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Myanmar: Ein System sieht rot

Als die Massenproteste der Mönche immer größer wurden, schickten Myanmars Generäle ihre Elitetruppen gegen die Demonstranten. Nun herrscht Ruhe. Aber der Aufstand kann wieder aufflammen.

Von Joachim Reinhardt

Nach dem großen Aufstand ist Stille eingekehrt. Kaum ein Mensch wagt sich auf die Straße. Die Shwedagon-Pagode, deren goldenes Dach mit Hunderten von Diamanten in der Mittagssonne glitzert, liegt verlassen da. Dort, wo sonst im Zentrum von Rangun zwischen stinkenden Autos Früchte, Klamotten und billige chinesische Elektroware feilgeboten werden, wo in den vergangenen Wochen Tausende Mönche in roten Gewändern durch die Straßen zogen, dort, wo die Menschen bereits von der Safran-Revolution träumten, patrouillieren jetzt Soldaten in grünen Overalls. Mit rostigem Stacheldraht und Sandsäcken riegeln sie einen Straßenzug nach dem anderen ab, Schlagstöcke am Gürtel, Schutzschilde und Schnellfeuergewehre mit aufgesetztem Bajonett im Anschlag. Vor ein paar Tagen noch verstopften Tausende hier die Straßen, jetzt liefern sich ein paar Wagemutige ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Soldaten. Immer wieder fallen Schüsse.

Selbst die Mönche scheinen Angst zu haben. Einige, so heißt es, wurden in den Klöstern festgesetzt, andere haben ihre Gewänder gegen zivile Kleidung getauscht und Zuflucht bei Verwandten gefunden. Eine unbekannte Zahl wurde von den Soldaten verprügelt, die in die Klöster eindrangen, die Zellen verwüsteten und plünderten, überall sind Blutspuren auf den Gängen. Nach offiziellen Angaben wurden in den vergangenen Tagen neun Menschen getötet, darunter drei Mönche und ein ausländischer Fotograf. Womöglich aber geht die Zahl der Opfer in die Hunderte. Als aus dem Protestzug für bezahlbare Lebensmittel und billiges Benzin durch die Hauptstadt Rangun eine Demonstration gegen die herrschende Militärjunta geworden war, hatten die Generäle zugeschlagen. Aus den Palästen ihres neuen Amtssitzes Naypyidaw, 400 Kilometer nördlich von Rangun, befahlen sie Elite-Einheiten wie die 77. Brigade ins Zentrum der Unruhen.

Ein einst stolzes Königreich

Die Massenproteste haben das Land im toten Winkel zwischen Indien, China und Thailand plötzlich auf die Karte der Weltpolitik gebracht. Es ist eines der schönsten Länder der Erde. Ein einst stolzes Königreich, in dem die britischen Kolonialherren die Monarchie abschafften, die soziale und religiöse Ordnung zerstörten. Schließlich entließen sie das Land mit einer ruinierten Wirtschaft in die Unabhängigkeit. Seit inzwischen 45 Jahren versucht ein Militärregime nach dem anderen, ein ethnisch und politisch zerrissenes Land zusammenzuhalten, nahezu abgekoppelt vom Rest der Welt. Jetzt schien das Ende der Diktatur zumindest möglich. Zum ersten Mal seit den Massenprotesten im Sommer 1988, als die Junta die Revolte der Studenten blutig niedermetzeln ließ. Bis zu 3000 Todesopfer soll es damals gegeben haben. Die Welt erfuhr davon mit Tagen Verspätung und auch nur sehr bruchstückhaft.

Ein Jahr nach den Massakern ordnete die Militärjunta an, das Land von nun an Myanmar zu nennen und die Hauptstadt Rangun wieder Yangon, die traditionellen Namen. Yangon heißt "Ende des Streits". Doch ein Ende hat dieser Streit nie gefunden. Und die Angst der Menschen ist seit jenen Tagen nicht kleiner geworden. Bis heute, da die Bilder von prügelnden Polizisten, schießenden Militärs und jämmerlich sterbenden Demonstranten via Handy-Videos und Internetblogs nahezu in Echtzeit um den Globus flimmern. Deshalb hat die Junta nun das Handy-Netz gekappt, das Internet lahmgelegt und Hunderte von Internetcafés allein in Rangun geschlossen.

