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Krimiautor in Berlin: Mankell schildert Angriff auf Gaza-Flotte

Sie kamen aus heiterem Himmel und brachten den Tod: Bei einer Lesung schildert Augenzeuge Henning Mankell die Attacke israelischer Soldaten auf die Gaza-Hilfsflotte. Gegen Israel erhebt der Krimiautor schwere Vorwürfe - er spricht von "Entführung" und "Piraterie". Und beklaut wurde er auch noch.

Henning Mankell wirkt müde. So müde wie sein berühmter Kommissar Kurt Wallander am Ende eines Tages, der ihm von Berufswegen wieder viel Böses zugemutet hat. Der schwedische Bestseller-Autor entschuldigt sich bei seinen Zuhörern in der Berliner Volksbühne, die nicht wegen Wallanders letztem Fall "Der Feind im Schatten" gekommen sind, sondern um ihn als Augenzeugen zu befragen. Denn der 62-jährige Autor war an Bord eines der Schiffe der Gaza-Hilfsflotte, die am Montag von israelischen Soldaten gewaltsam gestoppt wurde. Neun Menschen starben.

Drei Tage später sitzt Mankell, etwas zerzaust, auf der Bühne des Großen Hauses, und will über das Böse reden, das er selbst erlebt hat. "Niemand hat mich gezwungen, diese Pressekonferenz zu geben", sagt er. Am Abend wird er auf derselben Bühne seinen neuen Wallander-Krimi vorstellen, in dem es am Rande auch um die Verletzung schwedischer Hoheitsgewässer geht. Was Mankell am Montagmorgen erleben musste, fand dagegen in internationalen Gewässern im Mittelmeer statt: Israelische Elitesoldaten seilten sich von Hubschraubern erst auf das Führungsschiff "Mavi Marmara" der Gaza-Flotte ab und später auch auf andere der insgesamt sechs Schiffe.

"Ich hasse Lügen"

"Ich war dort", sagt er wie zur Selbstvergewisserung vor rund einem Dutzend Fernsehkameras. "Ich habe nicht alles gesehen", räumt er ein. Rund hundert Journalisten und andere Gäste wollen dennoch wissen, wie es wirklich war. Mankell verspricht ihnen, "nichts zu erzählen, was nicht wahr ist". "Ich hasse Lügen", sagt der Krimiautor. Dann berichtet er, wie er auf dem kleinen Frachter "Sophia" den Moment des Angriffs erlebte, etwa zwei Fahrtstunden vor der eigentlichen Sperrzone vor der Küste des Gazastreifens. Gegen 4.00 Uhr morgens habe er Schüsse gehört und Lichtkegel aus Hubschrauber-Scheinwerfern gesehen.

Eine halbe Stunde später sei auch die "Sophia" von maskierten Soldaten geentert worden. "Sehr aggressiv" seien diese aufgetreten. Ein älterer Mitfahrer sei von einem Elektroschocker getroffen zusammengesackt. Die Soldaten hätten mit Gummi- und Farbmunition geschossen. Nach der Durchsuchung des Schiffes seien zum Beweis "Waffen" präsentiert worden: darunter ein Nassrasierer und ein Teppichmesser aus der Küche.

"Kamera, Kreditkarten, Socken - alles weg"

Daraufhin seien sie in den israelischen Hafen Aschdod geleitet, gefilmt und bestohlen worden: Kamera, Kreditkarten, ja selbst seine Socken seien weg, sagt Mankell. Der 62-Jährige spricht von schweren, aber auch "dummen" Rechtsverstößen. Auf die Frage, was er zu israelischen Videoaufnahmen von auf Soldaten einprügelnden Aktivisten sage, antwortet Mankell: "Keiner hat sich am Seil zum Hubschrauber nach oben gehangelt, die Soldaten sind nach unten aufs Schiff gekommen."

Vielleicht hätte er sich in einer solchen Situation auch verteidigt. "Piraterie" und "Entführung" sei das gewesen. Falls möglich solle der Vorfall in Den Haag vor den Internationalen Gerichtshof gebracht werden. Aber Mankell will auch nicht zu einseitig erscheinen. Er sei kein "Antizionist" und sehe "sehr kritisch", was die radikalislamische Hamas im Gazastreifen tue.

Ob er die Schmähung "nützlicher Idiot" kenne?, fragt einer provozierend aus dem Publikum, schließlich sei der türkische Hauptsponsor der Unternehmung als Finanzier islamischer Extremisten bekannt. Nein, er sehe sich nicht als "nützlichen Idioten", sagt Mankell. Wenn die Aktion auch nur ein Schritt auf dem Weg zur Lockerung der Gaza-Blockade sei, sei sie erfolgreich. Die letzte Frage stellt ein israelischer Reporter: "Wollen Sie dem israelischen Volk etwas sagen?" Über einen Anruf habe er sich in den letzten Tagen gefreut: Die israelischen Zeitung "Haaretz" habe ihn um ein Interview gebeten, antwortet Mankell. "Dialog ist das beste Instrument der Konfliktlösung."

Daniel Karl Jahn/AFP / AFP