verblassen, Ivanka könnte ihren Vater zähmen. Unter den gebeutelten Liberalen wird sie bisweilen als Heilsbringerin verehrt. Mia Farrow twitterte schon: "Wann bewirbt sich Ivanka ums Präsidentenamt?" Und der liberale Analyst Jeffrey Sonnenfeld schreibt: "Wenn Trump das Weiße Haus wie ein Familienunternehmen führt, muss das nichts Schlechtes sein." Die Kennedys seien doch auch erfolgreich gewesen.

Superwoman im Reich des Bösen

Manchmal scheint es, als glaube die Welt tatsächlich, Ivanka könnte ihren Vater dazu bringen, die Mexikaner wieder lieb zu haben und zu sagen: "Wir bauen die Mauer doch nicht." Superwoman im Reich des Bösen. Je unkalkulierbarer sich der Vater verhält, desto weniger kann sie den Erwartungen entfliehen. Sie sei "die Tochter, die sich jeder wünscht", sagt der Familienfreund Couri Hay. Doch wer kann sagen, wer sich hinter der perfekten Fassade dieser Tochter verbirgt? Eine Machthungrige, eine Geldgierige, eine Liebende, eine Kaltherzige? Aus Sicht von Ivanka spielt das eigentlich aber auch gar keine Rolle. "Wahrnehmung", sagt sie, "ist doch viel wichtiger als Wirklichkeit."

Donald Trumps fünf Kinder