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Krieg in Georgien: Huber macht mobil

Gerhard Schröder kritisiert den georgischen Präsidenten, und schon stürzen sich deutsche Politiker auf ihn. Dabei hat der Altkanzler nur ausgesprochen, was sich andere nicht trauen. Nicht Schröder, sondern Huber mangelt es an Realitätssinn.

Ein Kommentar von Manuela Pfohl

Ich habe es geahnt, es war nur noch eine Frage der Zeit, bis wir Deutschen mit am Rad des Kaukasuskrieges drehen. Und schuld daran ist Gerhard Schröder, der Ex-Kanzler. Da gibt der Mann ein klitzekleines Interview. Er sagt, das auslösende Moment der jetzigen Kampfhandlungen im Kaukasus sei der Einmarsch der Georgier in Südossetien gewesen. Er nennt Georgiens Präsident Michail Saakaschwili einen Hasardeur und schon rüsten die politischen Reservisten der Bundesrepublik zum Kampf.

Das Sturmgewehr in Stellung

Mit bajuwarischer Präzision bringt CSU-Chef Erwin Huber sein Sturmgewehr in Stellung und ruft mit donnernder Stimme ins Sommerloch: "Er (Schröder) schwächt die Position des Westens und erweist der Sache der Menschenrechte und des Völkerrechts einen Bärendienst." Und als ob das noch nicht genug wäre, lädt FDP-Generalsekretär Dirk Niebel nach, zieht durch und feuert: "Dem Altkanzler ist offenbar die außenpolitische Weitsicht abhanden gekommen." Da freut sich der Kriegsberichterstatter und ich wette, Gerhard Schröder, der ausgebuffte Marketingstratege freut sich auch. Wann bekommt man schon so viel Aufmerksamkeit für so wenig Neues?

Denn mal ehrlich, dass Georgien in der Nacht des 8. August eine Militäroffensive gegen Südossetien startete und der russische Präsident Wladimir Putin anschließend erklärte, die "aggressiven Aktionen" Georgiens würden "Vergeltungsmaßnahmen" nach sich ziehen, ist ja nun wahrhaftig allseits bekannt. Auch wenn man darüber streiten kann, ob und wenn ja, warum Russland Georgien zu diesem Angriff provozierte. Und bitteschön, ein Präsident, der gegen den Rat und die ausdrücklichen Warnungen seines Bündnispartners USA einen Militärschlag führt, der nur verloren werden kann, ist ein Hasardeur, einer, der skrupellos sein eigenes Volk für einen zweifelhaften Egotrip opfert. Da gibt es nichts zu beschönigen. Das kann man auch nicht verteidigen.

Da kann man sich nur wundern. Und zwar über Huber. Was in Gottes Namen hat die Auseinandersetzung über politische Ereignisse mit einer Schwächung des Westens zu tun und wieso erweist Schröder - wie von Huber behauptet - mit seinen Aussagen der Sache der Menschenrechte und des Völkerrechts einen Bärendienst? War es nicht bislang ein entscheidendes Merkmal von Demokratien, dass sie individuelle Meinungen legitimierte?

Gelegenheit für einen neuen Kalten Krieg

Was also soll der Angriff auf Schröder? Ist es der verzweifelte Versuch, die politische wie menschliche Katastrophe des Kaukasuskonfliktes für den lächerlichen Feldzug gegen den Ex-Kanzler zu missbrauchen, dem man nicht gönnt, dass er macht, was alle anderen auch machen, wenn sie sich aus der Politik verabschieden - nämlich sich einen lukrativen Posten für den Ruhestand zu besorgen? Oder steckt dahinter in Wirklichkeit das zynische Kalkül, die Gelegenheit für einen neuen Kalten Krieg mit Russland zu nutzen?

Folgt man Hubers Kampfparolen, ist es bis zur Mobilmachung der Bundesrepublik nur noch eine Frage der Zeit. "Die strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und Russland muss gründlich überprüft werden", erklärt der selbsternannte Feldjäger und meint mit Blick auf den Kaukasuskonflikt: "Europa kann das nicht tatenlos hinnehmen."

Bitte Herr Huber, sagen Sie es gleich: Muss ich meinem Sohn jetzt Socken für den Krieg stricken? Oder wird alles wieder gut, wenn sich Gerhard Schröder entschuldigt?