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Libanon-Konflikt: Raketenhagel trotz Offensive

Trotz wochenlanger israelischer Angriffe hat die Hisbollah-Miliz mehr als 180 Raketen abgefeuert. Israel weitete seine Militäroffensive im Nachbarland aus und stieß erstmals auch weit nach Baalbek im Norden des Landes vor.

Nach Angaben der israelischen Polizei wurden mehr als 180 Raketen abgeschossen, so viele wie noch nie an einem Tag. Dabei kam ein Mensch ums Leben. Zuvor hatte Israels Ministerpräsident Ehud Olmert erklärt, die Infrastruktur der Hisbollah sei fast vollständig zerstört, die Schiiten-Miliz weitgehend entwaffnet.

Israel weitete zudem seine Militäroffensive im Nachbarland aus und stieß erstmals auch weit nach Baalbek im Norden des Landes vor. Olmert kündigte eine Fortsetzung der Offensive bis zum Einsatz einer internationalen Schutztruppe an. Über deren Stationierung streiten die USA und Frankreich allerdings noch. Die Vereinten Nationen verschoben erneut ein Treffen, auf dem die internationale Staatengemeinschaft über die Bildung der Truppe beraten sollte.

Potential von 12.000 Raketen

Israel hatte vor drei Wochen seine Militäraktion unter anderem mit dem Ziel gestartet, die Raketenstellungen der Hisbollah auszuschalten. Die Miliz verfügt über schätzungsweise 12.000 Raketen. Insgesamt hat sie mehr als 1700 Geschosse auf Israel abgefeuert. Dabei wurden 19 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Bei den israelischen Angriffen im Libanon starben mindestens 643 Menschen, das libanesische Gesundheitsministerium spricht inklusive noch nicht geborgener Leichen von 762 Toten. 55 Israelis starben zudem. Eine der am Mittwoch abgefeuerten Raketen schlug offenbar im besetzten Westjordanland ein - soweit war noch kein Hisbollah-Geschoss geflogen.

Kommandoeinsatz mit Kampfhubschraubern

Der Kommandoeinsatz in Baalbek mit Kampfhubschraubern war Medienberichten zufolge der weiteste Vorstoß der Israelis in den Nordosten des Landes seit 1994, als Israel ebenfalls massiv gegen die Hisbollah vorgegangen war. Die Stadt liegt etwa 100 Kilometer nordöstlich von Beirut. "Einige Terroristen wurden gefasst und nach Israel gebracht", sagte eine Armeesprecherin. Bei den gefangen genommenen Männern handelt es sich libanesischen Sicherheitskreisen zufolge um mindestens drei Hisbollah-Mitglieder. Die Miliz bestritt die Gefangennahme von Kämpfern. Bei Luftangriffen wurden libanesischen Behördenangaben zufolge 19 Zivilisten getötet, darunter vier Kinder.

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Zähe Bodenoffensive

Im Südlibanon waren bis zu 6000 Soldaten im Einsatz gegen die Hisbollah. Libanesischen Sicherheitskreisen zufolge beschoss israelische Artillerie mehrere Grenzdörfer. Zeitgleich seien von Panzern geführte Verbände auf Hisbollah-Stellungen vorgerückt. Deren Kämpfer hätten das Feuer mit Granatwerfern, Panzerabwehrwaffen und Maschinengewehren erwidert. Der Hisbollah zufolge wurden vier israelische Panzer zerstört. Bei einem israelischen Luftangriff im Südlibanon wurden nach Angaben aus Sicherheitskreisen zudem drei libanesische Soldaten getötet.

Kämpfe bis zur Schutztruppe

Ministerpräsident Olmert bekräftigte in einem Reuters-Interview, der Krieg werde bis zur Stationierung einer internationalen Schutztruppe im Südlibanon fortgesetzt. Diese müsse auch das Mandat haben, die von den Vereinten Nationen (UN) geforderte Entwaffnung der Schiiten-Miliz durchzusetzen. UN-Diplomaten signalisierten in New York, dass die USA, Großbritannien und Frankreich hofften, eine Resolution des Sicherheitsrates bald auf den Weg zu bringen. Dazu würden die drei Veto-Mächte derzeit mit Hochdruck daran arbeiten, ihre Differenzen beizulegen.

Ringen um eine UN-Resolution

Die Resolution soll neben der Entwaffnung der Hisbollah auch die Forderungen nach einem Waffenstillstand und der Schaffung einer Pufferzone enthalten. Knackpunkt ist jedoch die Frage der Schutztruppe. Die Bemühungen um deren Bildung erlitten am Mittwoch indes erneut einen Rückschlag. Die UN verschoben zum zweiten Mal in dieser Woche ein Treffen, auf dem die internationale Staatengemeinschaft sich dazu für Vorbereitungen beraten sollte. Frankreich, das als Führungsnation im Gespräch ist, erklärte, nicht teilzunehmen. Erst müsse es eine feste Vereinbarung über einen Waffenstillstand geben, sagte Außenminister Philippe Douste-Blazy zur Begründung. Die USA wollen die Truppe hingegen schon vor einer Feuerpause im Südlibanon stationieren.

Ex-Botschafter Primor begrüßt deutsche Gespräche mit Syrien

"Unsere Regierung ist noch nicht so weit. Die Amerikaner widersetzen sich dem, sie wollen Syrien in der Isolation lassen", sagte Primor der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". Dies treibe Syrien an die Seite des Iran. "Wir müssen mit Syrien verhandeln, selbst wenn es am Anfang den USA nicht gefällt", mahnte Primor. Israel könne den Krieg nicht allein militärisch gewinnen. "Wir haben zwei Fehler gemacht. Die Bombardierung der Infrastruktur Libanons war ein Fehler. Und die Bekämpfung der Hisbollah vor allem aus der Luft war ein Fehler", sagte der Politikwissenschaftler.

Die militärischen Mittel dienten dazu, die Milizen zu schwächen. "Dann muss eine politische Lösung kommen. Das heißt: Verhandlungen mit der libanesischen Regierung", sagte Primor. Auch Verhandlungen mit den Palästinensern und Syrien seien nötig. "Sie ist nicht fest an den Iran gebunden. Man kann keinen Teil der Krise auslassen", sagte er mit Blick auf die syrische Regierung. Eine deutsche Beteiligung an einer neuen Friedenstruppe für den Nahen Osten befürwortete Primor - nicht allerdings an der libanesisch-israelischen Grenze. "Reibereien zwischen deutschen und israelischen Soldaten würde keine Seite verkraften können", warnte er. Die Federführung für einen solchen Einsatz werde bei den Franzosen liegen, aus moralischen Gründen brauche Paris aber die Unterstützung Deutschlands.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hatte angekündigt, er wolle Syrien als Schlüsselland im Nahostkonflikt durch wirtschaftliche Anreize in eine umfassende Friedenslösung einbinden. "Syrien ist ein zu wichtiger regionaler Akteur, um ihn auf Dauer außen vor zu lassen", sagte der SPD-Politiker der "Süddeutschen Zeitung". Das Land, das wie der Iran zu den Förderern der schiitischen Hisbollah zählt, solle die Friedensbemühungen im Libanon unterstützen und könne auch im israelisch-palästinensischen Konflikt eine wichtige Rolle spielen. Im Gegenzug sei eine stärkere Wirtschaftskooperation mit der EU möglich. Steinmeier hielt eine deutsche Beteiligung an einer UN-Truppe im Libanon ausdrücklich offen.

Reuters