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Chaos in Kabul Nach dem Abzug ein "Power-Theater" der Taliban: Was auf das Ende der Afghanistan-Mission folgt

Ein US-Marine sorgt während einer Evakuierung am Flughafen von Kabul für Sicherheit
Afghanistan, Kabul: Ein US-Marine sorgt für Sicherheit, als afghanische Flüchtlinge während der Evakuierung vom Hamid Karzai International Airport an Bord eines Militärtransportflugzeugs gehen
© Sra Taylor Crul/U.S. Air/Planet Pix via ZUMA Press Wire / DPA
Die USA wollen am Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan zum 31. August vorerst festhalten. Das Zeitfenster für vom Militär gesicherte Evakuierungen schließt sich. Was bedeutet das für die Lage vor Ort?

Joe Biden bleibt dabei: Der US-Präsident will vorerst am Abzug der Truppen bis kommenden Dienstag festhalten – obwohl noch viele Tausend Afghanen auf eine Ausreise hoffen. Auch Bitten europäischer Verbündeter, noch länger Evakuierungen am Flughafen Kabul zu ermöglichen, stimmten Biden nicht um (mehr dazu lesen Sie hier).

Damit schließt sich das Zeitfenster für vom Militär gesicherte Evakuierungen westlicher Staatsbürger, afghanischer Ortskräfte und anderer Schutzbedürftiger, die von der Präsenz der aktuell mehr als 5000 US-Truppen abhängig sind. Und der Vorhang für "eine Art Power-Theater" der Taliban könnte fallen, meint Sicherheitsexpertin Florence Gaub zum stern.

Sicherheitsexpertin: "Unsere Werte werden vorgeführt werden"

"Für Terrorismus weltweit ist der Abzug eine gute Nachricht", sagt Gaub, "aber für uns nicht". Die Politikwissenschaftlerin ist unter anderem stellvertretende Direktorin beim EUISS European Union Institute for Security Studies und beschäftigt sich mit dem arabischen Raum und europäischer Sicherheitspolitik. Sie mahnt mit Blick auf die Evakuierungsmissionen: "Ohne die USA ist es extrem schwierig, die Truppen selbst vernünftig zu schützen, und wir haben auch nicht das geheimdienstliche Material, um ein genaues Lagebild zu haben." Um dies leisten zu können, "bräuchten wir nicht nur größere Verteidigungsetats, sondern vor allem geopolitischen Willen."

Nach Worten des Chefs des Bundeswehrverbands wird das Festhalten der USA an den Abzugsplänen "den Druck noch mal erhöhen". Die Bundeswehr müsse nun sehen, dass sie über den Flughafen noch so viele einheimische Helfer der Deutschen mit ihren Angehörigen herausbringe wie möglich und dass die Soldaten heil zurückkämen. Aber: "Wir wissen: Aktuell können wir nicht jedem helfen", sagte André Wüstner am Mittwoch im ZDF-"Morgenmagazin". "Alle Versprechen wird man nicht halten können."

Nach dem Truppenabzug erwartet Sicherheitsexpertin Gaub, dass wir "bis zum Frühjahr in erster Linie eine Art Power-Theater der Taliban vorgeführt" bekommen, in dem die militanten Islamisten sich als "Besieger zweier Weltmächte darstellen werden, die die wahre afghanische Gesellschaft vertreten." Das werde unangenehm für die USA und die EU, glaubt Gaub, "denn wir, unsere Werte, die Demokratie, werden vorgeführt werden." Sei es doch die "erste Amtshandlung" der Taliban, das Land unter ihre Kontrolle zu bekommen – das schließe einerseits die militärische Kontrolle ein, anderseits auch die von Institutionen. 

Dabei dürfte es den Taliban auch um die Sicherung ihrer Vormachtstellung gehen. Bundeswehr-Verbandschef Wüstner wies auch darauf hin, dass in der von den Islamisten übernommenen Hauptstadt auch andere Terrorgruppen zunehmend aktiv seien. Sie würden sicher versuchen, "noch mal auf sich aufmerksam zu machen". Auch US-Präsident Biden warnte vor einer wachsenden Terrorgefahr am Flughafen in Kabul durch einen örtlichen Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Der IS-Ableger sei ein erklärter Feind der Taliban, sagte Biden – mit einem Anschlag auf den Flughafen könnten die Terroristen die Glaubwürdigkeit der Taliban als neue Machthaber erschüttern und auch ausländische Truppen treffen, die der Gruppe verhasst sind.

"Mittelfristig ist durchaus vorstellbar, dass der Islamische Staat ein Problem werden könnte", meint auch Sicherheitsexpertin Gaub. Auch die Taliban könnten nicht ganz Afghanistan kontrollieren. "Daher das kommende Power-Theater", so Gaub: Es könnte ein Vakuum entstehen, in dem der IS sich ausbreiten könne, zumal der IS "ideologisch nicht mit den Taliban auf einer Wellenlänge liegt." Im Konflikt zwischen dem IS und den Taliban "geht es nicht um Werte, sondern um Vormachtstellung." Gaub fasst zusammen: "Für Terrorismus weltweit ist der Abzug eine gute Nachricht, aber für uns nicht."

Berichte: Bundeswehr vor Ende ihrer Evakuierungsflüge

Angesichts des bevorstehenden US-Truppenabzugs könnte Medienberichten zufolge die Bundeswehr ihre Evakuierungsflüge bereits in dieser Woche beenden. Das Verteidigungsministerium wollte aber Berichte nicht bestätigen, wonach die Luftbrücke voraussichtlich schon am Freitag enden soll. Medienberichte über einen möglichen Zeitpunkt könne er "weder bestätigen noch dementieren", sagte ein Ministeriumssprecher am Mittwoch. Mehrere Medien hatten zuvor über ein Ende der Flüge am Freitag oder Samstag berichtet.

Die Bundeswehr evakuierte bis zum Mittwochmorgen nach Angaben des Verteidigungsministeriums insgesamt 4654 Menschen aus Afghanistan. Am Dienstag wurden demnach in fünf Flügen 983 Menschen ausgeflogen. Am Mittwoch wurden die Evakuierungsflüge fortgesetzt.

Das Ende der Flüge am Freitag konnte auch der Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Auswärtigen Ausschuss, Roderich Kiesewetter (CDU), nicht bestätigen. Klar sei aber, dass bei einem Abzug der USA am 31. August deren Partner zwei bis drei Tage vorher aus Afghanistan heraus müssten, sagte er am Mittwoch im ZDF-"Morgenmagazin". Deshalb sei es ganz wichtig, dass afghanische Ortskräfte auch danach ausreisen könnten. Es gehe deshalb darum, mit den radikalislamischen Taliban zu verhandeln.

DPA AFP

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