"Das ist der zweite Kampf um die Unabhängigkeit"

Hermetisch abgeriegelt sind nicht nur die Pagoden und Klöster, sondern ist auch die weiße Villa an der University Avenue 54, direkt am Inya-See. Hier lebt hinter hohen Mauern und Stacheldraht Aung San Suu Kyi, die Ikone der Opposition. Sie ist die Tochter des Nationalhelden Aung San, der das Land einst in die Unabhängigkeit führte. Seit sie 1988 an der Shwedagon-Pagode neben dem überdimensionalen Porträt ihres Vaters vor rund einer Million Menschen eine historische Rede hielt, verkörpert sie die Hoffnung auf ein freies Leben in einem neuen demokratischen Myanmar. Damals sagte sie: "Das ist jetzt der zweite Kampf um die Unabhängigkeit."

Als die Mönche, von buddhistischer Nächstenliebe singend, in der vergangenen Woche an ihrem Haus vorbeizogen, trat die Friedensnobelpreisträgerin an das Tor ihres Anwesens, in dem sie seit Jahren unter Hausarrest steht und nur von ihrem Hausarzt besucht werden darf. Es war ihr erster öffentlicher Auftritt. Augenzeugen beschwören, dass sie Tränen in den Augen hatte. Die Mönche und der Rest der Bevölkerung werteten dies als Segen für ihren Protest. Spätestens da hatte der dritte Kampf für die Freiheit und bessere Lebensbedingungen begonnen.

Die Regierung begeht Selbstmord

"Die Preise steigen seit Jahren. Als jetzt im August auch noch die Subventionen für Gas und Benzin gestrichen wurden, war mein erster Gedanke: Die Regierung begeht Selbstmord mit dem, was sie da tut", sagt die Birma-Expertin Uta Gärtner von der Humboldt-Universität in Berlin. "Es war klar, dass dies die Geduld der großen Massen übersteigt." Gas kostet seither fünfmal so viel wie zuvor. Die Preise für Benzin, Diesel und Busfahrkarten haben sich verdoppelt, die Preise vieler Lebensmittel ebenso.

Bereits im August organisierte der ehemalige Studentenführer Min Ko Naing, der auch die Demonstrationen von 1988 anführte und bis 2004 im Gefängnis saß, kleinere Kundgebungen. Sein Kampfname lautet "Der, der den König stürzt". Doch "Der, der den König stürzt" ist von der Ordnungsmacht längst wieder aus dem Verkehr gezogen worden.

Keine Rasierklingen für die Kopfrasur

Die Proteste der ehemaligen Studenten wären vergessen, hätten sich nicht am 5. September in der Provinzstadt Pakokku 600 Mönche den Demonstrationen angeschlossen. Sie könnten sich nicht einmal mehr Rasierklingen für die Kopfrasur kaufen, klagten sie. "Um sie auseinanderzutreiben, schoss das Militär in die Luft", sagt ein Augenzeuge. Am Tatort zurück blieben die Sandalen der geflüchteten Mönche, und die verhassten Militärs haben seither ein Problem: So etwas macht man nicht mit den Mönchen. Sie sind die höchste moralische Instanz im Land. "Dass dann auch noch die geforderte Entschuldigung von der Regierung ausblieb, brachte das Fass zum Überlaufen", sagt der Theologe Hans-Bernd Zöllner, Dozent am Asien- Afrika-Institut in Hamburg. "Mit der Würde der Mönche wurde die Würde des ganzen Volkes verletzt."

In Myanmar wird der Buddhismus in seiner reinsten und ursprünglichsten Form praktiziert. Jeder Sohn buddhistischer Eltern geht als Kind oder Jugendlicher einige Zeit ins Kloster und wird als Novize geweiht. Gut 400.000 Mönche gibt es im Land, aber nur ein Teil bleibt ein Leben lang hinter Klostermauern. Die gesamte Gesellschaft ist der Religion eng verbunden. "Nur wer sie unterstützt und ihren Segen erhält, kommt in Birma zu Wohlstand und sichert sich ein gutes Karma für das nächste Leben", sagt Zöllner. "Wenn die Menschen so sehr verarmen, dass sie nichts mehr geben können, leiden nicht nur die Mönche, sondern auch die Gläubigen: Man entzieht ihnen die Möglichkeit, Gutes zu tun."

