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Luftangriff in Afghanistan: Bundeswehr empört über US-Generäle

Der schwere Luftangriff mit Dutzenden Toten in Afghanistan sorgt für Zoff zwischen Bundeswehr und US-Armee. Die Deutschen beklagen angeblich "von den USA gezielt gestreute Fehlinformationen".

Der von der Bundeswehr angeforderte Luftangriff auf zwei entführte Tanklastzüge in Afghanistan hat einem Zeitungsbericht zufolge zu schweren Verstimmungen innerhalb der Nato-Truppe Isaf geführt. Wie die "Neue Osnabrücker Zeitung" (NOZ) berichtet, empören sich hochrangige deutsche Militärs über "offenbar von den USA gezielt gestreute Fehlinformationen in einem laufenden Untersuchungsverfahren". Grund sei unter anderem ein Artikel der "Washington Post", in dem schwere Vorwürfe gegen den deutschen Kommandeur des Bundeswehrlagers in Kundus, Oberst Georg Klein, erhoben werden.

Nach Ansicht deutscher Militärs sei der Bericht eine "bodenlose Frechheit", berichtet die NOZ. Entgegen üblicher Verfahren habe das siebenköpfige Nato-Untersuchungsteam von US-General Stanley McChrystal einem US-Journalisten erlaubt, die Ermittlungen zu verfolgen. "Das stinkt zum Himmel", sagte ein Bundeswehr-Angehöriger dem deutschen Blatt. "Offensichtlich ist Oberst Klein das Bauernopfer, um das deutsche Engagement in Afghanistan zu diskreditieren."

"Das ist die Retourkutsche"

In den vergangenen Jahren hätten sich zwischen den Verbündeten viele Verstimmungen aufgebaut, nicht zuletzt wegen der oft von deutscher Seite geäußerten Kritik an dem militärischen Vorgehen der USA, berichtet die "NOZ" unter Berufung auf deutsche Militärkreise. "Das ist die Retourkutsche", hieß es dort. Zudem gebe es das Gerücht, dass die USA die Deutschen aus Kundus "herausekeln wollten".

Die "Washington Post" hatte unter Berufung auf ein Nato-Erkundungsteam berichtet, Klein habe den Angriff auf Grundlage von nur einer Quelle befohlen. Die Isaf wies den Bericht mit Verweis auf noch laufende Ermittlungen zurück.

Gab es zivile Opfer?

Am Wochenende hatte die Zeitung unter Berufung auf ein Nato-Untersuchungsteam in Kundus 125 Tote gemeldet. Bei dem Angriff in der Nacht zum Freitag seien mindestens zwei Dutzend Zivilisten ums Leben gekommen.

Verteidigungsminister Jung rückte am Montagmorgen von seiner strikten Aussage ab, bei dem Luftangriff habe es keine zivilen Opfer gegeben. Eindeutig scheine ihm, "dass der überwiegende Anteil Taliban gewesen sind", sagte Jung im ZDF. Noch am Sonntag war der Minister bei seiner Darstellung geblieben, es seien wenig mehr als 50 Taliban gestorben, aber keine Zivilisten.

Wie die "Bild"-Zeitung am Montag unter Berufung auf einen afghanischen Untersuchungsbericht meldet, stützen afghanische Offizielle jedoch Jungs erste Version. Sie gehen davon aus, dass es bei der Attacke keine zivilen Opfer gab. In dem an Präsident Hamid Karsai gerichteten Dokument, das unter anderem der Provinz-Gouverneur von Kundus, der Polizei-Chef, der Provinzratsvorsitzende und ein Kommandeur der afghanischen Armee unterzeichneten, heißt es dem Blatt zufolge: "Durch die Explosion wurden 56 bewaffnete Personen getötet und zwölf Personen verletzt." Einer der Verletzten sei später im Krankenhaus gestorben.

"Alle Getöteten gehörten zu den Taliban"

Über den Ort des Geschehens schreiben die Offiziellen: "Der Tatort befindet sich weit entfernt von bewohnten Ortschaften. Die gefundenen Gegenstände, der Ort und die nächtliche Uhrzeit (02.30 Uhr) lassen den Schluss zu, dass alle Beteiligten den Taliban-Gruppierungen angehören." Am Tatort gefunden worden seien "zwei verbrannte Traktoren, zwei verbrannte Tanklastzüge, eine verbrannte Leiche, menschliche Überreste, mehrere verbrannte Ak47, dazugehörige verbrannte Magazine." Noch vor dem Eintreffen der polizeilichen Untersuchungskommission seien Waffen, Munition und Leichen "durch die Taliban entfernt" worden. Die auf Anordnung von Präsident Karsai gebildete Untersuchungskommission, so der Polizeibericht, sehe es als bewiesen an, dass "alle Getöteten zu den Taliban und ihren Verbündeten gehören".

Wiederum anders äußert sich die örtliche Nichtregierungsorganisation "Afghanistan Rights Monitor". Ihr zufolge wurden bei dem Luftangriff außer mehr als einem Dutzend Taliban auch 60 bis 70 Zivilisten getötet.

Rühe kritisiert Verteidigungsminister Jung

Kritik an dem deutschen Militäreinsatz kommt auch von Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU). Er bezeichnete die Informationspolitik des Verteidigungsministeriums zum Luftangriff als Desaster. Dem "Hamburger Abendblatt" sagte er: "Der einzige Weg, um in der Nato, in Afghanistan und auch hier im deutschen Parlament wieder Vertrauen herzustellen, ist die Flucht in die Wahrheit." Es müsse eine totale Offenlegung der Entscheidungsprozesse von deutscher Seite geben. Bisher bestehe eine erhebliche Differenz zwischen den Bildern von verletzten Kindern und Frauen in Kundus und der Aussage des Verteidigungsministeriums, es seien nur Taliban getroffen worden.

Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) nannte es entscheidend, dass der Vorfall schnellstmöglich und rückhaltlos aufgeklärt werde. "Wir müssen deutlich machen, dass wir alles tun, um zivile Opfer zu vermeiden", sagte er der "Berliner Zeitung".

Kanzlerin stellt sich hinter die Truppe

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Sonntagabend zugesagt, dass die Umstände des von der Bundeswehr befohlenen Angriffs zügig aufgeklärt würden. Merkel versprach nach einem Treffen mit dem britischen Premierminister Gordon Brown in Berlin, Deutschland werde der Nato-Untersuchungskommission alle relevanten Informationen bereitstellen. Es gehe ihr darum, schnell aufzuklären, ob es auch zivile Opfer gegeben habe. Falls diese zu beklagen seien, bedauere sie das zutiefst.

Zugleich betonte Merkel, dass die deutschen Soldaten und internationalen Truppen in Afghanistan unter sehr schwierigen Bedingungen arbeiten. "Mir ist es sehr wichtig, dass die Soldaten wissen, dass wir hinter ihnen stehen und sie unsere politische Unterstützung haben."

Verteidigungsstaatssekretär Christian Schmidt rief die Verbündeten in Nato und EU zudem auf, sich mit öffentlicher Kritik zurückzuhalten. "Mich irritiert, dass die Öffentlichkeit gesucht wird von anderen, obwohl sie wohl auch keinen anderen Informationsstand haben als wir", sagte er CSU-Politiker.

AFP/DPA/Reuters / DPA / Reuters