Milizen In Flip-Flops an die Front

Sie wollten Präsident Charles Taylor stürzen. Darin waren sich die Rebellengruppen einig. Aber nur darin. Nach der Ansicht vieler Liberianer wird es keinen Frieden geben können, wenn die Milizionäre nicht in die Gesellschaft integriert werden.

Die Rebellengruppen in Liberia sind sich nur in einem Punkt einig: Sie wollten Präsident Charles Taylor stürzen. Wie es aber nach Taylor weitergehen soll, ist unklar. Die Rebellen verfolgen keine offensichtliche Ideologie und haben auch noch keinen Plan für die nächste Regierung des Landes vorgelegt. Wie lange die jetzige Ruhe anhalten wird, ist ungewiss.

Guinea und die Elfenbeinküste versorgen nach Einschätzung von Beobachtern die beiden größten Rebellengruppen in Liberia mit Waffen. Viele der Kämpfer sind Veteranen des sieben Jahre dauernden Bürgerkriegs, den Taylor 1989 angezettelt hatte. 1997 wurde Taylor schließlich Präsident, schloss jedoch seine Rivalen von der Macht aus.

"LURD" älteste Rebellenbewegung

Die älteste Rebellenbewegung ist die Gruppe Vereinte Liberianer für Versöhnung und Demokratie (LURD), die aus dem Norden des Landes stammt. Sie gehörte zu den Initiatoren des dreijährigen Kampfes gegen Taylor, ist jedoch wenig erfahren auf dem Feld der Politik. Ihre Kommandeure nennen sich Nasty Duke und Bush Dog, sie schreien in Interviews ihren Hass auf Taylor heraus. Seit dem vergangenen Jahr bemüht sich die LURD um ein besseres Image und verschickt per E-Mail Stellungnahmen, in denen sie Demokratie und Wirtschaftswachstum verspricht.

Guinea soll der LURD militärische Unterstützung liefern und sogar Stützpunkte zur Verfügung stellen. Eine Beraterin des guineischen Präsidenten Lansana Conte ist die Ehefrau des selbst ernannten LURD-Führers Sekou Conneh. Guinea erhält begrenzte militärische Hilfe von den Vereinigten Staaten, was Taylor wiederum als amerikanische Unterstützung für die Rebellen betrachtet. Guinea und die Elfenbeinküste werfen dem liberianischen Präsidenten derweil vor, bewaffnete Kämpfer in ihre Länder geschickt zu haben.

"MODEL" neue Rebellengruppe im Osten Liberias

In diesem Jahr tauchte dann eine neue Rebellengruppe im Osten Liberias auf, nahe der Grenze zur Elfenbeinküste. Ihre Kämpfer waren besser bewaffnet, ihre Kommandeure besser ausgebildet als die der LURD. Woher die Bewegung für Demokratie in Liberia (MODEL) eigentlich kam, was noch unklar, als deren Kämpfer schon einige Hafenstädte einnahmen und danach ihre Aktivitäten langsam einstellten. Nach Ansicht von Beobachtern geht MODEL auf den ivorischen Präsidenten Laurent Gbagbo zurück, der mit der Organisation liberianische Kämpfer am Grenzübertritt habe hindern wollen.

Beiden Rebellengruppen gehören in der Mehrheit Kämpfer der Volksgruppe der Krahn an, die von Taylor von der Macht ausgeschlossen wurde. Ihre Kämpfer zeigten sich weit weniger grausam als die Taylors, auf ihr Konto gehen weniger Morde und Vergewaltigungen.

Machtkampf zwischen LURD und MODEL befürchtet

Westliche Diplomaten befürchten einen Machtkampf zwischen LURD und MODEL nach dem Sturz Taylors, mit der Hauptstadt Monrovia und ihren Einwohnern als Schlachtfeld. Die USA zeigten sich bisher nicht zu einem bewaffneten Eingreifen bereit, wie es Großbritannien in Sierra Leone tat. US-Diplomaten sprechen von einer Machtteilung zwischen LURD und MODEL und hoffen, dass allein die internationale Anerkennung Anreiz genug für einen Frieden wäre.

Bereits aber seit dem Rücktrittsangebot Taylors im vergangenen Monat zeigen sich erste Auflösungserscheinungen bei den Milizen. Die Bevölkerung fürchtet ein Machtvakuum und dass sich die Milizionäre nun mit Gewalt ihren Lohn holen. "Die Gefahr eines völligen Zusammenbruchs in der Hauptstadt ist noch nicht abgewendet", sagt der Brite David Parker, der die EU-Hilfe in Monrovia koordiniert

Zu den Herausforderungen für die ausländischen Soldaten der ECOWS-Friedenstruppe zählen auch die uniformierte paramilitärische Anti-Terror-Einheit Taylors, das Sondereinsatzkommando der Polizei und die zahlreichen Milizenkämpfer in T-Shirts und Stirnbändern. Sie gelten als undiszipliniert und gewaltbereit - und ohne Taylor wären sie nach Einschätzung von politischen Beobachtern praktisch führer- und zügellos. Ihre Gewehre sind ihre Einkommensquelle, und sie sind bereits jetzt berüchtigt für ihre Plündereien und Übergriffe auf die Zivilbevölkerung.

Ruf nach Eingliederung der Milizenkämpfer

Doch auch wenn die Friedenstruppe neues Blutvergießen verhindern kann, wird es nach Ansicht vieler Liberianer keinen dauerhaften Frieden geben können, wenn die Milizionäre nicht in die Gesellschaft integriert werden - sei es als Angehörige der Streitkräfte oder als Zivilisten. Bulletproof, ein Milizkämpfer ohne Einkommen und mit nicht viel mehr als einem zerrissenen T-Shirt und Flip-Flops an den Füßen, ist überzeugt, dass nur die Zusammenarbeit Versöhnung bringen kann. Im Mittelpunkt steht für ihn die finanzielle Entlohnung: Er erwarte denselben Lohn wie US-Soldaten, die künftig auf den Straßen Monrovias patrouillieren könnten. "Wir sind hier in Liberia", erklärt Bulletproof. "Ich bin hier ein Sicherheitsmann. Sie sollen gefälligst mit mir teilen."

Ellen Knickmeyer DPA

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