Gerade jetzt, zur Regenzeit, sind die Klöster voll von Männern, die sich für einige Wochen oder Monate aus dem Alltagsleben zurückziehen. Es ist die buddhistische Fastenzeit, normalerweise die Zeit der inneren Einkehr. Nach der Lehre Buddhas sollen die Mönche das Kloster nicht verlassen. Früher galt diese Regel, damit niemand die Reispflanzen zertrat. Doch Reisfelder gibt es in Rangun längst nicht mehr, dafür wachsende Slums und bittere Armut. Dagegen sind die Mönche nun auf die Straße gegangen. Und haben damit den Blick der Weltöffentlichkeit auf eines der für westliche Augen wohl skurrilsten Staatsgefüge der Welt gelenkt.

Monarchistischer Größenwahn

Die Unabhängigkeit wurde 1948 um 4.20 Uhr verkündet, bei völliger Dunkelheit. Astrologen hatten U Nu, dem ersten Ministerpräsidenten, zu Deutsch Onkel Sanft, zu dieser Uhrzeit geraten. Immer wieder wurden in den folgenden Jahr- zehnten Geldscheine aus dem Verkehr gezogen und neue eingeführt, deren Wert stets die Quersumme neun ergeben musste, die Glückszahl der Mythologie. Dem jetzigen Staatschef Generalleutnant Than Shwe, 74, wird monarchistischer Größenwahn nachgesagt. Man munkelt, dass sich die Mitglieder seiner Familie mit königlichen Titeln ansprechen.

Erst vor zwei Jahren haben die Generäle exakt in der geografischen Mitte des Landes für 300 Millionen Dollar einen neuen Regierungssitz bauen lassen. Sie nennen den Ort Naypyidaw, was so viel bedeutet wie "Sitz der Könige". 30 Ministerien reihen sich im Abstand von eineinhalb Kilometern an einer sechsspurigen Straße. Daneben Paläste mit Exerzierplatz, beherrscht von drei riesigen Statuen, den Gründern der drei großen birmanischen Dynastien. Hier, in Naypyidaw, soll eine vierte Dynastie entstehen. Die Uhrzeit des Umzugs wurde vom Astrologen des Machthabers diktiert: 6.37 Uhr, die Glück verheißende Zeit.

Sieben Halsketten aus Diamanten

Die alten Herren der Junta nennen sich "Staatsrat für Frieden und Entwicklung". Fast alle sind Karrieresoldaten, die gegen Minderheitenvölker im eigenen Land in den Krieg gezogen sind. Die Ehefrauen haben wenig Lust, ihren Männern in die heiße Ödnis des neuen Regierungssitzes am Fuß der Shan-Berge zu folgen, wo sie Wassermangel, Schlangen und Malaria erwarten. Damit die Beamten zum Umzug bereit waren, erhöhten die Militärs deren Gehälter um ein Vielfaches. Das schürte den Unmut der Bevölkerung. Noch mehr war das verarmte Volk schockiert, als die Videoaufzeichnungen von der opulenten Hochzeit der Präsidententochter bekannt wurden. Sie soll Geschenke für mehr als 50 Millionen Dollar erhalten haben. Allein sieben Halsketten aus Diamanten hatte die wohlgenährte Dame unter ihr Doppelkinn gebunden.

Landes von chinesischen Managern führen. Konzessionen für Öl, Gas und Tropenholz werden nach Belieben vergeben. Laut Transparency International ist Myanmar das korrupteste Land der Welt. Offiziell befindet es sich auf dem Weg zu Marktwirtschaft und einer "disziplinierten Demokratie". Der erste von sieben selbst verordneten Schritten wurde genau zwei Tage vor den ersten Demonstrationen der Mönche in Pakokku gemacht. Nach 14 Jahren Arbeit hatte eine verfassunggebende Versammlung einen 104 Grundprinzipien umfassenden "Fahrplan für die Demokratie" vorgelegt. Dem Militär wird danach ein Viertel aller Parlamentssitze garantiert. Der Präsident, der über außerordentliche Vollmachten verfügt, muss militärische Erfahrung mitbringen. Das Regime verbittet sich jede Mitsprache auch darüber, wie und wann das Ganze umgesetzt werden soll.

