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Mohammad Merah Der Attentäter von Toulouse


Höflich und zivilisiert - und gleichzeitig ein Mörder aus Überzeugung. Der mutmaßliche Serienkiller Mohammad Merah aus Toulouse sorgt in seiner Heimatstadt für Fassungslosigkeit.

Still, bescheiden, freundlich, hilfsbereit - so beschreiben frühere Weggefährten und Nachbarn den algerischstämmigen Mohammad Merah. Kaum einer vermag sich vorzustellen, dass der 23-Jährige hinter den kaltblütigen Morden an einem Lehrer und drei Schülern einer jüdischen Schule und an drei französischen Soldaten steckt. Zwar war Merah durch mehrere kleine Vergehen wie Diebstähle und Handtaschenraub polizeilich bekannt. Seinen Nachbarn zufolge lebte er aber völlig unauffällig in dem fünfstöckigen Haus, in dem er sich am Mittwoch nach einem Polizeieinsatz verschanzt hatte.

Selbst Merahs Anwalt Christian Etelin, der seinen Mandanten seit 2004 kennt und ihn zuletzt wegen eines Autounfalls verteidigt hat, ist fassungslos. Die Radikalisierung des höflichen und diskreten jungen Mannes sei nicht absehbar gewesen, sagt der Verteidiger dem TV-Nachrichtensender BFM. Etelin beschreibt den mutmaßlichen Serienkiller als "zivilisiert" und von "weichem Verhalten".

Merah sieht sich als "Mudjahidin"

Die Ermittler aber sind sich sicher, dass Mohammad Merah der gefürchtete Serienmörder von Toulouse ist. Innenminister Claude Guéant beschreibt den Verdächtigen gegenüber BFM als einen Menschen, der sich selbst als "Mudjahidin" bezeichnet und Beziehungen zu Personen aus dem radikalen muslimischen Salafisten-Umfeld hat. "Sein Profil entspricht dem eines sehr entschlossenen Menschen (...) Er spricht viel und betont seine Überzeugungen", sagt Guéant.

Nach den Morden schien sich der junge Mann auf eine längere Kampfsituation eingestellt zu haben, möglicherweise hatte er sogar weitere Anschläge geplant. Zu seinem Waffenarsenal zählten eine Kalaschnikow und eine Uzi-Maschinenpistole - Kriegswaffen, die wirkungsvolles Töten zum Ziel haben. Im Tausch gegen ein Mobiltelefon gab Merah außerdem eine großkalibrige Pistole ab - der gleiche Typ kam bei allen Anschlägen zum Einsatz. In einem Auto in der Nähe des Hauses in der Rue Sergent Vigne im ruhigen Toulouser Quartier Cote Pavée fanden Ermittler weitere Waffen. Das Fahrzeug wurde mittlerweile kontrolliert gesprengt. Als die Beamten um kurz nach drei Uhr morgens das Gebäude stürmen, scheint der Verdächtige bereits auf die Polizei gewartet zu haben. Durch die geschlossene Tür feuerte er auf die Beamten, zwei wurden von Kugeln getroffen.

Bereits in der Vergangenheit war Mohammad Merah ins Visier von Geheimdiensten geraten, weil er sich in Afghanistan und Pakistan aufgehalten hatte. Afghanische Behörden geben an, der 23-Jährige sei schon 2007 in dem Land festgenommen worden, weil er Bomben gelegt haben soll. Bei einer Massenflucht ein Jahr später sei er aber aus dem Gefängnis entkommen, heißt es. Auch seine Familie scheint die islamistischen Überzeugungen des mutmaßlichen Serienmörders geteilt zu haben. Ein Bruder, die Mutter und Merahs Freundin wurden bereits festgenommen. Im Auto des Bruders, der wie Mohammad Merah Mitglied einer islamistischen Gruppe war, fand die Polizei Sprengstoff.

Rache für palästinensische Kinder

Auf die Spur kam die Polizei Merah, der immer mit einem Motorroller vom Tatort floh, am Dienstag durch die Internet-Adresse seines Bruders. Der Verdächtige tauschte mit seinem ersten Opfer, einem Soldaten nordafrikanischer Abstammung, Mails aus. Er antwortete auf eine Internet-Anzeige, in der der Fallschirmjäger sein Motorrad zum Verkauf anbot.

Zum Verhängnis wurde Mohammad Merah schließlich sein eigener Yamaha-Motorroller T-Max 530. Ein Yamaha-Händler berichtete von einem Mann, der sich erkundigte, wie er einen Chip zum Auffinden des Rollers bei Diebstahl entfernen könne. Dabei habe er auch gesagt, dass er seine Maschine umgespritzt habe. Der Roller war zunächst grau-schwarz und später weiß. Er habe daraufhin der Polizei Merahs Namen genannt, den er seit Jahren in seiner Kundendatei gehabt habe, sagte der Händler der Nachrichtenagentur AFP.

Merahs Motiv für die Taten ist sehr konkret: Er habe den Tod palästinensischer Kinder rächen und ein Zeichen gegen die französische Militärpräsenz in Afghanistan setzen wollen. Außerdem stehe er dem Terrornetzwerk al Kaida nahe.

Die gezielten Morde an französischen Soldaten erscheinen außerdem in einem neuen Licht, seit bekannt ist, dass Mohammad Merah zwei Mal bei der Armee beworben hatte. Im Januar 2008 bemühte er sich in Lille um seine Aufnahme bei den Bodentruppen. Er habe alle Tests absolviert, sagte ein Oberst der Nachrichtenagentur AFP, "aber die Überprüfung seiner Vorstrafen hatte eine Ablehnung seiner Bewerbung zur Folge". Zwei Jahre später versuchte der Verdächtige sein Glück dann bei der Fremdenlegion in Toulouse. Dort aber nahm er nicht einmal an den Auswahltests teil.

Mareike Rehberg, mit Agenturen

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