Ihre Partei rief zum Wirtschaftsboykott auf

Außer den Mönchen fürchten die Generäle nichts mehr als Aung San Suu Kyi, die unter Hausarrest stehende Friedensnobelpreisträgerin. Jahrelang haben sie ihr die Freiheit versprochen unter der Bedingung, dass sie das Land verlässt. Später boten sie ihr an, an der neuen Verfassung mitzuarbeiten, und erlaubten ihr für eine Weile, durch das Land zu reisen. Doch sie stellte jede Mitarbeit unter Protest ein und weigerte sich, dem Regime irgendeine Legitimation zu verschaffen. Stattdessen rief ihre Partei zum Wirtschaftsboykott Myanmars auf.

Für viele politische Beobachter hat die Opposition durch ihre Starrköpfigkeit dem Land geschadet. Sie sehen sich als Regierung im Wartestand, zu Kompromissen nicht bereit. Der im Exil lebende Autor Thant Myint U, Enkel des ehemaligen UN-Generalsekretärs U Thant, sagt: "Das Regime kann den westlichen Sanktionen mühelos widerstehen, die Volkswirtschaft ist mit den Machthabern verknüpft, und eine wachsende Unterschicht ist mit größeren Missständen konfrontiert als jemals zuvor. Millionen Armer aus den ländlichen Gebieten suchen nach Arbeit und Nahrung. Trotzdem liegt die internationale Hilfe für Myanmar nur bei einem Zwanzigstel dessen, was Kambodscha, Laos oder Vietnam erhalten." Allein durch die Sanktionen der USA nach dem erneuten Hausarrest Suu Kyis 2003 verloren etwa 100.000 Arbeiterinnen in Textilfabriken ihren Job. Manche suchen jetzt in Karaoke-Bars als Prostituierte ihr Auskommen.

Peking sieht keinen Handlungsbedarf

Die Militärs hingegen leben so gut wie zuvor. Vor allem weil die asiatischen Nachbarstaaten gern in die Bresche springen, die Amerika ihnen eröffnet hat. Thailand holt sich vor allem das Gas. Die Chinesen, die Birmas Generäle beraten, sind inzwischen der wichtigste Handelspartner. Als es jetzt im UN-Sicherheitsrat darum ging, politischen Druck auf die Machthaber in Myanmar auszuüben, legten die Chinesen ihr Veto ein. Peking sieht keinen Handlungsbedarf. Die Situation stelle keine Bedrohung für den Frieden in der Region dar.

Inzwischen haben die Äbte die Mönche zurückgepfiffen. Seit Langem haben sich die militärischen und religiösen Führer miteinander arrangiert. Das war den Generälen stets viel Geld wert - und das wollen die Äbte nicht verlieren und haben deshalb die Direktive Nr. 93 erlassen. Darin erinnern sie die Mönche daran, sich nicht in weltliche und politische Dinge einzumischen. Wer es doch tut, hat mit Ausschluss aus dem Orden zu rechnen.

Militärs misstrauen der Geistlichkeit

Trotzdem misstrauen die Militärs der Geistlichkeit. Nach den Demonstrationen Tausender Mönche in den vergangenen Wochen gelten die heiligen Stätten den Machthabern als gefährliche Orte der Verschwörung. Immer nachts kommt das Militär in die Klöster. Bei Razzien sucht es nach Waffen, nach Flugblättern, nach jedem möglichen Anzeichen einer neuen Widerstandsbewegung. Und es sucht nach Oppositionellen, die sich im Mönchsgewand in die Klöster geschmuggelt haben könnten.

Ob der Protest das System aushebeln wird, ist fraglich. Freiwillig werden die Generäle nicht abdanken. "Nichts, was sie in den letzten 20 Jahren gesagt haben, legt nahe, dass sie sich nun zurückziehen", sagt Thant Myint U. Gleichwohl, da sind sich politische Beobachter einig, müsse man weiterhin mit einer Eskalation rechnen. Denn in den Reihen der Demonstranten gibt es Leute, die zu Gewalt bereit sind.

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